Kerzen gegen Hoffnungslosigkeit

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Kerzen gegen Hoffnungslosigkeit

Sri Lanka

Tausende Menschen verloren durch den Tsunami im Jahr 2004 auf der Insel Sri Lanka alles. Viele verloren ihr Leben. Kerzen gaben einer Gruppe Überlebender neue Hoffnung.

“Laufen Sie! Schnell! Laufen Sie Pater Charles!“ Angsterfüllte Schreie durchbrechen die besinnliche Stille der St. Mary’s Church in Matara an diesem Sonntag nach Weihnachten. Irritiert dreht sich Pater Charles zu seiner Gemeinde um, etwa 100 Menschen sind zum Gottesdienst gekommen. Durch das offene Kirchentor sieht er etwas und versteht es nicht: Ein Auto kommt immer näher, direkt auf die Kirche zu. Angst macht sich nun auch in Pater Charles breit. Er rufte den Menschen zu, durch die Hintertür zu flüchten und sich in dem noch nicht fertiggestellten Neubau zu verstecken, dann zieht ihn jemand in die Sakristei. „Erst da habe ich das viele Wasser bemerkt und ich habe mich gewundert, denn es gab zu der Zeit keine Überschwemmungen“, erinnert sich Pater Charles an den Tag im Jahr 2004, der alles veränderte. „Ich habe meine Soutane ausgezogen und wollte zurück in die Kirche, um die heilige Kommunion und die Marienstatue unserer ‚Lady of Matara‘ zu holen, doch sie waren nicht mehr da, überall war jetzt Wasser.“

Pater Charles

„Erst als mich jemand in die Sakristei zog, habe ich das viele Wasser bemerkt und ich habe mich gewundert, denn es gab zu der Zeit keine Überschwemmungen.“

Pater Charles

Unbekannte Gefahr

Sri Lanka

Zwanzig Minuten, eine gefühlte Ewigkeit lang, kämpfte der Pfarrer der Wallfahrtskirche an der Südküste Sri Lankas darum, seinen Kopf über Wasser zu halten. Als sich das Meer schließlich zurückzog, schaffte er es ins Freie. „Die ganze Gegend stand unter Wasser. Ich habe nicht verstanden, was passiert, wir hatten noch nie von einem Tsunami gehört.“ Ein starkes Erdbeben nahe der indonesischen Insel Sumatra löste im Dezember 2004 mehrere Flutwellen aus. Rund 230.000 Menschen starben an den Küsten des Indischen Ozeans. Die Kirchengemeinde von Matara hatte 23 Opfer zu beklagen. „Wir haben ihre Körper im Laufe der nächsten Tage gefunden“, sagt Pater Charles und senkt den Blick. Dreizehn Jahre sind seither vergangen. Ruhig und gleichmäßig spülen die Wellen kleine Schaumkronen an den Strand. Große Palmen wiegen sich in der salzigen Meeresluft.  Touristen aus der ganzen Welt rekeln sich im warmen Sand. Das Urlaubsparadies ist wiederhergestellt. Die Wunden der Überlebenden sind tief. „Plötzlich war ich ganz alleine auf der Welt. Ich hatte nichts und niemanden mehr“, erzählt Amitha Gunawardane. Der Schmerz hat tiefe Furchen in ihr Gesicht gegraben. Mit ihren 54 Jahren sieht sie aus wie eine alte Frau. Amitha sang gerade im Kirchenchor, als die Welle kam und sie mit sich fortriss. Zwei Felsen, zwischen denen sie eingeklemmt war, verhinderten, dass sie ins offene Meer gespült wurde. Mutter und Schwester überlebten nicht. Auch Amithas Haus riss die Flut mit sich. „Ich hatte keine Hoffnung, aber die Gemeinschaft in der ‚School for Life‘ hat mir damals sehr geholfen.“

Amitha SRI Lanka

„Die Arbeit mit den anderen Frauen bedeutet mir viel, sie hat mir durch schwere Zeiten geholfen. Trotz allem habe ich ein glückliches Leben.“

