Die Albtraum-Republik

Das große Erdbeben von Haiti ist längst vergessen. Damals sicherte der Westen dem ärmsten Land Lateinamerikas Milliarden zu. Angekommen ist kaum etwas. Eine Reise in die Abgründe internationaler Hilfe und den Lichtblick echter Barmherzigkeit.

Text: Toni Keppeler

allewelt Mai/Juni 2021

Ankunft auf Haiti. Schon die Fahrt vom Flughafen war ein kleines Abenteuer. Mein haitianischer Freund hatte mich nicht mit dem Auto abholen können, weil zu viele Barrikaden den Weg versperrten. Er hatte stattdessen ein Mototaxi geschickt. Die tropische Nacht war gerade hereingebrochen, die Stadt lag ohne Strom im Dunkeln. Außer wenigen Mototaxis gab es nicht viel Verkehr, auch Fußgänger waren kaum zu sehen. Einmal begegnete uns ein Pritschenwagen mit abgeschaltetem Licht. Auf der Ladefläche saßen dicht gedrängt Männer in schwarzen Uniformen, mit schwarzen Stahlhelmen auf dem Kopf. Sie hielten ihre Sturmgewehre schussbereit in den Händen. Vereinzelt hörte man kurze Salven aus solchen Waffen und immer wieder lange trockene Schusswechsel mit Pistolen.

Es ging in einem wilden Ritt, den Koffer quer zwischen Fahrer und Fahrgast geklemmt, durch die Stadt und über die Hügel. Bisweilen stieß der Lichtkegel des Scheinwerfers des Motorrads auf dichten schwarzen Qualm, der über mitten auf der Fahrbahn brennenden Altreifen stand. Immer wieder versperrten Barrikaden aus Ästen, ausgerissenen Leitplanken, Gerümpel und Müll den Weg. Der Fahrer machte dann kehrt und suchte eine andere Route. Er wusste: Barrikaden werden von jungen Männern bewacht, die mit Steinen und manchmal auch mit Pistolen und Gewehren bewaffnet sind. Wir brauchten für einen Weg, der zu friedlichen Zeiten kaum zwanzig Minuten in Anspruch nimmt, fast eine Stunde und atmeten beide auf, als wir in einem der letzten geöffneten Hotels angekommen waren.

Haiti Weltkarte

Hauptstadt: Port-au-Prince

Amtssprachen: Kreolisch, Französisch

Einwohner: 11,3 Millionen

Fläche: 27.750 km²

Religion: Katholisch (54,7%), Protestantisch (28,5%), Voodoo-Glaube (2,1%)

Das große Beben

Am 12. Januar 2010 um 16:54 Uhr, es war ein Dienstag, bebte in Port-au-Prince eine schier endlose Minute lang die Erde. Die Stärke wurde mit 7,0 auf der nach oben offenen Richterskala angegeben. Nach regierungsamtlichen Angaben starben 316.000 Menschen. Weit über 300.000 überlebten verletzt, fast zwei Millionen wurden obdachlos. Jésula Etienne war damals 21 Jahre alt. Sie wohnte und arbeitete als Kindermädchen in Delmas, einer Vorstadt von Port-au-Prince, in der rund 700.000 arme Leute den Hang hinauf wohnen. Die Stadtteile haben keine Namen, nur Nummern. Jésula war in einem der etwas besseren Viertel angestellt, in Delmas 65, ganz oben. Noch heute erzählt sie, dass ihr noch immer das Herz rase, wenn sie an diesen Tag zurückdenke. Ihre großen dunklen Augen füllen sich mit Tränen. Sie war im Haus ihrer Arbeitgeber, als das Beben kam. Sie spielte mit dem zweijährigen Kind, für dessen Betreuung sie zuständig war. Das Haus stürzte ein, Jésula wurde von Trümmern eingeklemmt und sie spürte gleich: „Mein linker Arm war kaputt.“

Heute wohnt sie weiter unten am Hang, in Delmas 33. Um zu ihr zu kommen, muss man durchs geschäftige Zentrum des Orts, wo an verstopften engen Straßen bunt angestrichene Häuschen aufgereiht sind. Sie bieten in großen vergitterten Fenstern Autoersatzteile, Elektrogeräte, Mobiltelefonkarten, Lotterie-Lose oder auch Lebensmittel zum Kauf an. Auf den Bürgersteigen davor sitzen in Abgaswolken Frauen unter großen Strohhüten und haben vor sich Avocados und Bananen, Mangos und Papayas ausgebreitet. Fliegende Händlerinnen rufen Nagellack, Büstenhalter oder Rattengift aus. Nach diesem lauten Treiben wird die Straße zu einem staubigen Weg und hört schließlich ganz auf. Für die letzten Meter zu Jésulas Haus nimmt man einen schmalen Pfad, der durch eine als Müllkippe genutzte Schlucht den Berg hinauf führt.

