An der Seite der Menschen

Trotz wertvoller Bodenschätze ist es eines der ärmsten Länder der Welt und kämpft gleich an mehreren Fronten: Die Zentralafrikanische Republik kommt einfach nicht zur Ruhe und die blutigen Konflikte gehen weiter. Bischof Juan-José Aguirre Muñoz hilft wo er kann, scheut keine Gefahr und rettet Menschenleben.

Interview von MARKUS ANDORF
allewelt März/April 2021

„Wir Missionare müssen für die Menschen da sein, aber Gott ist es, der uns die Kraft und unseren Mut gibt“, sagt Juan-José Aguirre Muñoz, Bischof von Bangassou. Von dieser Kraft Gottes spricht er auch, wenn er sich an den Juni 1997 in der Hauptstadt Bangui erinnert, wo sein Leben am seidenen Faden hing: „In einer Moschee unweit unserer Pfarre hatten sich viele Menschen zurückgezogen, als sie von Bewaffneten unter Beschuss genommen wurden. Ich habe mir ein weißes Gewand angezogen und bin den Angreifern entgegengegangen, um sie davon abzuhalten. Ich bin dabei wirklich in die Schusslinie gegangen und habe mich direkt vor die Moschee gestellt. Kurz hörten die Angreifer auf zu schießen, doch als ich dann hineingegangen bin, um nach den Menschen zu sehen, sind uns noch drei Tage lang die Kugeln um die Ohren gepfiffen und viele Menschen wurden dabei getötet, unter ihnen viele Frauen und Kinder.“

Bischof Aguirre überlebte diesen Schicksalstag so wie viele andere Tage, in denen er in lebensbedrohlichen Situationen war. Denn die Republik Zentralafrika, in der er seit 42 Jahren lebt und wirkt, herrschen seit Jahren blutige Konflikte.

| Wie ist die aktuelle Situation vor Ort?

Die Lage ist sehr angespannt. Es gab im Dezember Wahlen, dabei wurde Präsident Faustin-Archange Touadéra trotz Betrugsvorwürfen zum Sieger erklärt. Die Opposition spricht von massiver Wahlfälschung: Offensichtlich wurde Wahlurnen am Ende des Wahltages verbrannt und viele Menschen derart eingeschüchtert, dass nur etwa die Hälfte der Bevölkerung überhaupt zu den Wahlen gegangen ist. Danach sind die Konflikte hochgekocht und am 3. Jänner haben Rebellengruppen die Stadt Bangassou eingenommen. Diese ist zwar mittlerweile wieder vollständig unter Kontrolle der UN-Friedenstruppe Minusca, doch fast 60.000 Menschen sind auf der Flucht und die Situation weiter unübersichtlich.

| Was sind die historischen Gründe für den Konflikt?

Es gibt sehr viele Nomanden im Land, die auf der Suche nach Wasser und Weideflächen mit ihren Tieren vor allem im Süden des Landes unterwegs sind. Dort treffen sie in den vergangen Jahren immer häufiger auf Menschen aus anderen afrikanischen Staaten, die sich dort illegal angesiedelt haben. Durch diese stille Invasion kommt es zu großen Spannungen, die viele Todesopfer fordern. Zweitens gibt es viele externe Interessen an den Bodenschätzen des Landes. Deshalb mischen sich sowohl afrikanische Staaten wie Kamerun, von wo unsere Bevölkerung große Teile ihrer Nahrungsmittel importiert, als auch internationale Staaten zunehmend in die Angelegenheiten ein. Russland hat mit Kampfflugzeugen in den Konflikt eingegriffen, andere Staaten wie Frankreich scheinen die Rebellen zu unterstützen. Sowohl Russen als auch Chinesen bauen in der Republik Zentralafrika bereits Bodenschätze ab. Und drittens gibt es auch Konflikte zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, die deutlich zunehmen.

REPUBLIK ZENTRALAFRIKA

Die Republik Zentralafrika ist ein Binnenstaat im zentralafrikanischen Raum. Das Land hat eine Gesamtfläche von 622,984 Quadratkilometer, was in etwa der Fläche von Portugal und Spanien zusammen entspricht. Trotz der Größe gibt es nur rund 5 Millionen Einwohner, das Land ist zu großen Teilen unbewohnt. Die Hauptstadt heißt Bangui. Die Landessprache ist Französisch, daneben werden zahlreiche einheimische Sprachen gesprochen. Ein Viertel der Menschen sind Katholiken, ein Viertel Protestanten, 15 Prozent Muslime. Der Rest gehört afrikanischen Religionen an. Strategisch ist die Republik Zentralafrika gut gelegen und verfügt über wertvolle Bodenschätze, die noch nicht abgebaut wurden: Diamanten, Gold, Lithium für Batterien und Erdöl. Trotz der reichen Vorkommen ist das Land über die Jahre hinweg trotzdem verarmt und seit Jahren von blutigen Konflikten und Umstürzen gebeutelt.

| Wie leben die Menschen in der Zentralafrikanischen Republik? Was sieht und erlebt man vor Ort?

