Jeder Mensch ist wertvoll

Sie haben gemordet, gestohlen, Unrecht begangen. Viele verlieren die Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Abbé Alfred und Horst begleiten in der Gefängnisseelsorge Menschen und machen tiefe Erfahrungen mit Gott möglich.

von LENA HALLWIRTH und MARKUS ANDORF

allewelt Mai/Juni 2019

Jesus im Gefängnis

Abbé Alfred Wendlassida Sankara

GEFÄNGNISSEELSORGER

Wohnort: Ouagadougou, Burkina Faso

Alter: 44

Platz wäre genug, allein, Bewegung ist hier, in der größten Strafanstalt Burkina Fasos ein Privileg. Nach einigen Jahren guter Führung kann man es bekommen. „Aber die Inhaftierten sollten sich nur langsam bewegen. Auch wer sich zu viel bewegt, verliert das Privileg wieder“, warnt Abbé Alfred Sankara. Die heilige Messe ist eine Ausnahme. Mit der Hilfe des Priesters entkommen die Inhaftierten dem tristen Gefängnisalltag jeden Sonntag für zwei Stunden.

Auch heute ist die kleine, schlichte Gefängniskapelle voll. Die Blicke sind gesenkt, ein Baby quengelt in den Armen seiner Mutter. Mit kleinen Scherzen versucht Abbé Alfred die gedrückte Stimmung zu heben, er weiß, wie hart der Alltag für die Menschen hier ist. Auch er muss vorsichtig sein, darf nicht anecken, sonst gefährdet er seine Arbeit und damit die Menschen, die sich ihm anvertrauen.

„Ich möchte, dass sie Jesus kennenlernen. Einerseits, wenn sie mit mir die heilige Messe feiern. Aber auch indem ich ihnen zuhöre, wenn sie über ihre Probleme sprechen wollen und um Hilfe bitten“, sagt er. Die Sorgen, mit denen die Menschen zu ihm kommen, sind oft elementar. Der Staat vernachlässigt die überfüllten Gefängnisse. Inhaftierte müssen selbst für ihre medizinische Versorgung aufkommen.

Viele leiden an Tuberkulose. Wer Familie in der Stadt hat, kann hoffen, von ihr versorgt zu werden. „Aber manche Inhaftierte haben keine Familie oder ihre Familie lebt zu weit weg, um sie besuchen zu können“, erzählt der Kamillianer. Mit seinem weißen Habit mit dem großen, roten Kreuz auf der Brust ist er zwischen den ockerfarbenen Zellblöcken von Weitem sichtbar. Einige Menschen kommen nach der Messe auf ihn zu. Mit seiner Hilfe können sie um verbilligte Medikamente oder eine Behandlung im Krankenhaus ansuchen.

Ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen – für Abbé Alfred ist diese Stelle aus dem Matthäusevangelium Arbeitsalltag und seine ganz persönliche Mission: „Als Christ fühle ich mich zu dieser Arbeit berufen. Wir dürfen unsere Brüder und Schwestern, die unter so schwierigen Umständen leben, nicht alleine lassen, denn Jesus liebt uns alle!“, sagt er.

Mit „Alpha“ und der Bibel in ein neues Leben

Horst Reeh

GEFÄNGNISSEELSORGER

Wohnort: Wien
Alter: 67

Horst schließt die Augen, er atmet tief durch. Der 67-Jährige muss sich strecken, damit er dem zwei Meter großen Mann vor ihm die Hände auflegen kann. Der Mann, für den Horst Reeh betet, war in der Justizanstalt Hirtenberg im Süden von Wien inhaftiert. Im Jugoslawienkrieg hat er gekämpft und getötet.

An diesen Moment des Gebets erinnert sich Horst noch so, als wäre es gestern gewesen. Inzwischen sind ein paar Jahre vergangen. Horst Reeh ist seit mittlerweile 19 Jahren als Seelsorger im Gefängnis tätig. Und nicht nur das: Er organisiert in der Justizanstalt Hirtenberg auch eine Bibelschule und Alpha-Kurse, die die Grundlagen des christlichen Glaubens vermitteln. Damit will er die Menschen im Gefängnis begleiten: „Ich bin dankbar für die vielen Erfahrungen, die ich in diesen Jahren machen durfte. Diese Arbeit ist gesegnet und unglaublich wichtig für die Menschen.“

Über 1.600 Menschen hat Horst Reeh mit seinem Team seit Beginn seiner Tätigkeit begleitet. „Es ist schön, zu sehen, wie sich die Menschen entwickeln, wenn sie sich für Gott öffnen.“ Einige ehemalige Inhaftierte sind ihren Glaubensweg auch nach dem Gefängnis weitergegangen, erzählt der ehemalige Musicaldarsteller, der sich ganz dem Dienst für die Menschen verschrieben hat: „Einige haben nachher theologische Kurse besucht, einige sind Pastoren geworden, einer möchte Diakon werden.“

Mit dem überkonfessionell ausgerichteten Verein „Gesprengte Ketten“ begleitet der überzeugte Katholik seit dem Jahr 2001 Menschen im Gefängnis. Ein herausfordernder Dienst für ihn bis heute: „Ich komme immer wieder an meine Grenzen und merke oft eine große Ohnmacht oder Hilflosigkeit. Ich bin ein Mensch, der Jesus im Herzen trägt und seine Botschaft wirklich weitergeben will.“ Das hilft Horst in den schwierigsten Situationen.

Berührt haben den Seelsorger die vielen persönlichen Entscheidungen der Menschen für Jesus: „Ich habe erlebt, wie Menschen konvertiert sind und jetzt einen ganz neuen Weg im christlichen Glauben gehen. Zentral war für sie bei ihrer Entscheidung die große Liebe, die im Christentum sichtbar wird. Jeder wird so angenommen, wie er ist – ohne Wenn und Aber.“

Mission heißt für Horst, hinauszugehen und bedingungslos bei den Menschen zu sein, jedenfalls nicht, jemandem etwas aufzudrücken: „Wir wollen Menschen begleiten und ihnen etwas anbieten. Entscheiden muss dann jeder selbst, was er weiter daraus macht.“

Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen, seit Horst das letzte Mal für den zwei Meter großen Mann gebetet hat. Gesehen hat er ihn seit seiner Freilassung nicht mehr. Aber bis heute betet er für den Mann und die vielen anderen ehemaligen Inhaftierten bei regelmäßigen Gebetskreisen: „Ich danke dem Heiligen Geist, der uns so kraftvoll führt. Und ich danke für die vielen Charismen, die uns Gott geschenkt hat und noch immer schenkt.“Auch wenn Horst Reeh auf die 70 zugeht, will er weiterhin an der „Front“ sein, wie er sagt. Er will Menschen begleiten, mit ihnen beten, einfach für sie da sein.