Freiheit im Gefängnis

Geboren in Deutschland, aufgewachsen in Argentinien, seit 13 Jahren in Paraguay: Schönstattpater Pedro Kühlcke ist Seelsorger in einem Jugendgefängnis und begleitet junge Männer auch nach deren Entlassung im Zentrum Casa Madre de Tuparenda. „In jedem Jugendlichen im Gefängnis entdecke ich Jesus“, sagt er.

INES SCHABERGER führte das Interview mit Pedro Kühlcke im Rahmen eines Praktikums bei Vatican News in Rom.

allewelt Juli/August 2020

Wenn Pater Pedro Kühlcke spricht, lächelt er. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Er ist den weiten Weg aus dem lateinamerikanischen Paraguay nach Rom gekommen, um seine Erfahrung bei einem internationalen Treffen von Gefängnisseelsorgern weiterzugeben. In seiner Hand hält er ein Büchlein mit dem Titel „Libertad en la cárcel“, Freiheit im Gefängnis.

| Papst Franziskus hat kürzlich gesagt: „Gefängnis löst keine Probleme, sondern ist selbst ein Problem, das gelöst werden muss.“ Wie sehen Sie das?

Das stimmt. In Paraguay kommen nur die Allerärmsten ins Gefängnis. Junge Männer aus zerrütteten Familien, Drogensüchtige, wenig Privilegierte. Viele Jugendliche kommen einigermaßen gut aus dem Gefängnis, werden aber sehr schnell wieder rückfällig – weil sie dort doch nicht lernen, mit dem Leben zurechtzukommen. Es braucht andere Lösungen.

| Was brauchen die Jugendlichen eigentlich – statt Gefängnis?

Eine Chance, in das wirtschaftliche und soziale Leben integriert zu werden anstatt ständig Ausgrenzung zu erleben. Wir haben ein Zentrum in Tuparenda, wo die Jugendlichen nach ihrem Gefängnisaufenthalt eine Ausbildung in der Bäckerei, Näherei und Landwirtschaft erhalten und dafür auch bezahlt werden. Sie bekommen eine warme Mahlzeit und medizinische Versorgung und lernen, einen Tagesablauf einzuhalten, mit Gabel und Messer zu essen, eine Toilette zu putzen… Abends wird von ihnen erwartet, dass sie die Schule besuchen. Sie spielen Fußball, lernen Gitarre spielen und können, wenn sie wollen, zur Messe gehen.

| Die Rückfallquote nach einem Gefängnisaufenthalt ist normalerweise sehr hoch, im „Casa Madre de Tuparenda“ jedoch nicht. Was ist Ihr Geheimrezept?

Bei uns erleben sie zum ersten Mal jemanden, der sie beim Namen nennt und ihnen eine Möglichkeit bietet, das Leben zu leben, das sie nie hatten. Diese 30 Jugendlichen, die in den vergangenen drei Jahren das Programm erfolgreich bestanden haben, erleben, dass ihr Leben doch Sinn hat und sie etwas daraus machen können.

| Manche dieser jungen Männer wollen auch getauft und gefirmt werden… Wie stellen Sie sicher, dass diese Entscheidung freiwillig ist?

Viele Jugendliche im Gefängnis kommen auf uns zu, wollen sich aussprechen, beichten. Einige von ihnen waren noch nicht einmal getauft, so mussten wir erst einmal Taufvorbereitung anbieten. Wir bieten keine Geschenke an und versuchen sie auch nicht zu überreden. Im Gegenteil: Wir achten streng darauf, dass ein echter, eigener Wille erkennbar ist, statt Fußball zu spielen am Samstag zur Taufvorbereitung zu kommen.

| Was gibt Ihnen Kraft für Ihre Aufgabe?

Persönlich kann ich sagen, dass ich in jedem dieser Jugendlichen Jesus entdecke. Wenn ein Jugendlicher nach der Beichte plötzlich ein Lächeln im Gesicht hat, das er vorher nie hatte, da erlebe ich, dass Jesus mir „Danke“ sagt. Außerdem unterstützen mich viele Menschen der Schönstatt-Bewegung, auch aus anderen Ländern.

| Wie hat das Corona-Virus Ihre Arbeit verändert?

Als Anfang März die zwei ersten Fälle von Covid-19 in Paraguay festgestellt wurden, hat die Regierung sofort strenge Quarantäne-Maßnahmen eingeführt und wir haben vorsichtshalber unser Zentrum geschlossen. Den täglichen Kontakt halten wir mit jedem Jugendlichen, unterstützen sie mit Anrufen, Proviant oder Geld. Es ist erstaunlich, dass fast alle bis jetzt gut durchgehalten haben, auch wenn sie nicht zu unserem Zentrum kommen können – ein Zeichen dafür, dass sie doch viel bei uns für ihr Leben gelernt haben, und dass die „Betreuung auf Distanz” wichtig ist. Wir wollen das Programm langsam wieder aufnehmen und im Nähbereich Mundschutzmasken herstellen – es ist für uns eine große Herausforderung, das Programm unter diesen Umständen weiter zu finanzieren.

| Wie sieht es eigentlich mit straffälligen Mädchen aus?

Es gibt einige wenige minderjährige Mädchen in einem kleinen Gefängnis neben dem Frauengefängnis in Asunción, relativ weit weg von uns. Nach ihrer Entlassung gibt es meines Wissens – wie überhaupt hier in Paraguay – kein Programm zur sozialen Wiedereingliederung für sie. Wir träumen davon, irgendwann einmal in der Nähe jedes Jugendgefängnisses in Paraguay ein Zentrum wie Casa Madre de Tuparenda haben zu können, auch speziell für diese Mädchen. Gott wird uns Wege und Zeiten zeigen!

Illustration von Pedro Kühlcke