Es sind einfache Leute, die in erster Linie von der Landwirtschaft leben. Sie sind sehr gläubig, die Kirche ist lebendig und die Gemeinden wachsen sehr schnell. Aber es gibt massive Probleme, die von außen wie mit Fallschirmen ins Land hereingleiten, sie sind definitiv nicht hausgemacht. Wir beten sehr viel, dass uns der Herr die Kraft schenkt, die Probleme und die Situation ertragen zu können, die sich wie ein Rucksack voller Steine anfühlen.

| Wie stark wird die Situation durch die Corona-Pandemie verschärft?

Die Corona-Problematik ist bei uns Gott sei Dank nie wirklich angekommen. Wir hatten nur sehr wenige Infizierte, meist mit milden Symptomen. Und Corona-Tote haben wir auch noch keine. Wir haben den Eindruck, dass Corona bei uns auch schon wieder vorbei ist, da wir ja aufgrund der unsicheren Lage aktuell mehr oder weniger mitten in Afrika komplett abgeschottet sind.

| Wie schaffen Sie es, dass Sie in so einem Umfeld hoffnungsvoll bleiben?

Wir versuchen zu helfen, wo es geht und deshalb haben wir sehr viele Hilfsprojekte. Besonders am Herzen liegt mir ein Heim für 350 Waisenkinder und es bricht mir das Herz, wenn ich die Angst in den Augen dieser Kinder sehe, sobald sie Explosionen und Schüsse hören. Kinder leiden besonders unter der Situation, denn sie verstehen nicht, warum sich Menschen bekriegen und sich gegenseitig Leid antun. Besonders berührt hat mich auch eine Situation neulich, als sich eine Mutter mit ihrem Kind zu uns geflüchtet hat und beide bitterlich geweint haben, da kurz davor ihr zweites Kind durch einen Kopfschuss getötet wurde. Wir erleben, dass Kinder mit 12 Jahren verschleppt und monatelang sexuell missbraucht und misshandelt werden, bevor sie flüchten können. Viele Missionare und Katechisten werden verfolgt und ermordet. All das ist wirklich schrecklich, aber wir halten durch und wir müssen alles dafür tun, damit die Menschen hier eine Zukunft haben.

„Gott gibt uns die Stärke. Wir sind für die Menschen da, aber ohne Gott sind wir nichts.“

Bischof Juan-Jose Aguirre-Muñoz

| Haben Sie das Gefühl, dass Gott sie beschützt?

Ja. Da fällt mir eine konkrete Situation ein, als radikale bewaffnete Soldaten der afrikanischen Union vor unserem Pfarrhaus aufgetaucht sind. Sie haben mit Maschinengewehren auf mich gezielt und mich angeschrien, dass ich nach Hause zurückverschwinden soll. Ich habe geantwortet: „Ich bin hier zu Hause. Ihr seid es, die hier nicht zu Hause seid.“ Daraufhin haben sie geschossen und die Kugel ist direkt neben mir in der Tür stecken geblieben. Eine Frau auf der Straße hat daraufhin geschrien: „Tötet ihn nicht! Das ist ein Mann Gottes!“ Diesen kurzen Moment habe ich genutzt und habe mich im Pfarrhaus zurückgezogen.

Die gleiche Frau ist dann am Tag danach wiedergekommen, hat meine Bart berührt und hat gesagt: „Fürchte Dich nicht.“ Und dann zitierte sie Psalm 91,7: „Fallen auch tausend zu deiner Seite, dir zur Rechten zehnmal tausend, so wird es doch dich nicht treffen.“ Da wusste ich, dass diese Frau in der Moment als Prophetin für mich auftrat, dass es Gott selbst war, der mir über diese Frau eine Botschaft ausrichten wollte. Deswegen bin ich trotz der Kämpfe dort geblieben, mitten unter meinen Leuten. Die Kirche wurde mehrmals beschossen, die ganze Fassade war bald übersät mit Einschusslöchern und Granattreffern und es waren furchterregende Tage und Monate- aber ich bin geblieben und habe versucht, für meine Leute da zu sein.

| Man hat das Gefühl, dass die westliche Öffentlichkeit beim Thema Afrika schon länger abgestumpft ist. Und auch Papst Franziskus hat bereits 2013 vor einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ gesprochen. Stimmt Sie das nachdenklich?

Ja – wir spüren diese Gleichgültigkeit und ich verstehe sie nicht. Wenn schon nicht aufgrund der Nächstenliebe, macht es ja alleine schon aus strategischer Sicht Sinn, dass sich die internationale Staatengemeinschaft mehr um Zentralafrika kümmert. Das Land ist reich an Bodenschätzen, man vermutet reiche Erdölvorkommen, die noch nicht erschlossen sind – und somit ist klar, dass das Land in Zukunft eine ganz zentrale Rolle spielen wird.

Juan-José Aguirre Muñoz

Juan-José Aguirre Munõz wurde am 5. Juni 1954 in Cordoba in Spanien geboren. Er gehört dem Orden der Comboni-Missionare an. Papst Johannes Paul II. ernannte ihn 1997 zum Koadjutorbischof von Bangassou, im Jahr darauf wurde er vom damaligen Bischof von Bangassou, Antoine Marie Maanicus, geweiht. Nach dem Tod von Antoine Marie Maanicus folgte Aguirre ihm als Bischof von Bangassou. Aguirre lebt mittlerweile seit 42 Jahren in der Republik Zentralafrika.