Gewalt gegen Frauen und Femizide in Zeiten einer globalen Pandemie

Laut eines Berichtes des World Economic Forums von 2020 wurden im letzten Jahr weltweit jede Stunde sechs Frauen von einem Mann ermordet, mit dem die meisten in einer engen Beziehung standen. Frauen werden geschlagen, vergewaltigt, gequält oder sogar getötet – Täter sind meist die eigenen Partner oder Ehemänner.

von ANDREA BREM
allewelt Mai/Juni 2021

In Österreich ist nach einer Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2014 jede fünfte Frau von Gewalt betroffen, weltweit sogar jede dritte. Die Vereinten Nationen bezeichnen die Anzahl an Femiziden global gesehen als alarmierend. Gewalt gegen Frauen hat System und ist als gesellschaftspolitisches Problem einzuordnen. Sie kommt in jedem Land, jeder Religion und jeder Gesellschaftsschicht vor. Als Femizid bezeichnet man die vorsätzliche Ermordung von Frauen aufgrund ihres Geschlechtes. Tötungen von Frauen werden als Folge patriarchaler Strukturen gesehen, die auf Unterdrückung und Ungleichheit der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern basieren. In südamerikanischen Ländern wird auch der Begriff „feminicidio“ verwendet. Er verweist auf die institutionelle Ebene von Gewalt und die häufige Nicht-Ahndung von Gewalttaten an Frauen in einer patriarchalen Gesellschaftsordnung. Einmal mehr deutet dieser Mitte der 1970er Jahre entstandene Begriff auf die systemische Komponente der Problematik hin: Frauen werden weltweit zu Mordopfern, eben, weil sie Frauen sind.

Andrea Brem

ANDREA BREM

ist diplomierte Sozialarbeiterin und Supervisorin in Wien. Sie arbeitete 11 Jahre im 2. Wiener Frauenhaus und ist seit 2001 Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser. Sie ist Koautorin des Buches „Am Anfang war ich sehr verliebt …“ (mit Karin Berger) und initiierte mehrere Studien des Vereins Wiener Frauenhäuser: „Sexualisierte Gewalt in Paarbeziehungen“ (Brem/Fröschl), „Psychische Gewalt gegen Frauen“ (Brem/Lechner/Wimmer-Puchinger), sowie „Cybergewalt in Paarbeziehungen“ (Brem/Fröschl). 2018 erhielt sie das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien.

Fehlende Aufmerksamkeit

Allerdings findet der Begriff zumindest im juristischen Bereich in vielen Ländern noch keinen Niederschlag und auch in den Medien wird die gesellschaftspolitische Dimension von Frauenmorden oft ignoriert. Vielmehr werden Frauenmorde oft bagatellisiert, Opfer und Angehörige durch die Berichterstattung beschämt. Auch Österreich liegt hinsichtlich Femiziden leider im Trend: Die Tötungen haben sich in den letzten Jahren nahezu verdoppelt. 2020 wurden allerdings weniger Frauen, nämlich 24, von ihren Männern ermordet. Auch wenn diese rückläufige Zahl erfreulich ist, zeigt sie trotzdem, dass im Schnitt pro Monat zwei Frauen von ihren Männern ermordet wurden. In den Frauenhäusern hat sich die Zahl der Aufnahmen im Pandemiejahr 2020 nicht signifikant verändert. Wie stehen diese Aspekte mit der These in Zusammenhang, dass in Zeiten der Coronapandemie häusliche Gewalt steigt? Eine differenziertere Betrachtung erscheint hier jedenfalls notwendig.

Pandemie beeinflusst Gewaltbereitschaft

In einer internen Befragung des Vereins Wiener Frauenhäuser unter 70 Frauenhausbewohnerinnen, die während oder kurz nach dem ersten Lockdown in eines der Wiener Frauenhäuser flüchteten, gab beinahe die Hälfte (48,6%) an, dass sich die Gewalt durch ihren Partner während des Lockdowns verstärkt habe. 44,3% allerdings sprachen davon, dass die Gewalt gleich blieb. Sie nannten zu 90% verbale Konflikte, zu 65,7% körperliche Gewalt, zu rund 73% hatten sie Angst vor ihrem Partner. Bei 65,7% der Frauen kontrollierte der Mann ihre sozialen Kontakte (Telefon, WhatsApp etc.), fast 36% der Frauen durften die Wohnung auf seine Anordnung überhaupt nicht verlassen. Von sexualisierter Gewalt waren 17% der Frauen betroffen, genannt wurden außerdem Beschimpfungen, Aussperren aus der Wohnung, starke Eifersucht und psychische Gewalt sowie konkrete Morddrohungen. Als ausnahmslos sehr belastend wurde die permanente räumliche Nähe zum Partner empfunden. Die Frauen beschrieben die Situation so: „gemeinsam eingesperrt!“, „im Käfig sein“, „kein Weg hinaus“, „völlige Isolation und Kontrolle durch den Mann“, „den ganzen Tag zusammen, wenn ich am Abend etwas gesagt habe, hat er mich geschlagen“. Eine erhöhte Intensität an Gewalt und Bedrohung wird auch bei den psychischen Belastungsfaktoren genannt: „Morddrohungen und dass es niemand erfahren würde“, „Ich hatte zunehmend Angst vor ihm, da er unberechenbar ist, habe daher kaum geschlafen.“ „Zunehmende Drohungen“, „ständige Kontrolle und Belehrung, wie ich alles machen soll“, „seine Bedrohung, mich umzubringen“. Interessant ist allerdings, dass alle Befragten schon vor dem coronabedingten Lockdown Gewalt durch ihren Mann erfahren haben.

Besorgniserregende Tendenzen

UN Women veröffentlichte, dass sich Anrufe bei Hilfseinrichtungen oder Hotlines aufgrund von häuslicher Gewalt in manchen Ländern durch die Pandemie sogar verfünffacht haben. In Ländern wie Frankreich wurden um 30% mehr häusliche Gewaltvorfälle seit Beginn des ersten Lockdowns im Jahr 2020 gemeldet, in Argentinien waren es 67%. Auch in Kanada, den USA, Spanien, Deutschland oder Großbritannien gab es eine größere Nachfrage nach Plätzen in Gewaltschutzeinrichtungen für Frauen. Das European Institute for Gender Equality berichtet von einem erheblichen Anstieg bereits in den ersten Wochen des Lockdowns. Laut der mexikanischen Regierung hat sich dort die ohnehin hohe Zahl der Femizide im ersten Halbjahr auf 489 Frauen, also etwa 20 Frauen pro Woche, erhöht.

Betroffene müssen gehört werden

Inwieweit all diese Zahlen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Covidkrise stehen, oder nur eine Schwankung in den Zählungen aufweisen, wird noch genauer untersucht werden müssen. Eines steht aber fest: Gesunken ist die Gewalt an Frauen weltweit im Vorjahr mit Sicherheit nicht. Ob die Pandemie zu mehr oder weniger Gewalt geführt hat, ist eine wichtige, aber letztendlich akademische Frage. Für die betroffenen Frauen macht es keinen Unterschied. Ihnen hilft es, wenn sie wissen, wo sie Hilfe bekommen und dass ihre Aussagen bei Polizei, Kinder- und Jugendhilfe und Gerichten ernst genommen werden. 2021 gilt es jedenfalls mehr als je zuvor Frauen und Mädchen auch in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen zu ermutigen, sich im Falle von physischer, sexualisierter oder psychischer Gewalt Unterstützung zu suchen.

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