Hexenjagd mit Handy und Machete

Wie ein Flächenbrand breiten sich grausame Gewaltverbrechen in Papua-Neuguinea aus. Unschuldige Frauen werden als Hexen an den Pranger gestellt und auf Dorfplätzen öffentlich gefoltert. Zwei Ordensschwestern kämpfen gegen diese Menschenrechtsverletzungen.

Text: Jörg Nowak // Fotos: Bettina Flitner

allewelt März/April 2020

Als der sechsjährige Jonathan die vielen Menschen zum Dorfplatz strömen sieht, glaubt er, ein großes Fest werde vorbereitet. Neugierig folgt er mit seiner Großmutter und Mutter Cristina Dio den anderen Frauen, Männern und Kindern. Ganz vorne in der Menschenmenge erzählt jemand etwas von gefährlichen Sangumas. Die bösen Hexen seien mitten unter ihnen, ruft der Mann. Aus dem Mund einer Sanguma würden Ratten und Schlangen kriechen. Mit ihren Flüchen könnten sie töten und Menschen das Herz aus dem Leibe reißen.

Gebannt schauen die Dorfbewohner auf mehrere Männer, die ein Feuer anzünden und alte Autoreifen in die lodernden Flammen werfen. Sie rammen meterhohe Holzpflöcke in den Boden, nehmen Seile in die Hand und drängen sich durch die wartende Menschenmenge. Jonathan sieht, wie die Männer auf seine Mutter zusteuern.

„Sanguma, Sanguma, Sanguma“, rufen sie mit wütenden Blicken. Dann greifen sie seine Mutter Cristina an den Armen und zerren sie nach vorne zum Feuer. Sie fesseln die Frau an die Pfähle und verbinden ihr die Augen mit einem blauen Tuch. Mit gespreizten Armen und Beinen sieht sie fast wie eine Gekreuzigte aus. Das ganze Dorf schaut zu, als die Folterer der wehrlosen Mutter die Kleider vom Leibe reißen. Besonders die Männer unter den Schaulustigen starren mit dumpfen und gierigen Blicken auf den entblößten Frauenkörper.

Papua Neuguinea Karte

Hauptstadt: Port Moresby

Amtssprachen: Tok Pisin, Hiri Motu und Englisch

Einwohner: etwa 8,8 Millionen

Fläche: 462.840 km2

Währung: Kina (PKG)

Religion: Christentum (über 90% laut Schätzungen); indigene Religionen (ca. 3 %)

Mit glühenden Eisenstangen

Jonathan und seine Großmutter erstarren vor Angst. Martha überlegt verzweifelt, was sie tun kann. Sie will die Polizei rufen. Dann entdeckt sie unter den Helfershelfern der Hexenjäger drei Polizisten. Die Großmutter ist verzweifelt. Das ganze Dorf ist gegen Cristina. „Gib zu, du bist eine Hexe!“, fauchen die Männer sie an und halten ihre Buschmesser und Metallstangen solange ins Feuer, bis das Eisen glüht.

Als sie zustechen, rennen mehrere Kinder erschrocken vom Scheiterhaufen weg. Sie laufen zur Missionsstation, wo Schwester Gaudencia, Schwester Lorena und die anderen Ordensfrauen wohnen. Die Schweizer Missionsschwestern sind hier in der Region um die Stadt Mendi im Hochland von Papua-Neuguinea bekannt. Völlig außer Atem klopfen die Kinder an die Tür. „Schwester Gaudencia, Schwester Gaudencia, kommen Sie schnell, eine Hexe wird verbrannt.“

Als die Ordensfrau den Dorfplatz erreicht, ruft sie erschrocken: „Um Himmels Willen, hört auf!“ Da stürmen die Folterer auf die Nonne zu und prügeln mit glühenden Holzstangen auf die 72-jährige Frau ein. Sie rettet sich, will Hilfe holen. Doch sie begreift, selbst mit den männlichen Mitarbeitern der Krankenstation und dem Priester hat sie keine Chance gegen die wütende Meute. Mit hasserfüllten Blicken rufen die Menschen immer wieder: „Kukim em!“ – Verbrennt sie! „Kilim em!“ Tötet sie!

