Wach auf, schlafender Riese!

Sein Buch „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert“ wurde innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller: Heute ist Father James Mallon der weltweite Experte dafür, wie missionarischer Aufbruch in Pfarren möglich wird und was es für eine Erneuerung der Gemeinden braucht.

Text und Fotos: James Mallon // Übersetzung: Joachim Faiman

Als ich 16 Jahre alt war, hatte ich eine lebensverändernde Begegnung mit Jesus Christus. Schon zuvor war ich immer in die Kirche gegangen, hatte gebetet und an Gott und Jesus geglaubt. Und dennoch erlebte ich in einer Frühlingsnacht des Jahres 1986 etwas, das mein Leben veränderte, und das ich nicht für möglich gehalten hätte.

Es dauerte nicht lange, bis ich bemerkte, dass die Menschen in meiner Heimatgemeinde meine Begeisterung nicht teilten, wenn ich ihnen von meiner neuen Beziehung zu Gott erzählte – sie wirkten sogar ein wenig peinlich berührt. Der großen Mehrheit der Kirchgänger schien es so zu gehen, wie es auch mir gegangen war – sie glaubten, genauso wie ich davor, dass eine solche Beziehung mit Gott nicht möglich war.

Ich sehnte mich nach Gemeinschaft. Ich musste bei anderen Gläubigen sein, die Ähnliches erlebt hatten, und die diese Erfahrung genau wie ich vertiefen und mit anderen teilen wollten. Ich fand diese Gemeinschaft in einer Bewegung innerhalb der katholischen Kirche. Bewegungen in der katholischen Kirche sind lebhafte Formen des kirchlichen Lebens, die außerhalb der Pfarrgemeinden existieren. Ich traf mich jeden Dienstagabend mit anderen jungen Katholiken. Ein dynamischer junger Priester begleitete uns und so konnten wir gemeinsam dienen, wachsen, evangelisieren und anbeten.

Neue Dynamik für die Pfarren

So wundervoll all das auch war, wollte mich eine Frage doch nicht loslassen: Warum kann diese grundlegende Dynamik eines christlichen Zusammenlebens nicht die Norm in katholischen Gemeinden sein? Diese Frage ist mir bis heute geblieben. Sie begleitete mich in der Zeit vor der Priesterweihe, und sie trieb mich an, als ich im Jahr 2000 zum ersten Mal Pfarrer einer kleinen Gemeinde wurde. Über all die Jahre hatte ich miterlebt, wie viele spirituell erwachte Katholiken ein grundlegendes Gemeinschaftsgefühl in den vielen Bewegungen der katholischen Kirche suchen mussten, weil sie es in ihren Gemeinden nicht finden konnten. Ich sah auch, dass Anleitung zur Jüngerschaft in der katholischen Kirche meistens nicht in den Gemeinden passierte, sondern in eben diesen Bewegungen. Was, wenn das anders wäre? Was, wenn die hunderttausenden Kirchen auf der Welt tatsächlich die Verantwortung der Mission übernehmen würden, die Jesus dieser Kirche aufgetragen hat, nämlich zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu Jüngern zu machen? (Mt 28,19) Was, wenn der schlafende Riese namens „katholische Kirche“ aufwachen und seine wahre Identität annehmen würde?

In meinen ersten Jahren als Pfarrer suchte und fand ich ein Werkzeug, um diesen Prozess des Aufwachens anzustoßen. Dieses Werkzeug war „Alpha“. Ich entschied mich im Jahr 2001 Alpha anzuwenden, und das so lange zu tun, bis ich etwas Besseres gefunden hatte. Ich verwende und empfehle Alpha bis heute, und weiß von keinem anderen Werkzeug, das so beständig die investierte Zeit und Arbeit Früchte tragen lässt. Dieses Programm hilft­ den Menschen auf verblüffende Weise, das Evangelium zu hören und darauf zu reagieren. Es unterstützt sie dabei, Jesus zu treffen, eine Beziehung zu ihm aufzubauen und die Kra­ft des Heiligen Geistes und authentischer christlicher Gemeinschaft zu erfahren. Alpha tut all dies, aber vor allem ist es ein Werkzeug der totalen Transformation der Kultur einer Kirche.

