Traditionell, vielfältig, aufstrebend

Die Unterschiede zwischen Tradition und Moderne könnten im indischen Subkontinent kaum größer sein. Während laut gackernde Hühner auf klapprigen Fahrrädern durch die Dörfer transportiert werden, wird in den Hochhäusern der großen Städte mit Hochdruck an der digitalen Zukunft gearbeitet und eine App nach der anderen programmiert. 

Unterwegs mit HANNAH SIEBERTZ

allewelt März/April 2020

Prägende Begegnungen

„Und? Wie hat dir Indien gefallen?“ Diese Frage höre ich immer wieder, wenn ich von meinen Reisen aus diesem riesigen Land zurückkomme. Sie mit Ja oder Nein zu beantworten, wäre vermessen, so vielfältig, staubig, bunt, laut und unglaublich unterschiedlich ist das Land. Bei jeder Reise entdecke ich neue Seiten Indiens, treffe interessante Menschen, erlebe neue Dinge, bin erneut in den Bann des Landes gezogen. Die schneebedeckten Gipfel im Himalaya, die einsamen Strände auf den Andamanen, das pulsierende Leben in der Millionenstadt Delhi und die riesigen Weiten in den Wüsten im Bundesstaat Rajasthan lassen sich nicht vergleichen. Inzwischen habe ich Freunde im ganzen Land verteilt und es ist ein bisschen wie „heimkommen“. „Indien hat so viele Gesichter. Es sind vor allem die Begegnungen und Situationen, die mich faszinieren“, antworte ich dann auf diese Frage.

Indien Weltkarte

Hauptstadt: Neu Delhi

Einwohner: 1,36 Milliarden (Schätzungen 2019)

Fläche: 3.287.263 km²

Bevölkerung: Nach China ist Indien der bevölkerungsreichste Staat der Erde. Das riesige Gebiet auf dem Subkontinent beheimatet Menschen aus vielen verschiedenen Ethnien. 22 Sprachen sind offiziell anerkannt, gesprochen werden wahrscheinlich über tausend Sprachen und Dialekte.

Religion: Vier Religionen kommen aus Indien: Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus, wobei knapp 80 Prozent der Inderinnen und Inder Hindus sind. Die zweitstärkste Glaubensgemeinschaft sind die Muslime mit 14,2 Prozent. 28 Millionen Christinnen und Christen (2,3 Prozent) sind in Relation zur Gesamtbevölkerung des Landes eine kleine Gemeinschaft.

Zu Fuß genauso schnell

Wer immer es sich leisten kann, investiert in Indien in ein Auto. Es ist Statussymbol und Fortbewegungsmittel zugleich. Von einem schnellen Fortbewegen mit dem Auto kann in der indischen Hauptstadt Delhi oft nicht die Rede sein. Mit dem Auto brauche ich für die 1,5 Kilometer vom Hauptbahnhof bis zum zentralen Connaught-Place etwa 20 Minuten, zu Fuß genauso lange. Indiens Städte werden immer voller. Neben den bekannten Auto-Rikschas bieten nun zahlreiche Taxidienste ihre Leistungen an. Wenn die Luft zu schlecht und der Verkehr zu dicht ist, dann dürfen abwechselnd nur Fahrzeuge mit geraden oder ungeraden Nummerntafeln fahren. Alle anderen müssen zu Fuß gehen.

300 VERLORENE LUNCHBOXEN ODER WENIGER

Das ist die Jahresbilanz der Dabbawalas von Mumbai. Ein komplexes Codesystem garantiert die hohe Liefergenauigkeit. Seit 125 Jahren liefern vorwiegend Männer das Mittagessen für rund 200.000 Büroangestellte in der Millionenstadt. Das Essen kochen die Ehefrauen, Töchter, Mütter der Angestellten selbst. In den „dabbas” (Behälter) kommt es so direkt von zu Hause ins Büro.

„Das System der Dabbawalas ist ein Spiegelbild von Mumbai: ein unglaublich organisiertes Chaos.“

Zach Glassman, Fotograf

Hochzeit auf Indisch

Indische Hochzeiten sind ein gesellschaftliches (Groß-) Ereignis. Ich hatte das Brautpaar während einer Reise kennengelernt und ohne sie lange zu kennen, luden sie mich auf ihre Hochzeit ein. Das Fest dauerte zwei Tage: Am ersten Abend wurde die offizielle Verlobung gefeiert, am zweiten Abend fand die eigentliche Hochzeit statt. Untertags gab es kleinere Rituale wie das Holen von heiligem Wasser aus dem Tempel. Zur Trauung ritt der Bräutigam auf einem weißen Schimmel. Nach einigen Stunden des Wartens kam die Braut und erst spät in der Nacht, als viele Gäste schon gegangen waren, fand die eigentliche Hochzeitszeremonie statt. Neben vielen anderen Ritualen umrundet das Brautpaar sieben Mal das heilige Feuer, was sie für immer verbindet.

Vom Straßenkind zum Bankangestellten

Während meines ersten Indienbesuchs vor 13 Jahren lernte ich den damals 20-jährigen Nishant kennen. Es dauerte lange, bis ich sein Vertrauen gewonnen hatte und er mir von seiner Vergangenheit erzählte. Nishant hat seine Eltern als kleines Kind verloren, er wuchs in einem Waisenhaus der Salesianer Don Boscos in Südindien auf. Der dortige Pater und eine Mitarbeiterin sind so etwas wie seine Ersatzeltern. Sie sind Vorbilder und wichtige Ratgeber zugleich. Mit 18 Jahren ist Nishant in die Stadt Hyderabad gezogen, wo er ein Bachelorstudium im Bankbereich absolviert hat. Er hatte Glück und bekam einen Job in einem Callcenter einer internationalen Bank. Seine Leistungen waren gut und so stieg er zum Supervisor für eine kleine Gruppe von Callcentermitarbeitenden auf. Bei meiner letzten Reise traf ich Nishant wieder. Wir saßen am Strand und aßen Samosas, einen sehr beliebten, südindischen, herzhaften Snack. Wir hatten uns lange nicht gesehen und er berichtete mir mit leuchtenden Augen, dass die Bank jemanden in der Strategieberatung gesucht hatte und er den Job bekommen hat. Nun saß auch er in einem der mächtigen Hochhäuser und war Teil des „modernen Indiens“. Ich war tief berührt und beeindruckt von seinem Werdegang und seinen Erzählungen. Diese Begegnung zeigte mir wieder einmal, wie wichtig eine gute (Aus-)Bildung ist und was man damit alles erreichen kann.

Hannah Siebertz

Hannah Sieberitz

Seit 12 Jahren ist der Head des Teams International Projects regelmäßig in Indien. Bei jeder Reise lernt die Autorin neue Seiten des riesigen Landes kennen
und schätzen.