Kamerun: Afrika im Kleinen

Dieses Land im Herzen von Afrika überrascht mit seiner Vielfalt: großartige Landschaften, eine bunte Tierwelt, unterschiedlichste Klimazonen. Inmitten dieser Vielfalt blüht eine engagierte und wachsende Kirche.

Unterwegs mit JUTTA BECKER

allewelt September/Oktober 2020

Stadt, Land, Meer

Gleich am ersten Tag sitzen wir in Kameruns größter Stadt Douala fest. Wir dürfen sie nicht verlassen, weil – wie jedes Jahr am 11. Februar – der Tag der Jugend gefeiert wird. Er soll auf die Bedeutung und die Rechte junger Menschen im Land aufmerksam machen. Die Bevölkerung ist wirklich jung und wünscht sich nichts mehr als bessere Ausbildungsmöglichkeiten und möchte eigene Visionen in die Tat um- setzen. Gemeinsam mit einem jungen Fotografen aus Yaoundé erkunden wir die Stadt. Auch er hat Träume von einem besseren Einkommen, von seiner eigenen Firma.

Da wir an diesem Tag nicht weit kommen, geht es ans nahegelegene Meer. Wir beobachten ein paar junge Frauen, die den Fischerbooten entgegenschwimmen, um so die besten Fische zu ergattern. Vielleicht, um sie für einen guten Preis weiterzuverkaufen. Am nächsten Tag starten wir unsere Reise in den Norden. Die Straßen sind in einem entsetzlichen Zustand. Schlagloch an Schlagloch. Schon bald haben wir den ersten Platten. Es wird nicht der letzte sein.

Hauptstadt: Yaoundé

Einwohner: 26,4 Millionen

Fläche: 475.440 km²

Bevölkerung: Kamerun zeichnet sich durch eine große ethnische Vielfalt aus. Wie viele Volksgruppen es im Land gibt, ist nicht klar. Insgesamt ist die Bevölkerung des Landes sehr jung: Rund 42 % der Menschen sind unter 15 Jahre alt.

Religion: Die Mehrheit der kamerunischen Bevölkerung (etwa 70 %) ist christlich, wobei sich 38 % zur katholischen Kirche bekennen. Der Norden des Landes wurde über Jahrhunderte islamisch geprägt. Insgesamt gehören rund 20 % der Kamerunerinnen und Kameruner dem Islam an.

Geboren im Nirgendwo

Die Straße wird immer enger, laut Google Maps sind wir noch auf dem richtigen Weg nach Makak. Irgendwann überqueren wir die alte deutsche Bahnlinie. Ich rufe Schwester Jacqueline an: „Wartet, ich komme euch entgegen.” Endlich, nach knapp drei Stunden Irrfahrt, erreichen wir die kleine Geburtenstation im Nirgendwo. Schwester Jacqueline arbeitet oft 70 Stunden durch, laufend kommen Schwangere herein. So viele Kinder kamen hier schon zur Welt, immer wieder auch mit Komplikationen. An diesem Tag sind die Kinder und ihre Mütter bei guter Gesundheit. Doch die Gesundheitsversorgung im Land ist schlecht, es fehlt an Geld und Fachleuten.

3 Klimazonen erstrecken sich über Kamerun

Andere Klassifikationen sprechen sogar von vier oder fünf Zonen: Ganz im Norden finden sich Ausläufer der Sahara, die in ein zentrales Hochland übergehen. Dort liegt eines der feuchtesten Gebiete der Erde. Der Süden des Landes ist geprägt von dichten Regenwäldern. Diese vielfältigen Landschaften haben Kamerun den Spitznamen „Afrika im Kleinen“ eingebracht.

„Kamerun erscheint wie eine Kreuzung, an der sich der ganze Kontinent ein Stelldichein zu geben scheint.“

Jean-Claude Bruneau, französischer Geograph

Mission Impossible

Überall segnet und tröstet mein Reisebegleiter Missio-Diözesandirektor Johannes Laichner die Menschen. Geduldig macht er ein Foto nach dem anderen. Besonders beim Besuch in zwei Waisenhäusern spüre ich diese Freude, die er dabei ausstrahlt. Wir treffen eine Mutter, die Waisenkinder aufnimmt, obwohl sie selbst nur in einer brüchigen Lehmhütte wohnt. Bei unserer Ankunft war sie ver- zweifelt: Wäsche von 20 Kindern stapelte sich vor ihrem Haus, es gab nicht genug zu essen. Doch fünf junge Missionare von der „Emmanuel School of Mission“ waschen bis zum Nachmittag Wäsche und lassen die Frau wieder strahlen: „Durch euch kommt Gott zu Besuch.“

Autopanne bringt Segen

Wir beginnen den Tag mit einer Heiligen Messe mit Weihbischof Emmanuel Dassi. Er wurde durch Priesterpatenschaften aus Österreich unterstützt. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den langen Weg in die Diözese Obala, wo wir zum Mittagessen eingeladen sind. Die Straßenverhältnisse werden zunehmend schlechter. Ich flüstere Pfarrer Johannes ins Ohr: Hoffentlich haben wir einen Ersatzreifen! Keine fünf Minuten später macht es peng. Wir rollen an den Straßenrand und räumen den vollgepackten, uralten Kleinwagen aus. Mit der Hilfe von Pfarrer Johannes ist der Ersatzreifen schnell montiert. Die Fahrt kann weitergehen, aber die Schlaglöcher werden immer tiefer. Ich schaue besorgt auf die Uhr, denn wir werden spätestens um 14:00 Uhr erwartet. Wir fahren gerade an einer Gruppe von Polizisten vorbei, als es erneut peng macht: Der zweite Vorderreifen hat sich verabschiedet. Ein paar Minuten später stehen wieder alle Koffer auf der staubigen Straße. Unser Chauffeur braust mit den zwei kaputten Reifen auf einem Motorradtaxi davon und lässt uns auf der heißen Landstraße zurück. Mir wird mulmig, als einer der Polizisten sich kurz darauf dem Auto nähert. Der junge Mann fragt, ob wir noch so ein Buch vom Bischof aus Bafoussam hätten. Ich krame das Buch heraus, dazu noch Rosenkränze und Heiligen-Armbänder. Plötzlich steht Pfarrer Johannes zwischen drei Polizisten, die freudestrahlend um einen Segen bitten. Eine unvergessliche Autopanne.

JUTTA BECKER

Seit 12 Jahren reist Jutta Becker regelmäßig nach Afrika. Über WhatsApp ist sie mit den Priestern, Bischöfen und Ordensleuten das ganze Jahr über in Kontakt.