In jeder meiner Gemeinden, in der ich mit Alpha arbeitete, konnte ich beobachten, wie sie sich von innen heraus veränderte, eben weil die Menschen in ihr verändert worden waren. Ich sah Menschen aufleben: sowohl lebenslange Kirchgänger als auch solche, die mit der Kirche nichts zu tun gehabt hatten. Ich sah, wie sie sich in Jesus, seine Kirche und seine Mission verliebten. All das kreierte ein wundervolles „Problem“, wenn man es so nennen will: Die Kirche der lebendigen Steine begann zu wachsen und aktiv zu werden.

Als ich Jahre später zu meiner zweiten Gemeinde stieß, wurde ich Zeuge desselben Vorgangs. Ich hatte begonnen, ein Team aufzubauen und mir meiner Limitationen und Inkompetenz klar zu werden. Ich begann, über Leadership nachzulesen. Ich begann, Konferenzen zu diesem Thema zu besuchen und von anderen christlichen Führungspersönlichkeiten zu lernen.

Zwischen 2005 und 2010 lernte ich viel und dachte gleichzeitig intensiv über Veränderung und Entwicklung nach. Man begann, mich als Sprecher für die Themen Evangelisierung und Gemeindeleitung einzuladen. Ich leitete eine neue Gemeinde und sammelte Erfahrungen, indem ich neue Modelle des Dienstes ausprobierte. Ich liebte es, von nicht katholischen Kirchenleitern zu lernen und zu versuchen, ihre reichhaltigen Erkenntnisse in meinen katholischen Kontext einzubetten. Während dieser Jahre hatten die jeweiligen Päpste die Kirche schriftlich und mündlich dazu aufgefordert, die Evangelisierung als ihre Hauptaufgabe wahrzunehmen. Die Art und Weise, wie sie über diese Neuevangelisierung sprachen, war höchst mitreißend und erhebend. Das einzige Problem war, dass abermals nur die „Bewegungen“ diesem Aufruf Gehör schenkten. Gemeinden auf der ganzen Welt schienen sehr wenig zu tun.

DEVINE RENOVATION

„Divine Renovation“ ist mittlerweile zu einer eigenständigen Organisation geworden Das Buch „Divine Renovation“ wurde ins Spanische, Französische, Deutsche, Italienische, Tschechische, Portugiesische und Niederländische übersetzt. Inzwischen wurden zwei weitere Bücher veröffentlicht und ein drittes ist in Arbeit. In ihrem Netzwerk stellt die Organisation wöchentliche Podcasts (Video- und Audio), die alle Aspekte von Gemeinde- Leitung und Erneuerung behandeln, für Mitglieder zur Verfügung. Gleichzeitig dient das Netzwerk auch als Plattform für Pfarren aus der ganzen Welt, wo sie sich austauschen und von ihrer Arbeit Zeugnis geben können.

Vision für eine neue Kirche

2010 bat mich mein Bischof, die Leitung der neu gegründeten „Saint Benedict“-Pfarre in meiner Stadt zu übernehmen. Drei kleinere Gemeinden waren geschlossen und durch einen Neubau zusammengelegt worden. Meine Ernennung zum Pfarrer erfolgte wenige Monate nach der Eröffnung des Gebäudes und noch bevor das neue Kirchenjahr begann. Die Mitglieder der Gemeinde waren sehr aufgeregt, und das aus gutem Grund. Die Zusammenlegung war ein sehr schwieriges Unterfangen gewesen, und hatte ein starkes Zeichen dafür gesetzt, Infrastruktur der Mission unterzuordnen. Zu lange ist die Mission geopfert worden, um alles offen lassen zu können. Diese physische Veränderung bewirkte auch, dass wir neu offen dafür sein konnten, wie wir an diesem neuen heiligen Ort Kirche sein wollten. Ich stellte meiner Gemeinde folgende Frage: „Was wird die Kräfte, die die Schließung und Zusammenlegung unserer Kirchen nötig machten, davon abhalten, weiteren Niedergang zu verursachen, wenn wir nichts tun als an diesen neuen Ort zu kommen und weiterhin alles genau so zu machen wie zuvor?“ Die Antwort ist: Nichts!