Es hilft nur noch beten. Schwester Gaudencia greift zum Rosenkranz. In sicherem Abstand zum Scheiterhaufen fleht sie Gott um Hilfe. Mehrere Katholiken, die die Ordensfrau gut kennen, kommen hinzu und beten mit ihr. Während sie immer wieder den Rosenkranz beten, ziehen dunkle Wolken auf. Schwester Gaudencia blickt zum Himmel. Heftiger Regen prasselt plötzlich auf den Dorfplatz nieder.

Einige der Schaulustigen spannen ihre bunten Regenschirme auf und starren weiter auf Christina, die sich vor Schmerzen in der Hitze des Scheiterhaufens windet. Der Regen wird immer stärker, der Dorfplatz wird vom Wasser aufgeweicht, die Flammen des Feuers werden kleiner. Die Folterer entscheiden, eine Pause einzulegen. Cristina blickt in die Menschenmenge. Rund 600 Dorfbewohner stehen ihr gegenüber. Sie sieht ihre Nachbarn, Männer, Frauen, Kinder. Mehrere Männer richten ihre Handys auf sie und schießen Fotos.

Cristina und Sohn

„Ich muss überleben. Für Jonathan und meine Mutter muss ich überleben.”

Cristina mit ihrem Sohn Jonathan

Der Trick mit dem Stein

Weil der Regen nicht aufhört, schleppen die Folterer Cristina in eine Hütte und legen sie auf den nackten Lehmboden. „Ich muss überleben“, sagt sie zu sich. „Für Jonathan und meine Mutter muss ich überleben.“ Sie entdeckt einen kleinen Stein in der Hütte. Trotz ihrer heftigen Schmerzen ist ihr Überlebenswille ungebrochen. Sie denkt sich eine gewagte Geschichte aus, um die Folterer zu überlisten.

In einem unbeobachteten Moment schiebt sie sich den Stein zwischen die Beine. Dann ruft sie: „Schnell, kommt her! Die Hexe, sie ist in mir. Befreit mich! Holt sie raus!“ Die Männer betasten und begrabschen Cristinas Körper und fingern schließlich einen von Lehm und Blut verschmierten Stein hervor. Wie eine Trophäe halten die Männer den Stein in die Höhe. „Sanguma“, rufen sie. Der Zauber scheint gefunden. Die Szene rettet Cristina das Leben.

Einige Zeit später liegt sie im Krankenbett der Missionsstation. Schwester Gaudencia setzt ihr Kanülen für den Tropf mit Schmerzmitteln und behandelt ihre Wunden. Doch selbst in der Missionsstation ist die Schwerverletzte nicht sicher. Von Weitem erklingen die Sanguma-Rufe erneut. Einige der Folterer zweifeln an dem Hexenstein. Sie nähern sich dem weitläufigen Gelände der Missionsschwestern, Steine fliegen auf das Dach der Missionsstation. „Wir müssen Cristina in Sicherheit bringen“, sagt Schwester Gaudencia.

Jahr für Jahr 200 Hexenmorde

Wie ein Flächenbrand breiten sich die Hexenverfolgungen in Papua-Neuguinea aus. 1.443 Fälle sogenannter Hexenprozesse in dem ozeanischen Land hat die australische Professorin Miranda Forsyth in den vergangenen 20 Jahren dokumentiert. Andere Quellen wie die Vereinten Nationen schätzen sogar, dass jährlich rund 200 Menschen als Hexen in Papua-Neuguinea getötet werden.

Weil sie unmöglich in ihrem Heimatdorf bleiben kann, bringen die Ordensschwestern Cristina weit weg. Rund fünf Stunden mit dem Auto flüchten sie durch die bergige Landschaft, bis endlich der Mount Wilhelm mit seinen mehr als 4.500 Metern sichtbar wird. Der höchste Berg des Landes wurde 1888 von der deutschen Kolonialmacht nach Wilhelm von Bismarck benannt, dem Sohn des deutschen Reichskanzlers. Hier liegt die Stadt Kundiawa, in der Cristina mit ihrem Sohn und der Großmutter ein neues Leben aufbauen muss.