Jésula, die Überlebende.

Jésulas Haus liegt in der zweiten Reihe, versteckt hinter einem winzigen Laden auf einem staubigen Hof. Es ist vielleicht sechs Quadratmeter groß. Zwei breite Betten stehen darin, das hintere ist mit einem von der Decke herabhängenden Leintuch vom vorderen getrennt. An den Eisenträgern des Wellblechdachs hängen Bügel mit Hemden, Kleidern und Hosen, der wenige Platz auf dem Boden ist mit vor Wäsche überquellenden Plastikkörben verstellt. „Da passt nicht einmal ein Stuhl hinein“, sagt Jésula. Hier wohnt sie, zusammen mit zwei ihrer Brüder und ihrer blinden Mutter. Sie bezahlen dafür umgerechnet ein bisschen mehr als 90 Euro Miete im Jahr.

Zum Gespräch hat Jésula ihre besten Kleider angezogen: Eine altrosa Bluse mit silbernem Glitterdekolleté, einen kurzen schwarzen Faltenrock und rosa Plastiksandalen mit bunten Blümchen auf den Riemen. Ihr schwarzes Haar hat sie zu vielen Zöpfchen geflochten. Sie ist klein, kaum ein Meter sechzig. Ihr linker Arm ist eine Handbreit unter der Achsel abgeschnitten. „Manchmal habe ich noch immer Schmerzen“, sagt sie leise. „Dort, wo einmal mein Arm war.“

Jésula Etienne

„Manchmal habe ich immer noch Schmerzen. Dort, wo einmal mein Arm war.“

Jésula Etienne

Befreit aus dem Schutt.

Als sie am 12. Januar 2010 unter den Trümmern des Hauses lag, hat sie viel Blut, aber nie das Bewusstsein verloren. Sie konnte rufen. Es dauerte zwei oder drei Stunden, dann hatten die Nachbarn mit Hämmern und Schaufeln die Wand aufgebrochen, die umgestürzt war und über ihr lag. Sie wurde ins Freie gezogen. Das Kind, mit dem sie bis zum Beben gespielt hatte, war tot. Ein Nachbar hat sich von einem Freund ein Auto geliehen und sie ins nächste öffentliche Spital gefahren. Dort war nur eine Krankenschwester. Die stillte das Blut von Jésulas Wunde und gab ihr Schmerztabletten. Das war alles, für die nächsten vier Tage. Dann endlich tauchte ein Arzt auf. „Er hat den Arm gleich abgeschnitten.“

In den Wochen nach dem Beben füllten sich alle Plätze und Brachflächen der Stadt mit den Zelten internationaler Hilfsorganisationen. Das dicht zusammengepferchte Wohnen war ein ideales Umfeld für die Cholera, die im Oktober 2010 von Uno-Blauhelmen aus Nepal eingeschleppt worden war. In den folgenden drei Jahren starben fast 9.000 Menschen daran, über 700.000 wurden angesteckt. Die Umsiedelung der Obdachlosen begann erst zwei Jahre nach dem Beben.

Jésula Etienne war ein Jahr im Zeltlager in Delmas. Ihre Brüder gingen jeden Tag hinaus, suchten Arbeit als Tagelöhner. Sie blieb im Zelt. Sie fühlte sich schwach und unnütz. Essen und Wasser brachten die Brüder, im Lager gab es keine Lebensmittelverteilung. „Ich habe ein Jahr lang Klopapier und Menstruationsbinden bekommen“, sagt sie. Es war die einzige internationale Hilfe, die bei ihr angekommen ist.

Als ihre Brüder Arbeit gefunden und das gemeinsame Zelt verlassen hatten, meinte ein evangelikaler Pastor, es gehe nicht an, dass sie als junge Frau alleine dort bliebe. Man hatte zu viel gehört von Vergewaltigungen und von Frauen, die mit Prostitution ihr Überleben sicherten. Er brachte Jésula ins Haus eines Freundes. Dort half sie zwei Jahre lang, so gut sie konnte, im Haushalt. Dann wurde sie vor die Tür gesetzt. Er habe kein Geld mehr für ihr Essen, meinte der Freund des Pastors. Jésula zog zu einer Cousine in die Wohnung. Wiederum ein Jahr später konnte die ihre Miete nicht mehr bezahlen und Jésula ging zu ihren beiden Brüdern in das Sechs-Quadratmeter-Häuschen in Delmas 33. Kurz darauf kam auch ihre blinde Mutter aus dem Städtchen, in dem Jésula aufgewachsen war. Ihr Vater war krank geworden und gestorben, alle Kinder waren längst aus dem Haus. Die Mutter konnte nicht allein dort bleiben. „Es liegt ein Fluch auf unserer Familie“, sagt Jésula.

