Neue Wege für Altbewährtes

Sein Bild ging um die Welt: Mit den Fotos der Pfarrgemeinde in den Kirchenbänken feierte Johannes Laichner während der Corona-Krise Gottesdienst. Sogar CNN berichtete darüber. Der Missio-Diözesedirektor ist kreativ in der Seelsorge und nimmt sich die junge Kirche Kameruns zum Vorbild.

Text: KATHARINA BREINER

allewelt Juli/August 2020

Vor einer beeindruckenden Bergkulisse ragt der grau-weiße Turm der Roppener Pfarrkirche in den Himmel. Der kleine Ort im Tiroler Inntal ist nicht nur malerisch gelegen, sondern auch ein großer Touristenmagnet. Wo andere hinfahren zum Wandern, Raften oder Skifahren, dort liegt der Arbeitsplatz von Pfarrer Johannes Laichner.

Seit acht Jahren betreut der 38-Jährige vier Pfarren im Bezirk Imst, allesamt mit Blick auf die Berge. Im vergangenen Oktober hat sich sein Einsatzgebiet vergrößert. Als neuer Missio-Diözesandirektor in Tirol fungiert er, wie er selbst sagt, vor Ort als Verstärker für die missionarischen Anliegen von Missio Österreich. Dafür möchte der stets zu Scherzen aufgelegte Priester in den kommenden Monaten die ganze Diözese Innsbruck abfahren: „Ich will, dass mich die Menschen kennenlernen, ein Gesicht zur Organisation haben. Viele tun sich leichter, wenn sie ihre Fragen zu Spenden oder Priesterpatenschaften an eine bekannte Person richten können.“ Den Impuls, die direkte und persönliche Begegnung mit den Menschen zu suchen, bekam er während seines Besuchs im zentralafrikanischen Kamerun. Zunächst mag all das nach viel Arbeit klingen, Johannes Laichner erfüllt es mit Freude: „Ich darf als Priester in meiner Heimat für die Menschen da sein. Was gibt es Schöneres?“

ZUR PERSON

Johannes Laichner wurde 1982 geboren, wuchs in Telfs auf. Er promovierte an der Universität Innsbruck in Katholischer Fachtheologie und klassischer Archäologie. Im Juni 2008 empfing er die Priesterweihe im Dom zu St. Jakob in Innsbruck. Seit 2012 ist Johannes Laichner als Pfarrprovisor im Seelsorgeraum Inntal für die Pfarren Roppen, Mils, Karres und Karrösten verantwortlich. Als neuer Diözesandirektor der Päpstlichen Missionswerke in Innsbruck möchte der 38-Jährige neuen missionarischen Wind in seine Heimat bringen.

Neben den vielfältigen Aufgaben in der Pfarre – von Taufe bis Begräbnis – und neuerdings auch als Diözesandirektor unterrichtet er in der Volksschule Roppen Religion. Eine Aufgabe, die ihn als Priester erdet und ihm hilft, sich in der Seelsorge richtig zu fokussieren. „Die Kinder sprechen direkt aus dem Herzen. Da lerne ich selbst wieder authentisch zu sein“, sagt Pfarrer Johannes.

Davon zu sprechen, was das eigene Herz erfüllt und bei allem sein Herz hineinzustecken, diese Lektion begleitet den Seelsorger bei all seinen Tätigkeiten. So verwundert es nicht, dass Johannes Laichner seit Beginn der Corona-Krise auf ganz eigene Art und Weise versucht hat, für die Menschen in seinen Pfarren auch (digitalerweise) authentisch da sein zu können.

Die Erstkommunionskinder absolvieren kurzerhand ihre Vorbereitungsstunden mit Impulsen und kleinen Arbeitsaufträgen des Pfarrers via WhatsApp. Die Feier der Erstkommunion selbst wurde, um nach Tiroler Tradition wirklich das ganze Dorf inklusive Musikkappelle dabei zu haben, auf den Herbst verschoben. Aber nicht nur die jungen Pfarrmitglieder betreut Johannes Laichner verstärkt mit Hilfe der Medien: „Erstaunlich, wie viele Menschen aus den Pfarren über WhatsApp mit mir in Kontakt getreten sind!“ Denkbar einfach und auf den ersten Blick etwas oberflächlich scheint diese digitale Präsenz und doch, so glaubt der Pfarrer, schafft sie für viele Leute wieder eine Verbindung zur Kirche und damit zu Gott selbst: „Ich habe die Leute religiös unterschätzt. Manche sind gläubiger als sie laut zugeben.“