Während Schwester Gaudencia sich um die körperlichen Wunden von Cristina kümmert, ist ihre Mitschwester Lorena Jenal jetzt als Seelsorgerin gefordert. Die 67-Jährige führt viele Gespräche mit Cristina und kümmert sich um die seelischen Wunden. Schwester Lorena berührt die Menschen mit ihrem liebenden Blick und ihren warmen Umarmungen. Cristina spürt die heilsame Wirkung der Anteilnahme und Nähe. Und sie ist dankbar, dass sich die Ordensfrau Zeit für Jonathan nimmt. „Wie geht es dir?“, fragt sie den Buben. „Gut“, lautet die kurze Antwort. Schwester Lorena lässt nicht locker. „Hast du Freunde, mit denen du spielen kannst? Schläfst du nachts gut?“ Da blickt Jonathan auf Schwester Lorena und kann seine Tränen nicht zurückhalten. Immer wieder würden die Alpträume kommen, sagt er. „Das Feuer. Meine Mutter“, weint er.

Schwester Lorena spürt, wie viel Verzweiflung, Angst und Wut in dem Jungen stecken und ihn von innen aufzufressen drohen. „Komm mit, Jonathan“, sagt Schwester Lorena. „Ich habe eine Idee.“ Sie führt den Jungen zu einem großen Baum mit einem festen Stamm. Er darf jetzt alle seine Gefühle an dem Baum auslassen. Jonathan trommelt mit den Fäusten auf den Stamm, tritt mit den Füßen gegen all das Böse, schreit und weint sich das Leid von der Seele. Dann wird er ganz ruhig und setzt sich auf die Wiese. „Jetzt geht es mir besser.“ Schwester Lorena ist erleichtert und wirft noch einen prüfenden Blick auf den Baumstamm, der unversehrt geblieben ist. Für Cristina und ihre kleine Familie ist der Heilungsprozess ein langer Weg. „Du hast mir geholfen, meinen inneren Frieden zu gewinnen“, sagt Cristina später zu Schwester Lorena.

Schwester Lorena Jenal kämpft unermüd- lich für ein Ende der Gewaltexzesse

„Das ist Gewaltpornographie, was sich da abspielt.”

Schwester Lorena

In den Fängen der Folterer

In den vergangenen 14 Monaten hat sich die Schweizer Ordensfrau um 18 Fälle von Hexenverfolgung gekümmert. Wann immer sie hört, dass jemand in Gefahr ist, wird sie aktiv. So gibt es Hinweise, dass es in einem Dorf in der Nähe von Mendi einen Hexenprozess gegeben hat. Schwester Lorena fährt mit dem kleinen Geländewagen los und fragt am Wegesrand drei Feldarbeiter, ob sie etwas gehört hätten.

„Ja, gestern Abend hatten wir einen Hexenprozess in unserem Dorf“, antworten sie. „Was ist da passiert?“, will Schwester Lorena wissen. „Warte, wir zeigen es dir“, sagen die beiden Frauen und der Mann. Er nimmt sein Buschmesser, während sich eine der Frauen mit gespreizten Armen und Beinen aufstellt, um die Rolle der Hexe zu spielen. „Das Buschmesser war vom Feuer glühend rot“, erzählt er mit leuchtenden Augen. „Lebt die Frau noch? Wo ist sie?“, fragt Schwester Lorena voller Verzweiflung. Eine der Frauen weist in Richtung des Dorfes.

Als die Ordensfrau dort ankommt, stellt sich ihr der Dorfführer in den Weg. „Wir haben sie eingesperrt. Sie kriegt kein Wasser und keine Medikamente. Sie soll krepieren, die Hexe“, wütet er. Schwester Lorena weiß, es geht jetzt um Leben oder Tod. Die Frau muss nach stundenlanger Folter schwer verletzt sein. „Ich will zu der Frau“, sagt die Schweizerin mit eindringlichem Blick. „Machen sie das Schloss auf.“

Der Dorfführer gibt nach und öffnet die Tür. Teno heißt die Frau, die mit schwersten Verletzungen und Verbrennungen auf dem Boden liegt. „Ich bringe dich in unsere Krankenstation“, sagt sie und umarmt Teno. Als Schwester Lorena mit dem Wagen ankommt, wird sie schon von Schwester Gaudencia erwartet. Sie untersucht die Schwerverletzte, reinigt die Wunden, gibt ihr Schmerzmittel. Am späten Abend kommt Gaudencia zu Lorena und sagt leise: „Teno ist tot. Sie hat es nicht geschafft.“

„Wie in der Steinzeit“

Schwester Lorena sucht nach Erklärungen für die sadistische Gewalt. „Als ich 1979 nach Papua-Neuguinea kam, war ich fasziniert von der Schönheit des Landes. Alles schien mir sehr friedlich und harmonisch“, erinnert sie sich. Gleichzeitig „lebten die Menschen wie in der Steinzeit“.