Bevor ich die neue Aufgabe als Pfarrer von Saint Benedict akzeptierte, hatte ich meine Vision mit meinem Bischof geteilt und ihn um Erlaubnis gebeten, Saint Benedict zu einem Versuchslabor der Seelsorge zu machen. Er unterstützte mich sehr und bat mich, etwas zu Papier zu bringen. Obwohl das Verfassen dieses Dokuments noch fast ein Jahr dauern sollte, verschwendeten wir keine Zeit und entwickelten unsere Vision, indem wir predigten, in wichtige Führungspersönlichkeiten investierten und indem wir mit Alpha begannen.

In diesem ersten Jahr hatten dutzende Menschen lebensverändernde Begegnungen mit Jesus Christus. Wir begannen Mitarbeiter einzustellen, die Sonntagskollekte stieg an, wir begannen unseren Musikdienst umzubauen und haben bei jeder Gelegenheit Zeugnisse eingebaut. Als ich schließlich den Pastoralplan verfasste, um den mich mein Bischof gebeten hatte, hatte der Wandel der Gemeinde schon begonnen. Er gewährte unserem Plan volle Unterstützung, und wir trieben diesen weiter voran. Was mir aber noch nicht bewusst war: Dieses Dokument, das ich geschrieben hatte, dieser theologische und pastorale Vorschlag, würde viel mehr in Bewegung setzen als ich mir je ausgemalt hätte.

In meinem dritten Jahr als Pfarrer von Saint Benedict waren bereits erstaunliche Dinge geschehen. Hunderte Menschen sind im Glauben gewachsen und neu aufgelebt. Wir führten eine Unzahl an Aktionen und Diensten durch, und alles geschah in einem schier unhaltbaren Tempo. Ich hatte auch ein neues Problem: Mir waren die Strategien ausgegangen. Ich hatte keinen Zweifel an meiner Vision und dem gewünschten weiteren Fortschritt meiner Gemeinde, aber ich befand mich nun auf unbekanntem Terrain. Ich wusste, dass das Modell von Dienst und Leitung, das uns hierhergebracht hatte, uns nicht noch weiter bringen konnte.

Weltweites Missions-Training

Innerhalb der nächsten zwei Jahre sahen wir uns den wohl schwierigsten Herausforderungen gegenüber, die uns aber auch am meisten Veränderung brachten. Wir konnten den nächsten Schritt der Gemeinde-Erneuerung gehen.

Unter anderem restrukturierten wir unser Führungsmodell, sodass ich inmitten eines leitenden Führungsteams eine kleine Anzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterstützen konnte, die ihrerseits wiederum den anderen Teams bei der Betreuung der Dienste in der Gemeinde unter die Arme griff. Außerdem reduzierten wir, was wir als Gemeinde taten und konzentrierten uns auf die tatsächlich wichtigen Dinge. Das brachte uns unserem Ziel als Gemeinde näher:

„Jünger zu formen, die freudig die Mission Jesu Christi leben“.

Inmitten all dieser Veränderungen geschahen zwei Dinge. Erstens erfuhr ich am 15. Mai 2012 einen kraftvollen Auftrag von Gott, für Priester und Pfarrer zu sorgen. Zweitens schrieb ich ein Buch namens „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert“. Diese beiden Entwicklungen und die weitere Transformation der Gemeinde Saint Benedict eröffneten noch mehr Möglichkeiten, die wir uns nie erträumt hätten.

Schon wenige Monate nach der Buchveröffentlichung im September 2014 begannen Anfragen aus der ganzen Welt einzutrudeln. Zuerst war es aufregend. Dann war es erschöpfend. Wir entschieden eine Konferenz in der Gemeinde Saint Benedict in Halifax zu veranstalten, um uns all dem Interesse auf einmal widmen zu können. Wir hatten keine Ahnung, wie viele kommen würden, rechneten aber sicher mit 200 bis 300 Menschen. Im Juni 2016 reisten 600 Menschen aus elf Ländern nach Halifax. Die Konferenz war ausverkauft. Es war eine unglaubliche Erfahrung, welche unser Problem, zum Glück, nicht löste, sondern noch schlimmer machte.

