In der Fremde zu Hause

Bevor Krieg und Gewalt ihr Leben aus der Bahn warfen, haben Miray und Jacob Volksschulkinder unterrichtet. Beide haben ihre Heimat verloren und müssen sich nun in einem neuen Land zurechtfinden. 

von Lena Hallwirth

allewelt November/Dezember 2019

Nicht allein

Miray Bakhash

GEFLÜCHTETE

Kommt aus: Syrien

Wohnort: Wien, Österreich

Junge Frau

Miray Bakhash wusste, die Reise von Syrien nach Österreich würde anstrengend und gefährlich. „Menschen sind manchmal seltsam, aber ich wollte unbedingt mein Lieblingskleid mitnehmen“, lacht die junge Frau mit den dichten, dunklen Locken rückblickend. Sie musste alles in ihrer Heimat Aleppo zurücklassen. Um drei Uhr nachts wagte sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland – auf einem kleinen Schiff, das Meer unter ihnen schwarz und ruhelos. In Bussen, Zügen und zu Fuß ging es weiter bis nach Wien. Lange hatte die Familie geglaubt, die Bomben und Kämpfe würden bald vorbei sein, dass bald wieder alles so werden würde wie früher. Dann gab es keine Arbeit mehr, keinen Strom und schließlich nicht mehr genug zu essen und zu trinken. „Langsam, langsam haben wir gemerkt, dass wir hier nicht mehr leben können“, so die frühere Volksschullehrerin. Ihre beiden Brüder wollten auf ein Studenten-Visum warten, die Schwester ihren Verlobten nicht verlassen, auch Mirays Vater blieb zunächst. In Aleppo lebten alle zusammen unter einem Dach, heute ist die Familie über den ganzen Globus verteilt.

Eine neue Sprache, unbekannte Menschen und die Unsicherheit, ob man überhaupt bleiben darf – „In einem fremden Land zu sein ist wirklich sehr, sehr schwer. Man schafft das alleine nicht“, erzählt die 29-Jährige über ihre erste Zeit in Wien. Zum Glück gab es da jemanden, der ihnen Mut machte, sie beruhigte, bei Amtswegen und Alltagsdingen half. Über einen Bekannten lernten sie eine katholische Ordensfrau kennen, die Mutter und Tochter bei sich aufnahm. „Schwester Karin hat oft mit mir geredet und gesagt, dass sich alles ändern wird, aber, dass es nicht immer schnell geht.“ Und wirklich, heute sei alles viel besser als noch vor vier Jahren. Neben ihrer Ausbildung zur Kindergartenpädagogin arbeitet Miray als Seniorenbetreuerin in einem Pflegeheim. Wenn sie Zeit hat, geht sie gerne in den arabischsprachigen Gottesdienst. Sie ist stolz darauf, Christin zu sein. Nach allem was sie erlebt hat, war ihre Beziehung zu Gott nicht immer einfach. Mit ihm im Gebet wie mit einem Freund zu sprechen, hilft ihr sehr. Sie weiß: „Gott sieht mein Leben, Er ist bei mir. Das beruhigt mich von innen heraus.“

Unter Geschwistern

Jacob Bisimwa Chanoja

GEFLÜCHTETER

Kommt aus: Demokratische Republik Kongo

Wohnort: Flüchtlingscamp Kavumu, Burundi

Kräftige, melodische Stimmen erfüllen die große, schlichte Kirche im Dorf Busoro im Süden Burundis. Enthusiastisch klatschen und tanzen dutzende Kinder in farbenprächtigen Kostümen und übersäen dabei den Altarraum mit unzähligen duftenden Blütenblättern. Die Sonntagsmesse ist heute ein Spektakel, das sich niemand entgehen lässt. Hunderte Menschen sind gekommen, um die Gäste von Missio Österreich zu begrüßen. Auch Jacob Bisimwa Chanoja feiert mit. Für ihn ist der Tag etwas ganz Besonderes, denn heute kann er das Flüchtlingscamp und die Sorgen um die Zukunft für ein paar Stunden vergessen. Er ist einer von mehr als 77.000 Menschen, die in den letzten Jahren aus der benachbarten Demokratischen Republik Kongo in das kleine ostafrikanische Land Burundi geflüchtet sind. Seit drei Jahren lebt er mit seiner Frau und ihren sechs kleinen Kindern in einem Flüchtlingscamp. In seiner Heimat fühlt sich der Volksschullehrer nicht mehr sicher, seit Anhänger einer bewaffneten Rebellengruppe die Familie mitten in der Nacht aus ihrem Haus entführten. „Sie brachten uns in den Wald und haben uns gefoltert. Nach drei Tagen haben sie uns dann freigelassen. Wir sind nicht mehr nach Hause zurückgekehrt, sondern direkt nach Burundi geflüchtet“, erzählt er.

In dem Flüchtlingscamp, das mit etwa 17.000 Menschen einer Kleinstadt gleicht, unterrichtet Jacob nun eine Klasse mit 68 Volksschulkindern. Nach seiner Ankunft habe er Baumaterial für ein einfaches Haus bekommen, einmal im Monat erhalte er Nahrungsmittel und Seife – zum Leben reicht es kaum. „Gott sei Dank sind wir in Sicherheit und bekommen zu essen, aber es gibt viele persönliche Probleme. Das Leben eines Flüchtlings ist nicht gut“, sagt er und dankt immer wieder überschwänglich Gott, den Hilfsorganisationen, die das Camp finanzieren, und der burundischen Regierung für ihre Hilfe. Jacob und seine Familie müssen warten. In Burundi, aus dem seit dem Jahr 2015 ebenfalls rund 346.000 Menschen flüchteten, gibt es außerhalb des Camps keine Zukunft für sie. Die Lage in ihrer Heimat ist weiterhin gefährlich, mit einem schweren Ausbruch der Krankheit Ebola kam eine neue Bedrohung hinzu. In der Sonntagsmesse ist er kein Flüchtling, zumindest nicht an erster Stelle. Hier ist Jacob Christ – einer unter vielen.

Mann