Hilferuf der Unterdrückten

Die Umweltzerstörung des Amazonas-Regenwaldes bedroht besonders das Leben der indigenen Bevölkerung. Sie ist eines der zentralen Themen der sogenannten „Amazonas-Synode“, die im Oktober im Vatikan stattfindet. Über die aktuelle Situation berichtet Lucineri Schuaigert aus Brasilien.

von LUCINERI VANDRESEN SCHUAIGERT

allewelt September/Oktober 2019

In Brasilien erleben wir die Zerstörung der Umwelt jeden Tag mit größerer Sorge und manchmal auch mit großer Empörung. Gott hat diese schöne Welt geschaffen, aber menschliche Gier und Dummheit zerstören unseren Planeten und gefährden seine Zukunft und die der nächsten Generationen. Die Umweltgifte, die in der Landwirtschaft und im Rohstoffabbau eingesetzt werden, haben dramatische Folgen für das Leben der Menschen hier: Wir sehen hohe Raten an Infektionskrankheiten, viele Menschen leiden an Hormonstörungen, Allergien, Immunschwächen, Organfehlbildungen bis hin zu Unfruchtbarkeit und Krebs.

Noch schlimmer ist die Situation in den Gebieten der indigenen Völker und der Quilombolas, der Nachkommen entflohener Sklaven, die aus Afrika stammten. Viele Quilombolas leben seit 200 Jahren, Indigene seit mehr als 500 Jahren in ihren heutigen, naturbelassenen Gebieten. Sie respektieren ihre Umwelt und leben im Einklang mit der Natur. Doch ihre Rechte auf das Land und die Wälder sind bis heute großteils nicht geklärt. Die Landwirtschaft und der Rohstoffabbau zerstören die Umwelt und vertreiben die Menschen von ihrem Land.

Lucineri Vandresen Schuaigert

LUCINERI VANDRESEN SCHUAIGERT

ist externes Ordensmitglied der Caritas Socialis. Der Frauenorden wurde 1919 in Wien gegründet und ist seit 1967 in Guarapuava im Süden Brasiliens in der Kinderpastoral tätig. Als Sozialarbeiterin des CS-Zentrums zur Unterstützung der Familie ist Lucineri Schuaigert für Kinder und ihre Familien in Krisensituationen da und hilft ihnen dabei, zu eigenständigen und verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft zu werden.

Indigene berichten, dass bewaffnete Personen in ihre Gebiete eindringen, das Land illegal in Besitz nehmen und die Bäume abholzen oder brandroden. Diese Menschen sind oft Einheimische, die von Politikern und Landwirten dazu ermutigt werden. Die wenigsten von ihnen werden vor Gericht gestellt. Die Indigenen versuchen, ihr Land zu schützen und erhalten dafür Morddrohungen. Unter Jair Bolsonaro, der seit 1. Jänner 2019 Brasiliens Präsident ist, werden die Rechte der indigenen Bevölkerung gänzlich missachtet und ihnen werden gesetzliche Ansprüche verweigert.

In jeder seiner Reden spürt man seine Ablehnung gegenüber den Indigenen, er äußert sich offen aggressiv ihnen gegenüber. Die indigene Bevölkerung kommt in den Plänen der Regierung nicht einmal vor. Bolsonaro möchte, dass ihre Gebiete landwirtschaftlich genutzt werden können, und stellt sich damit auf die Seite der Agrarlobby. Unter dieser Regierung gibt es keinen Dialog mit der indigenen Bevölkerung – im Gegenteil, indigene Völker werden gezielt ausgegrenzt. Vor ein paar Monaten erklärte die Regierung, sie werde keine indigenen Gebiete mehr als solche rechtlich absichern, obwohl diese sogenannte Demarkation bereits in der Verfassung von 1988 festgeschrieben ist.