Patrick Pélissier

„Hinter jeder der 150 kriminellen Banden Haitis steckt ein Politiker. Sie kontrollieren seinen Wahlkreis.“

Patrik Pélissier, Anwalt und Vorsitzender des Haitianischen Instituts

So viel Geld, so wenig Erfolge.

Mehr als zehn Milliarden US-Dollar hat die internationale Staatengemeinschaft Haiti als Not- und Wiederaufbauhilfe versprochen. Dazu kamen rund drei Milliarden von regierungsunabhängigen Hilfswerken und noch einmal fast vier Milliarden, die der damalige venezolanische Präsident Hugo Chávez über sein Petrocaribe-Programm ausgeschüttet hat. Gemessen am durch das Beben angerichteten Schaden – er wird auf fünf bis sieben Milliarden Dollar geschätzt – müsste Haiti heute ein prosperierendes Land sein. Tatsächlich wurden drei Jahre nach der Katastrophe überall in Port-au-Prince Bauzäune aus Wellblech aufgestellt, gestrichen in den Nationalfarben Blau und Rot. Viele davon stehen noch heute. Dahinter aber tut sich nichts. Nur hinter ein paar stehen schon wieder vergammelnde Bauruinen.

Ein Großteil des Geldes kam nie bei den Armen an, sondern ging zurück in die reiche Welt. Von den 2,4 Milliarden Dollar, die in den ersten beiden Jahren an Nothilfe ausbezahlt wurden, flossen allein zwanzig Prozent an die US-Armee. Die hatte wenige Tage nach dem Beben die Hauptstadt und ihre Umgebung mit 20.000 Marinesoldaten besetzt, um eine größere Fluchtwelle in die Vereinigten Staaten zu verhindern. Der Einsatz wurde aus dem Nothilfe-Topf bezahlt. Danach war der größte Hilfsgeldempfänger die US-Beratungsfirma Chemonics, die für ihre Dienste fast 200 Millionen Dollar in Rechnung stellte. Die haitianische Regierung bekam gerade 0,9 Prozent, haitianische Organisationen nur 0,09 Prozent des Geldes. Bei der Wiederaufbauhilfe war die Verteilung kaum besser.

Von den fast vier Milliarden aus Venezuela ist nach einem im September 2019 veröffentlichten Bericht rund die Hälfte verschwunden. Der Name von Haitis Präsident Jovenel Moïse wird in diesem Bericht 69-mal erwähnt. Nur ein Beispiel: Zusammen mit anderen hatte Moïse nach dem Beben zwei Baufirmen gegründet. Jede dieser Firmen bekam – zu einem weit überhöhten Preis – den Zuschlag für den Bau derselben von Petrocaribe finanzierten Straße. Jede Firma rechnete diese Straße als ihre Leistung ab. Bis heute wurde nur ein Teilstück gebaut. Seit dieser Bericht bekannt ist, reißen die Proteste gegen den Präsidenten nicht ab.

Das Abgleiten eines Staates

„Niemand hat mehr die Kontrolle im Land“, sagt Patrick Pélissier. „Die Opposition nicht und die Regierung schon gar nicht.“ Pélissier ist Anwalt und Vorsitzender des Haitianischen Instituts für Menschenrechte. An drei Wänden seines Büros hängt umlaufend eine verwirrende Grafik mit kreolischen Namen, Kreisen und Pfeilen. „Wir haben alle kriminellen Banden Haitis und die von ihnen beherrschten Gebiete erfasst, es sind 150“, erklärt der Anwalt. Bei den meisten kennt er den Namen des Anführers und den Mann oder die Frau, die das Geld gibt.

„Hinter jeder Bande steckt ein Politiker“, sagt er. Der statte die Kriminellen mit Waffen aus, „Kalaschnikows, M-16-Sturmgewehre, Galil-Maschinenpistolen.“ Die Banden kontrollierten im Gegenzug seinen Wahlkreis. „Ihre erste Aufgabe ist es, die Leute einzuschüchtern und vom Wahlgang abzuhalten, sodass nur die Anhänger des Auftraggebers zur Urne gehen.“ Bei der Wahl von Präsident Moïse lag die Wahlbeteiligung unter zehn Prozent, das Ergebnis war von vornherein klar. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Kriminellen mit Schutzgelderpressung und Entführungen. 1966 schrieb der britische Erfolgsautor Graham Greene einen Roman über Haiti. „Die Albtraum-Republik“ nannte er darin den Karibik-Staat des Diktators François „Papa Doc“ Duvalier. Eine Bezeichnung, die heute genauso zutreffend zu sein scheint wie damals.

Der Missio-Lichtblick
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