Als internationale Konzerne Öl, Gas und andere wertvolle Rohstoffe entdeckten, sei die Moderne mit voller Wucht hereingebrochen. Plötzlich gab es schnelles Geld, Fernsehapparate, Handys und Autos. Die Männer sind traditionell Krieger, die immer mit Pfeil und Bogen oder Steinaxt unterwegs waren. „Heute tauschen sie das wildwachsende Marihuana gegen Schusswaffen“, berichtet die Schwester.

Die radikalen Veränderungen verunsicherten die Menschen, mit aller Macht wollen sie zu den Gewinnern gehören. Der Hexenglaube wird auch benutzt, wenn Menschen voller Habgier sind. So hält Schwester Lorena Kontakt zu der selbstsicheren Stella, die seit einem Jahr mit ihrer Tochter auf der Flucht ist. Die eigenen Brüder warfen Stella vor, eine Hexe zu sein. In Wirklichkeit wollten sie ein Stück Land zurück, das sie der eigenen Schwester nicht gönnten. Der Familienstreit spitzte sich zu, Stella wurde verteufelt und ist seitdem ihres Lebens nicht mehr sicher.

Der Hexenwahn vergiftet die Gesellschaft in Papua-Neuguinea. Es gibt die Anstifter und ihre zahlreichen Motive, jemanden an den Pranger zu stellen. Es gibt die gewaltbereiten Täter, die als Folterer ihre sadistischen Phantasien ausleben. „Das ist Gewaltpornographie, was sich da abspielt“, kritisiert Schwester Lorena. Schließlich folgt die große Gruppe der Schaulustigen, die zu den Hexenprozessen eilen, deren Mitgefühl abgestumpft ist und die nach Schreckensbildern gieren.

Täter ohne Schuldeinsicht

Wütend macht Schwester Lorena dieser Hass in der Gesellschaft, aber nicht ohnmächtig. Ganz im Gegenteil: Sie will in die Offensive gehen und sich Täter und Folterer vornehmen. Angeregt hat sie der Fall von Margret, die den Hexenprozess überlebt hat. Die beiden führen lange Gespräche, um das Trauma der Folterungen zu bewältigen. Doch ein normales Leben ist für Margret undenkbar. Die Täter leben ohne Reue und Sühne in ihrem Heimatdorf. Schwester Lorena wagt die gefährliche Mission und will mit dem Anstifter und den Folterern sprechen. Als Europäerin und Ordensschwester genießt sie eine gewisse Autorität.

„Daniel, es tut mir sehr leid, dass deine Frau gestorben ist. Sag mir doch, woran ist sie gestorben?“ Daniel, der sich selbst als gottesfürchtigen Mann bezeichnet, entgegnet: „Sie wurde von Margret verhext und getötet.“ Schwester Lorena hakt nach: „Stimmt es, dass deine Frau zum elften Mal schwanger war und im Krankenhaus gestorben ist?“ Daniel nickt und blickt auf den Boden.

Über sechs Wochen hinweg finden mehrere Treffen statt. Schwester Lorena spricht über die zehn Gebote und die Nächstenliebe. Margret sei Unrecht getan worden, Daniel müsse um Vergebung bitten und Schmerzensgeld zahlen. Ansonsten würde sie ihn anzeigen und ins Gefängnis bringen. Schwester Lorena schaut ihn an. Sie ahnt, dass er als Mann in dieser patriarchalen Gesellschaft nicht seine Schuld eingestehen kann. Sie weiß, er schämt sich und fürchtet, diese Europäerin könne ihn wirklich ins Gefängnis bringen.

Die Drohbotschaft verfehlt ihre Wirkung nicht. Er stimmt zu, Schmerzensgeld zu zahlen. Für Schwester Lorena ist das ein Meilenstein. Gleichzeitig fürchtet sie, dass beim nächsten Todesfall in Margrets Dorf der Hexenwahn wieder aufflammen könnte. Deshalb will die Ordensfrau mit Unterstützung aus Europa ihr Hilfsprojekt im Kampf gegen diese Gewalt ausweiten und aufklären. Wenn sie in die Dörfer und Schulen geht und mit den jungen Menschen spricht, dann kann – so hofft sie inständig – eine Generation heranwachsen, für die der Hexenglaube nur noch ein böses Märchen aus vergangenen Zeiten ist.