Lebensfreude in der Wüste

Bei Reisenden ist das Land in Ostafrika bekannt für seine Tierwelt und die vielfältigen Landschaften. Die nördliche Region Turkana ist kaum touristisch. Zu abgelegen, zu wenig erschlossen scheint diese Wüstengegend. Doch die Begegnungen mit der dortigen Bevölkerung hinterlassen tiefe Spuren.

Unterwegs mit MARIA JUNGK und MARCEL URBAN

allewelt Mai/Juni 2020

Überraschender Beginn

Bestens vorbereitet auf sommerliche Temperaturen begann unsere erste Reise auf den afrikanischen Kontinent. Das dachten wir zumindest. Bei der Ankunft in der kenianischen Hauptstadt Nairobi werden wir aber eiskalt erwischt. Regenfälle sorgen für eine ordentliche Abkühlung und stellen uns vor kleidungstechnische Herausforderungen. Unsere Koffer beinhalten wenig Wärmendes. Doch wir lassen die Kälte der lebendigen, sehr westlichen Großstadt Nairobi am nächsten Tag hinter uns und sind bald schon sehr dankbar über unsere sommerliche Kleidung.

Im Westen Kenias, in der Stadt Eldoret, sind wir zu einer Bischofseinsetzung eingeladen. Marcel hatte schon viel von den fröhlichen Gottesdiensten mit Tanz und Gesang gehört. Plötzlich befinden wir uns selbst mittendrin in einem Gewimmel aus singenden, tanzenden Menschen. Wir können gar nicht anders, als uns von der Lebensfreude der Kenianerinnen und Kenianer anstecken zu lassen. Gemeinsam mit 7.000 Menschen in buntesten Gewändern feiern wir die Heilige Messe – unter sengender Hitze und mit den Füßen tief im aufgeweichten Boden.

Kenia auf der Weltkarte

Hauptstadt: Nairobi

Einwohner: 52,6 Millionen (Schätzungen 2016)

Fläche: 580.367 km²

Bevölkerung: Die Bevölkerung ist sehr jung. Etwa 40 % der Menschen sind unter 14 Jahre alt. Wie in den meisten afrikanischen Staaten leben auch in Kenia viele unterschiedliche ethnische Gruppen zusammen. Eine der bekanntesten Ethnien sind die Maasai.

Religion: Rund 80 % der Kenianerinnen und Kenianer bekennen sich zum Christentum. Neben der katholischen Kirche (33 %) erfreuen sich protestantische und Freikirchen großer Beliebtheit. Handelsbeziehungen zur arabischen Welt haben den Islam nach Kenia gebracht.

Afrikanischer Walzer

Mit einem breiten Lächeln im Gesicht stützt sich Barnabas auf seine Krücke. Dabei singt der kleine Bub aus voller Kehle. Er lebt in einem Heim für Kinder mit Behinderung in Lokahar. Als Dank dafür, dass wir ihm halfen, den Hof zwischen den Schlafsälen zu überqueren, hat er ein Lied angestimmt. Seine Begeisterung lockt die anderen Kinder an und alle stimmen in Barnabas’ Lied mit ein. Auch zwei Mädchen, das eine im Rollstuhl, das andere mit einer Beinprothese, mühen sich lachend zur Gruppe. Immer größer wird das spontane Konzert. Und dann sind wir an der Reihe: Die Kinder bitten uns, für sie zu tanzen. Schweißüberströmt legen wir bei 38 Grad einen Wiener Walzer auf den Sand.

10.000 NILKROKODILE UND MEHR LEBEN IM TURKANA SEE

Das salzhaltige Wasser des größten Wüstensees der Erde bietet optimale Lebensbedingungen für die Tiere. Mitten im See auf „Central Island“ (auch „Crocodile Island“ genannt) schlüpft der Krokodil-Nachwuchs und verbringt die ersten Monate in einem geschützten Kratersee auf der Insel.

“Warte, bis du den Fluss überquert hast, bevor du das Krokodil beleidigst.”

Afrikanisches Sprichwort

Kirche ist überall

Nach Schlamm und Regen sehen wir in der Region Turkana eine ganz andere Seite von Kenia. Feste Straßen sucht man hier vergebens. Stattdessen holpert unser Geländewagen stundenlang über trockenen Erdboden. Unser Ziel: Ein Baum mitten in der Savanne. Der Generalvikar der Diözese Lodwar wartet schon auf uns. Kaum sind wir ausgestiegen, drückt Father Paul die Hupe seines roten Pick-ups. Eine Viertelstunde lang. Nach und nach versammeln sich Menschen aus den umliegenden Siedlungen unter dem Baum. Die improvisierten Kirchenglocken rufen sie zur Heiligen Messe.

Von Frau zu Frau

Am zweiten Tag unserer Reise stand der Besuch einer Mädchenschule in Lodwar auf dem Programm. Rund 200 Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren würden uns erwarten – so viel wussten wir bereits. Doch was für Powerfrauen hießen uns willkommen! Nach einer Führung durch das Areal der Schule und die neu errichteten Schlafsäle empfingen uns die Schülerinnen mit Tanz, Theater und lustigen Reden. Mich als Pädagogin berührte sofort die Offenheit und Herzlichkeit dieser jungen Frauen. Spontan begann ich, gemeinsam mit ihnen ein Lied zu singen. In diesem Moment ging für mich ein Stück weit der Himmel über uns auf. Die Mädchen scharten sich um mich, lachten mich an, umarmten mich. Binnen weniger Sekunden waren zwischen uns ein Vertrauen und eine Beziehung entstanden, die ich so noch nie erlebt hatte.

Plötzlich fing ein Mädchen, Salome, an zu weinen. Mit feuchten Augen fragte sie mich: „Wirst du mich auch nicht vergessen? Versprichst du, für mich zu beten?“ Dann holte sie einen Stift hervor und schrieb ihren Namen auf meine Handfläche. Tief berührt versicherte ich ihr, dass ich sie und die anderen Mädchen und vor allem diesen Augenblick nie vergessen würde. Abends in meinem Zimmer fielen mir die Worte Mutter Teresas ein, die einmal sagte: „Auch wenn wir nichts tun können, ein Lächeln und Liebe können wir unseren Nächsten immer schenken.“

Maria Jungk und Marcel Urban

Maria Jungk und Marcel Urban

Das Team von „Young Missio” reiste im Jänner nach Kenia. Die Begegnungen mit den Menschen und der Natur des Landes haben die beiden tief beeindruckt.