„Wir leben in einer sehr entmutigenden und besorgniserregenden Zeit. Doch irgendwo auf der Welt muss der Hilferuf der Unterdrückten gehört werden.“

Lucineri Vandresen Schuaigert

Bischofskonferenz prangert Unrecht an

Auch auf Verwaltungsebene hat Bolsonaro angesetzt und die Indigenenbehörde (FUNAI) einer Ministerin unterstellt, die sich in der Vergangenheit gegen die Rechte der Indigenen gestellt hat. Der Kongress hat diese Entscheidung zwar vor kurzem rückgängig gemacht, doch durch die drastische Kürzung der Geldmittel für diese Behörde ist sie praktisch handlungsunfähig. Die Erwartungen an die Politik, dass sich die Lage der Schwächsten verbessert oder die Zerstörung der Umwelt aufhört, sind sehr gering. Wir leben in einer sehr entmutigenden und besorgniserregenden Zeit. Doch irgendwo auf der Welt muss der Hilferuf der Unterdrückten gehört werden. Deshalb hat der Rat der brasilianischen Bischofskonferenz für indigene Völker (CIMI) die Unterdrückung der Indigenen vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf öffentlich angeprangert. Es ist sehr wichtig, dass die internationale Gemeinschaft nicht schweigt, sondern die Politik von Bolsonaros Regierung öffentlich kritisiert und noch mehr soziale Kontrolle ausübt.

In einigen Regionen Brasiliens geben Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien ihr Leben für die Verteidigung der Indigenen, denn sie sind geliebte Kinder Gottes. Sie setzen sich dafür ein, dass das Land der Indigenen auch offiziell ihnen gehört und sie fordern von der Regierung eine Politik, die auf die Bedürfnisse der indigenen Bevölkerung eingeht. Im Süden des Landes aber fehlt dieser missionarische Einsatz der Kirche vielerorts. Die Kirche setzt sich hier kaum für den Schutz der Umwelt oder der Indigenen ein. Obwohl diese Themen in der „Kampagne der Brüderlichkeit“, einer Solidaritätsaktion der brasilianischen Bischofskonferenz, angesprochen wurden, bleiben die Türen der Kirchen hier oft geschlossen und die Menschen setzen sich nicht mit der Lebensrealität der indigenen Bevölkerung auseinander.

DIE AMAZONAS-SYNODE

Unter dem Titel „Amazonien: Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie“ beraten Bischöfe und andere Kirchenvertreter von 6. bis 27. Oktober 2019 in Rom, wie die Rechte Indigener gestärkt und die arten- und rohstoffreichen Urwälder geschützt werden können. Damit betont die katholische Kirche, wie wichtig der Einsatz für Klima- und Umweltgerechtigkeit ist, und zeigt, dass dieser untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit verbunden ist. Welche neuen Formen der Seelsorge es in Gebieten geben kann, in denen es kaum Priester gibt, ist ebenfalls ein zentrales Thema der Synode. Das Amazonasbecken erstreckt sich über Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Guyana, Peru, Surinam, Venezuela und Französisch-Guayana, wo drei Millionen Indigene leben.

Kirche muss bei den Schwächsten sein

Um den Schwächsten wirklich zu helfen, ist es wichtig, dass die katholische Kirche aufwacht, unter die Menschen geht, bei den Armen, den Arbeiterinnen und Arbeitern ist. Sie muss die kleinen Gemeinschaften zurückerobern, indem sie den Glauben wieder mit dem Leben der Menschen in Verbindung bringt. Die Geschichte, die Bibel und die katholische Soziallehre müssen mit einer gelebten Spiritualität und einem missionarischen Engagement verbunden werden. Für die Zukunft unseres Landes wünschen wir uns, dass Bildung, Gesundheit, die Achtung indigener Völker, die Wertschätzung der Familie, Gerechtigkeit und Recht Vorrang haben. Landwirtschaft, Industrie und die Wirtschaft im Allgemeinen müssen nachhaltig werden, um den Planeten zu schützen und allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Alle Brasilianerinnen und Brasilianer müssen Verantwortung übernehmen und sich bewusst für den Aufbau einer besseren Welt einsetzen.

Wir hoffen, dass die Amazonas-Synode Wege der Hoffnung eröffnet. Wir hoffen, dass sich die katholische Kirche und andere Teile der Gesellschaft neu missionarisch engagieren – für unseren Planeten und für alle Menschen. Möge das Kind, das im Stall bei den Tieren geboren wurde, diese Synode gemeinsam mit ihnen inspirieren. Und möge der Amazonas uns und besonders den indigenen Völkern weiterhin Leben im Überfluss schenken!