Ein Netzwerk lebendiger Gemeinden

Zwei Jahre später ist „Divine Renovation“ zu einer eigenständigen Organisation geworden. Wir beschäftigen momentan 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Halifax und einen Landes-Koordinator im Vereinigten Königreich. Wir produzieren wöchentliche Podcasts (Video- und Audio), haben zwei weitere Bücher veröffentlicht und arbeiten an einem dritten. Unser online-Coaching-Netzwerk umfasst fast 50 Gemeinden in den USA, Kanada, dem Vereinigten Königreich, Australien, Irland und Portugal. Im letzten Jahr sind Mitglieder unseres Teams nach Deutschland, Großbritannien, Südafrika, Malaysia, Australien, Neuseeland und in die Vereinigten Staaten gereist, um Konferenzen zu veranstalten und Vorträge zu halten.

Wir bieten Praktika für Pfarrer und Laien, und haben die „Divine Renovation Association“ ins Leben gerufen, die Mitgliedern den Zugang zu einer Reihe an Video-Coaching-Modulen bietet. Diese Materialien behandeln alle Aspekte von Gemeinde-Leitung und Gemeinde-Erneuerung. Das Buch wurde ins Spanische, Französische, Deutsche, Italienische, Tschechische, Portugiesische und Niederländische übersetzt. Unser Ziel für die nächsten 10 Jahre ist es, 35.000 Pfarrgemeinden zu inspirieren und zu befähigen, missionarisch zu werden und jedes Jahr zwei Millionen Menschen zu Jesus zu bringen. Durch Gottes Gnade und Erbarmen sind wir auf dem besten Weg, dieses Ziel zu einer Realität zu machen.

Letzten Sommer hielten wir unsere zweite Divine Renovation-Konferenz in Halifax mit über 700 Kirchenleiterinnen und Kirchenleitern aus aller Welt, darunter 90 aus Deutschland, über 40 aus Australien und weitere aus Indien, Malaysia, Frankreich, Slowenien, Irland, dem Vereinigten Königreich, Kanada und den Vereinigten Staaten. Bei der ersten Konferenz 2016 war der Höhepunkt nicht die fantastische Musik oder die großartigen Redner, sondern die Zeugnisse unserer Gemeindemitglieder: jene, die sich informell mitgeteilt hatten, und jene, die von der Bühne verkündeten, wie Jesus ihr Leben verändert hatte.

2016 war es unser Ziel, die Menschen davon zu überzeugen, dass der Traum, unsere Gemeinden von Instandhaltung zu Mission zu führen, möglich ist. Denn wenn es in Halifax geschehen konnte, dann konnte es überall geschehen. Bei der Konferenz 2018 waren die Zeugnisse wieder der wichtigste Aspekt, dieses Mal mit einem wesentlichen Unterschied: Es gab nicht nur Zeugnisse von Menschen, die durch den Glauben zu unserer Gemeinde gefunden hatten, sondern auch Zeugnisse von Pfarrern und Laien aus der ganzen Welt, die miterlebt hatten, wie ihre eigenen Kirchen transformiert wurden. Ich bin überzeugt, dass der schlafende Riese „katholische Kirche“ erwachen wird: Und zwar dann, wenn wir Pfarrgemeinden dabei helfen, mutig zu evangelisieren, die besten Führungsprinzipien zu übernehmen und sich durch den Heiligen Geist ermächtigen zu lassen. Und das passiert keinen Augenblick zu früh.

Weitere Informationen unter: divinerenovation.net

James Mallon

James Mallon wurde in Schottland geboren, übersiedelte 1982 mit seiner Familie nach Halifax, Kanada.

Er studierte an Seminaren in British Columbia und Toronto und wurde 1997 zum Priester geweiht. Nach einigen Jahren als Pfarrer in verschiedenen Gemeinden ist Father James heute Bischofsvikar für Pfarrerneuerung und Leiterschaftssförderung in der Erzdiözese Halifax-Yarmouth. Durch sein Buch „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert: Von einer bewahrenden zu einer missionarischen Kirchengemeinde“ wurde er international bekannt. Seine Erfahrung in Erneuerungsprozessen und Pfarrmission macht ihn heute zum begehrten Redner auf internationalen Veranstaltungen. Father James produziert und präsentiert außerdem eine Vielzahl an Videoserien und Dokumentation zu gesellschaftlichen, theologischen oder kulturellen Themen.