“Ich habe überlebt, um anderen zu helfen”

Über 30.000 Kinder sind im ugandischen Bürgerkrieg von den Rebellen der Lord´s Resistance Army entführt und zu Kindersoldaten gemacht worden. Als ehemaliges Opfer kümmert sich Schwester Hellen Lamunu seit mehr als zehn Jahren um Betroffene: „Ich habe überlebt, um anderen zu helfen.“

Interview von KATHARINA BREINER und MARTIN HASLACHER

allewelt Mai/Juni 2019

Schwester Hellen Lamunu wurde selbst dreimal entführt, sie kennt die Gräueltaten der Rebellen aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit den Schwestern der Gemeinschaft „Little Sisters of Mary Immaculate“ kämpft sie in Norduganda für die traumatisierten Heimkehrerinnen und Heimkehrer. Ein Neustart ist für die Menschen schwierig, eine Rückkehr in die alten Strukturen fast unmöglich. Schwester Hellen begleitet die jungen Menschen bei der Traumabewältigung und bietet ihnen Schulbildung.

1 | Mit welchen Herausforderungen sind Sie in Ihrer täglichen Arbeit konfrontiert?

Die Menschen kommen mit unterschiedlich intensiven Traumata zu uns. Alle leiden unter ihrer Vergangenheit, viele Betroffene sind aggressiv, die finanzielle Situation ist für die meisten eine große Herausforderung. Wir bilden junge Frauen beispielsweise zu Schneiderinnen aus, haben aber oft das Problem, dass diese dann in den Südsudan gehen müssen, um damit auch tatsächlich Geld zu verdienen. Dazu kommt, dass die meisten Menschen in ihrer Zeit bei den Rebellen selbst zu Mördern geworden sind. Viele werden deshalb von der eigenen Familie verstoßen. In die ehemalige Dorfgemeinschaft heimzukehren, ist damit für sie kaum möglich.

2 | Wie helfen Sie den ehemaligen Kindersoldaten und anderen benachteiligten Kindern konkret?

Angefangen haben wir damit, den Frauen und Mädchen, die aus dem Busch zurückgekehrt sind, eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Da viele von ihnen jedoch als Mütter mit ihren Kindern wiederkamen, war für uns klar, dass wir eine Schule und einen Kindergarten bauen müssen. Nur so ist gesichert, dass die Mütter ihre Ausbildung absolvieren können und gleichzeitig auch die Kinder Bildung erhalten. Außerdem geben wir vielen Kindern durch das angeschlossene Internat ein neues Zuhause.

3 | Welche Kinder finden in Ihrem Zentrum Zuflucht?

Von den 450 Kindern, die wir momentan betreuen, sind etwa 30 ehemalige Kindersoldatinnen und Kindersoldaten, gleichzeitig begleiten wir auch HIV-/Aids-Waisen, Straßenkinder und Kinder mit physischen Beeinträchtigungen. Wir sind eine inklusive Schule; die Kinder lernen auch Gebärdensprache.

4 | Sie haben Psychologie studiert und einen Master in „Peace and Conflict“. Inwiefern hilft Ihnen das bei Ihrer Arbeit?

Ich bin täglich mit den Folgen des Krieges konfrontiert, arbeite mit Kindern, die extreme Gewalt erlebt haben und selbst gewalttätig sind. Durch meine Ausbildung kann ich ihnen bei der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse besser helfen und ein Bewusstsein schaffen für die Auswirkungen der Gewalt. Ich darf in unserem Zentrum viele Veränderungen miterleben. Leider gibt es aber auch die andere Seite: den Rückfall in die Gewalttätigkeit.

5 | Das Thema des neuen Films „The biggest gift“ von Juan Manuel Cortello ist die Vergebung. Welche Rolle spielt Vergebung in Ihrem Leben?

Vergebung bedeutet für mich, in meiner täglichen Arbeit frei zu sein. Das ist nicht immer leicht. Es kommen Menschen zu mir, die der LRA angehörten und schlimme Dinge getan haben. Würde ich ihnen nicht vergeben, könnte ich nicht mit ihnen arbeiten und ihnen nicht helfen.

6 | Die LRA hat sich vor einigen Jahren in die Nachbarländer Ugandas zurückgezogen, dennoch ist von Frieden keine Rede. Was ist der Grund dafür?

Viele Dörfer und Dorfgemeinschaften wurden zerstört, Familien getrennt oder getötet. Das macht eine Rückkehr in die Normalität sehr schwer. Besonders die ehemaligen Kindersoldaten haben häufig keine Chance, ihr altes Leben zurückzubekommen, weil sie zu Mördern an der eigenen Familie wurden. Die Menschen fürchten, dass sie nach wie vor für die LRA tätig sein könnten und verstoßen sie deshalb aus den Dörfern.

7 | Die Region um Gulu ist eine der vom Bürgerkrieg am schwersten betroffenen Regionen Ugandas. Welche Erfahrungen haben Sie mit Hilfsorganisationen gemacht?

Im Laufe der Jahre habe ich mit vielen Organisationen zusammengearbeitet, die uns auf unterschiedliche Weise unterstützt haben. Missio Österreich ist schon ein langjähriger Partner unserer Arbeit in Uganda und hilft uns immer wieder bei neuen Projekten. Es ist wertvoll, wenn eine Organisation nicht einfach nur Geld überweist, sondern auch die Umsetzung der Pläne verfolgt. Wir möchten den Kindern und jungen Erwachsenen nachhaltig helfen. Und so sehe ich auch meine Rolle: Ich habe überlebt, um anderen zu helfen.

Schwester-Hellen

Das Projekt von Schwestern Hellen unterstützten

Schulen für Kinder von Kindersoldaten

40.140€ von 44.960€ gespendet

Die Zeit während des zwanzigjährigen Bürgerkriegs in Uganda foderte viele Opfer – vor allem Kinder. Sie wurden unter Anführer Joseph Kony verschleppt und mussten als Kindersoldaten kämpfen. In ihrem Leben haben sie nur Schrecken und Gewalt gesehen.

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