Johannes Laichner beim Befestigen der Fotos

„Ich habe die Leute religiös unterschätzt. Manche sind gläubiger als sie laut zugeben.“

Johannes Laichner

Mit Schere und Klebeband

Um diese Verbundenheit der Pfarrgemeinde visuell zu zeigen, bat Johannes Laichner die Menschen, ihm Bilder von sich und ihren Familien oder Freunden zu schicken. Binnen kurzer Zeit erhielt er hunderte Fotos. Selbst von Leuten, die der Kirche fernstehen. In herausfordernden Zeiten suchen die Menschen irgendwo Halt und da spielt die Kirche, auch von weitem sichtbar als Gebäude, eine große Rolle, zeigt sich Laichner überzeugt. Die Leute sind durch die sozialen Einschränkungen gefordert, sich auf das Wesentliche zu besinnen, wozu offensichtlich der Glaube zählt. Eine Parallele zu Kamerun, wie Laichner feststellt: „Wenn wir uns hilflos und arm fühlen, erkennen wir wieder den Reichtum, den wir in Jesus Christus haben.“

Beinahe täglich hat er in seinem Büro neue Fotos ausgedruckt und in die Bänke der Roppener Pfarrkirche geklebt. Ein Fotograf hat dem kreativen Tiroler schließlich sogar weltweite mediale Aufmerksamkeit verschafft: Der US-Sender CNN veröffentlichte ein Bild des Priesters, das ihn beim Gottesdienst zeigt. Die Idee mit den Fotos der Gläubigen stammt nicht von Johannes Laichner, ein italienischer Priester hatte zuvor schon ein solches Projekt in seiner Kirche gestartet. „Für mich war es ein sichtbares Zeichen, das mir als Priester ein Stück weit geholfen hat. Durch die Fotos konnte ich die Pfarrbevölkerung in ihrer körperlichen Abwesenheit bewusster in die Messe mitnehmen“, betont Johannes Laichner. Gleichzeitig hat ihm die Pandemie und die dadurch leeren Kirchen ein Gefühl dafür gegeben, wie es sich anfühlen muss, als Priester nur heimlich die Messe feiern zu können. „Etwas für mich so Selbstverständliches war plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Ich habe mich hilflos gefühlt“, gibt Pfarrer Johannes zu.

Johannes Laichner mit Weihrauch

„Etwas für mich so Selbstverständliches war plötzlich nicht mehr selbstverständlich.“

Johannes Laichner

Afrikanische Impulse

Kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Österreich bereiste Johannes Laichner das zentralafrikanische Land Kamerun. Da war von leeren Kirchen oder Abstand halten noch nichts zu spüren. Im Gegenteil: An allen Stationen der Reise erlebte Pfarrer Johannes eine große Freude an der Begegnung. Etwas, das der österreichischen Gesellschaft heute fehlt, weil wir uns oftmals zu virtuell orientieren. „Das ist eine Antithese zur Erfahrung, die ich jetzt in der Corona-Krise gemacht habe, wo die digitalen Hilfsmittel enorm hilfreich waren“, sagt der 38-Jährige. Dennoch haben die Erlebnisse in Kamerun eine weitreichende Bedeutung für den Seelsorger und seine Arbeit: „Ich werde nie vergessen, wie innig und würdevoll die Menschen Gottesdienst gefeiert haben. Da können wir hier noch viel lernen.“ Hierzulande werden Kirchen wie Museen oder Bahnhofshallen betreten, in Kamerun hingegen, sagt Pfarrer Johannes, scheint es, als würden die Leute einen Palast betreten, um vom König persönlich empfangen zu werden.

Alles, was er auf der Reise durch das zentralafrikanische Land erlebt hat, in Worte zu fassen, gelingt Johannes Laichner kaum, zu vielfältig waren die Eindrücke. Doch was lautstark nachhallt, ist die Glaubensfreude der Menschen in Kamerun. Seit seiner Rückkehr muss er in jeder Predigt, so berichtet der Priester, irgendwie von diesen Erlebnissen erzählen: „Es geht nicht darum, mit emotionalen Geschichten auf die Tränendrüse zu drücken.“ Vielmehr, sagt Laichner, sollen die Menschen hier verstehen, wie eine lebendige Beziehung zu Gott ausschaut. Denn das hat er in Kamerun wieder neu erlebt. Dadurch gestärkt geht Pfarrer Johannes jetzt an seine Aufgaben in der Seelsorge und für die Päpstlichen Missionswerke. Damit auch die traditionsreichen Kirchen im Tiroler Inntal zu lebendigen Orten der Mission werden.