Amitha, 54 Jahre

Gemeinsames Trauma überwinden

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„Schule für das Leben“, unter diesem Namen fasste Pater Charles alle Bemühungen seiner Gemeinde zusammen, den Menschen wieder Hoffnung zu geben. „Nach dem Tsunami gab es viele Menschen, die ihre Ehepartner, ihre Kinder, ihre Eltern und Geschwister verloren hatten. Sie lagen in ihren wiederaufgebauten Hütten und waren ganz allein mit ihrem Schmerz. Da kam mir die Idee, sie zusammenzubringen“, sagt Pater Charles. Anfangs sei es nur ein bisschen Arbeit im Garten der Kirche gewesen, nicht um damit etwas zu erwirtschaften, sondern um zusammen etwas zu tun. Auf dem Gelände einer Schule, die ins Landesinnere umgesiedelt worden war, begannen sie Gemüse anzubauen, Kleidung zu nähen und Kerzen herzustellen.

Sri Lanka

„Wir haben Wachs in großen Töpfen geschmolzen und einen Docht immer wieder eingetaucht. Nach einiger Zeit haben wir begonnen zu experimentieren und stellen jetzt verschiedenste Kerzen in vielen Farben her“, erklärt Amitha, während sie mehrere Dochte ins heiße Wachs taucht. Anfangs leuchteten die Kerzen nur in den Kirchen der Umgebung. Bald interessierten sich auch immer mehr Hotelbesitzer dafür. Über 500 Kerzen stellen Amitha und ihre neun Kolleginnen pro Tag her. So haben sie ein kleines, aber regelmäßiges Einkommen. „Die Arbeit mit den anderen Frauen bedeutet mir viel, sie hat mir durch schwere Zeiten geholfen. Trotz allem habe ich jetzt ein glückliches Leben“, sagt Amitha und lächelt Pater Charles mit leuchtenden Augen dankbar zu. Karuna Athukorala stellt die besonders feinen Kerzen her. Jeden Morgen erhitzt sie das bunte Wachs auf den kleinen Elektrokochern. Ihre Eltern starben bereits Jahre vor dem Tsunami an Lepra. Durch die Flutwelle verlor sie ihr Haus. Mit dem Einkommen, das sie in der Kerzenwerkstatt verdient, unterstützt sie ihre Schwester, bei der sie seither lebt. „Ich mag die Gemeinschaft hier. Manchmal gibt es schwere Tage, dann beten wir zusammen, das hilft mir“, sagt Karuna.

Zeit zusammenzukommen

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Auch ein Kindergarten ist Teil der „School for Life“. Schulstipendien werden vergeben und nachmittags finden Englischkurse und Berufstrainings statt. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Religion oder Volksgruppe die Kinder und Jugendlichen, die hier unterstützt werden, angehören. Das war nicht immer so. Jahrzehnte des Bürgerkriegs haben die Bevölkerung gespalten. „Vor dem Tsunami hatten die verschiedenen Religions- und Volksgruppen in dieser Gegend nichts miteinander zu tun“, sagt Pater Charles. Die Katastrophe habe das geändert. „Am Abend nach dem Tsunami haben wir die ersten Toten in einem Massengrab begraben. Die meisten von ihnen waren nackt, wir hatten keine Kleidung, nicht mal ein Stück Papier, um sie zu bedecken. Angehörige aller Religionen und Volksgruppen lagen zusammen in diesem Grab. Und als ich dort stand, dachte ich: Wenn du in diese Welt geboren wirst, hast du nichts außer der Familie, in die du geboren wirst. Du hast keine Religion, gehörst von dir aus keiner Gruppe an. Und jetzt sind alle wiedervereint und haben genauso wenig wie zu ihrer Geburt. Wenn diese Einheit im Tode möglich ist, warum können wir sie dann nicht auch leben? Was wäre das für ein Leben voller Schönheit und Harmonie.“ Viele hätten ihn damals gefragt, warum der Tsunami sie gerade zur Weihnachtszeit treffen musste. Für ihn habe sich in diesen Tagen die Bedeutung von Weihnachten gezeigt, sagt Pater Charles ruhig: „Diejenigen, die damals gestorben sind, haben uns die großartige Botschaft der Liebe hinterlassen. Sie haben uns als Gemeinschaft zusammengebracht. Die vielen Helfenden aus der ganzen Welt haben diese Botschaft gespürt und sind gekommen, um das, was sie haben, mit anderen zu teilen.“

2018-10-20T10:49:12+00:00