Verborgenes und Verbotenes

Iran: Vergessen Sie, was Sie über dieses Land zu wissen glauben. Denn hinter der strengen Fassade des Mullah-Staates finden sich viel Neugier und Offenheit. Die tausende Jahre alte Kultur Persiens begeistert ebenso wie der Reiz des Orients.

Unterwegs mit CHRISTOPH LEHERMAYR

allewelt Mai/Juni 2021

Christen im Gottesstaat

Mulmig ist mir schon ein wenig, als ich in Teheran lande. Streng blicken einen von Bildern Revolutionsführer Chomeini und sein Nachfolger Ajatollah Chamenei gleich bei der Ankunft am Flughafen an. Willkommen in der Islamischen Republik Iran, in der Mullahs die höchste Macht haben. Was das bedeutet, bekamen mit der Revolution 1979 gerade die Christen zu spüren. Zählten Perser einst zu den ersten Bekehrten der Urkirche, wurden Missionare nun des Landes verwiesen. Katholische Schulen, in denen noch Farah Diba, die spätere Frau des Schahs, studiert hatte, mussten schließen.

Für Muslime stand auf den Abfall vom Islam fortan die Todesstrafe. Und doch gedeihen im Geheimen die Hauskirchen von Konvertierten. Mit Neugier und Ehrfurcht betrete ich daher in Isfahan die erste Kirche. Von außen gleicht sie mit ihrer Kuppel den Moscheen der Stadt – und das war, damals im 17. Jahrhundert, auch die Bedingung, um sie erbauen zu dürfen. Das Innere der armenisch-apostolischen Vank-Kathedrale aber zieren prachtvolle Fresken aus dem Leben Jesu. Messen feiern dürfen hier jedoch nur Angehörige der armenischen Minderheit und wir Besucher.

Iran Weltkarte

Hauptstadt: Teheran

Einwohner: 83 Millionen

Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: Der Iran ist ein Vielvölkerstaat. Dominierend sind Perser, die 60 Prozent der Bevölkerung stellen. Im Nordwesten des Landes leben viele Aserbaidschaner, an der Grenze zum Irak Kurden und im Südwesten Araber. Zudem gibt es historische Minderheiten wie Assyrer und Armenier.

Religion: Der schiitische Islam ist Staatsreligion. 90 Prozent der Bevölkerung gehören ihm an. Sunniten stellen 9 Prozent. Etwa 350.000 Menschen zählen zum Christentum. Genaue Zahlen fehlen. Am größten sind dabei armenische und assyrische Gemeinden. Nur an die 10.000 Menschen sind katholisch. Im Untergrund organisieren sich verfolgte Konvertiten in Hauskirchen.

Das kokette Kopftuch

Es ist ein gefährliches Spiel mit ein paar Zentimetern und es wird in Irans Städten jeden Tag aufs Neue ausgetragen. Formell herrscht für alle Frauen im Iran, einschließlich der Besucherinnen, Kopftuchpflicht. Praktisch aber rutscht bei vielen Iranerinnen der Stoff auf dem Haupt zunehmend weiter nach hinten – und das nicht ganz unbeabsichtigt. „Jeder Millimeter mehr ist mein Sieg über das Regime“, verrät mir meine Begleiterin ihre Art der Auflehnung gegenüber der verhassten Sittenpolizei. Im Verborgenen blüht ohnedies längst eine Gegenkultur, bei der die strengen Tugenden des Wächterstaats spätestens an der Wohnungstür enden.

5 KILO WOLLE BRAUCHT ES FÜR EINEN1 m² PERSER-TEPPICH

Vor den Sanktionen galten Orient-Teppiche als absoluter Exportschlager und der Iran verdiente im Jahr eine halbe Milliarde Dollar daran. Besonders begehrt sind handgeknüpfte Perser-Teppiche. An einem 3 m² großen Exemplar arbeiten zwei Menschen ein halbes Jahr lang. Der Preis dafür liegt bei stolzen 1.500 Euro.

„Jeder Perser-Teppich soll einige beabsichtigte Mängel enthalten, um daran zu erinnern, dass nur Gott die absolute Perfektion beherrscht.“

Muhammed Hersultani, Teppichweber in Yazd

Schwelgen in 1001 Nacht

„Das Plätschern des Wassers gleicht für uns dem Klang des Paradieses“, sagt meine Begleiterin, als wir einen weiteren prachtvollen Garten voller Wasser-Kaskaden betreten. In einem Land, das zu ¾ aus Wüste besteht, verbergen sich hinter hohen Mauern etliche Oasen aus 1001 Nacht. Sobald sich dort die Sonne senkt, werden Höhepunkte aus Persiens Küche kredenzt. Köstlich riecht dann das gegrillte Fleisch, das fein mit Pflaumen, Quitten und Granatäpfeln abgestimmt ist und sich ideal zum Safran-Reis fügt, der als Beilage viele Gerichte begleitet.

Im Garten des Hafis

„Wenn du zu meinem Grabe deine Schritte lenkst, bring Wein und Laute mit, damit ich zu der Spielmannsweise tanzend mich erhebe.“ Das schrieb Hafis, Persiens bekanntester Poet, im 14. Jahrhundert. Die Sonne senkt sich. Nachtigallen zirpen. Der Duft von Jasmin umweht einen Garten in Shiraz, weit im Süden des Iran. Auch wenn der Rebensaft 700 Jahre später verboten ist, umschwebt der Hauch des Ausgelassenen das Mausoleum des Dichters.

Unter Palmen und Zypressen lachen Paare auf Bänken, turteln junge Verliebte im Gras und rücken Sorgen eines oft bekümmernden Alltags in die Ferne. Einander zuvor noch Fremde geraten rasch ins Gespräch. So groß ist die Neugier auf die Welt da draußen, fern der Tagespolitik und der Vorschriften des Sittlichkeitsstaats. Viele derer, die dem Poeten hier die letzte Ehre erweisen, blättern in Bänden voll mit seinen Versen. Und finden darin auch diesen: „Durch Wissen kommt der Mensch zur Menschlichkeit; Fehlt Wissen ihm, gleicht er dem Tiere nur. Torheit ist Handeln in Unwissenheit, und Torheit findet nie der Wahrheit Spur.“

Christoph Lehermayr

CHRISTOPH LEHERMAYR

Der leitende Redakteur der „allewelt“ war fasziniert von der Neugier und der Gastfreundschaft, mit der ihm die Menschen im Iran begegneten.

Print Friendly, PDF & Email