Frauen in Afrika

In Afrika haben Frauen bis heute nicht die gleichen Rechte und Möglichkeiten zur Teilnahme am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben, sondern müssen sich diese erst mühsam erkämpfen. Auch wenn es „die afrikanische Frau“ nicht gibt, lassen sich länderübergreifend Herausforderungen und Chancen benennen.

Naomi blinzelt zufrieden und kuschelt sich noch tiefer in die Arme ihrer stolzen Mutter. Das kleine Mädchen ist gerade einmal zwei Wochen alt. Was wird wohl aus ihr werden? Statistisch gesehen ist sie eine von rund 520 Millionen in Afrika lebenden Frauen mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 60,6 Jahren, vorausgesetzt, sie über- lebt ihre Kindheit. Malaria und Aids sind die häufigsten Ursachen für die hohe Kindersterblichkeit in vielen afrikanischen Ländern. Naomis Mutter Diane ist 26 Jahre alt und unterrichtet Englisch und Mathematik. Mit einer Lehrerin als Mutter hat Naomi ungleich bessere Chancen für ihre Entwicklung als gleichaltrige Mädchen, deren Mütter im ländlichen Bereich einer Tätigkeit ohne rechtliche oder soziale Absicherung nachgehen. Denn der Gesundheitszustand und die Zukunftsperspektiven eines Mädchens hängen auch vom Ausbildungsgrad der Mutter ab.

Diane selbst hatte in ihrer Kindheit andere Voraussetzungen. Als ältestes von vier Kindern trug sie unter den Geschwistern die größte Verantwortung für die Familie. Sie half ihrer Mutter im Haushalt, unterstützte sie beim Kochen und bei der Erziehung der jüngeren Geschwister, arbeitete auf dem Feld und sammelte Brennholz. Zeit für die Schule blieb bis zu ihrem zwölften Lebensjahr kaum. Für ihre jüngeren Brüder hingegen war der Schulbesuch selbst- verständlich. Sie hatten aufgrund des traditionellen Verständnisses von Geschlechterrollen auch weniger Pflichten im Haushalt. Bis heute ist die Arbeitslast von Männern und Frauen ungleich verteilt. Zusätzlich zu den Arbeiten im Haushalt verrichten Frauen körperliche Schwerstarbeit, be- stellen karge Felder, die rechtlich nicht einmal ihr Eigentum sind. Trotz des geringen Familieneinkommens entschieden sich Dianes Eltern, den Söhnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Nicht so bei den weiblichen Nachkommen. Dem Großteil der Mädchen in Afrika ergeht es auch heute noch ähnlich wie Diane. Mädchen verbringen täglich bis zu 85% mehr Zeit mit Aufgaben im Haushalt als Buben im gleichen Alter. Zudem gehört das Wasserholen in den ländlichen Gebieten südlich der Sahara zu ihren fixen Auf- gaben. Lange Fußmärsche zu den Wasserstellen machen bis zu eineinhalb Stunden täglich aus. Zeit, die den Mädchen für die Schule, zum Spielen oder später für bezahlte Arbeit fehlt.

Johannes Paul II
„Die moralische Kraft der Frau und ihre geistige Kraft verbinden sich mit dem Bewusstsein, dass Gott ihr in einer besonderen Weise den Menschen anvertraut.“
Sel. Johannes Paul II, mulieris dignitatem

 

Zugang zu Bildung

Frauen in Afrika

Diane spart bereits jetzt, um ihrer Tochter in wenigen Jahren eine gute Schulbildung zukommen zu lassen. Ihre Tochter soll einmal studieren und ihren Traumberuf ergreifen können. Vielleicht schafft sie es ja einmal ganz nach oben in eine Entscheidungsposition, wo sie ihr Wissen und Engagement für die Rechte der Frauen einsetzen kann. Schon in vielen afrikanischen Ländern wurde einiges für die Bildung von Frauen getan. Aber noch immer haben mehr als 40 Prozent aller afrikanischen Frauen keinen Zugang zu einer Grundbildung. Und noch immer besuchen deutlich mehr Buben als Mädchen eine Schule. Heute sind zwei von fünf Frauen in Afrika Analphabetinnen. Ohne Schulbildung haben Mädchen kaum Chancen, der Abhängigkeit von Männern zu entkommen, und sind in Gefahr von ihnen ausgebeutet zu werden. Dabei sind nicht nur die persönlichen Folgen bedenklich. Die gesamtgesellschaftliche Benachteiligung von Frauen führt auch zu weitreichenden Konsequenzen für die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes: Diese hängt stark vom Ausbildungsgrad und den Kompetenzen von Frauen ab. Studien belegen, dass die strukturelle Benachteiligung von Frauen das jährliche Pro-Kopf-Wachstum mindert. Dies wiederum betrifft alle Menschen. Frauen sind ebenso wie Männer Träger sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung und spielen damit eine Schlüsselrolle für die Zukunft Afrikas.

Kampf gegen die Armut

Auch die Politik eines Landes wird nachweislich durch die Beteiligung von Frauen gestärkt. In sechs afrikanischen Staaten, Angola, Burundi, Rwanda, Südafrika, Tansania und Uganda stellen Frauen mehr als 30 Prozent der Parlamentsabgeordneten. Nach dem Völkermord in Rwanda, bei dem ein Zehntel der Bevölkerung – überwiegend Männer – getötet wurde, begannen Frauen das Land wieder aufzubauen. Rwandas Parlament hat mit 56 Prozent sogar den höchsten Frauenanteil eines Parlaments und die meisten Unternehmerinnen weltweit. UN-Experten halten das für einen der Hauptgründe für den Aufstieg des Landes zu einer der fortschrittlichsten Nationen Afrikas: mit Stabilität, Sicherheit und einem seit Jahren andauernden Wirtschaftswachstum. Wenngleich ein erhöhter Frauenanteil per se noch kein „Antikorruptionsinstrument“ ist, so ist doch ein signifikanter Rückgang der Korruption zu beobachten. Wird Geschlechtergerechtigkeit gefördert, liegt da- rin ein enormes Zukunftspotential. Vor allem im Kampf gegen die Armut hängt der Erfolg entscheidend davon ab, ob Frauen der Zugang zu Bildung, das Recht auf Grund und Boden oder Kredite gewährt werden. Im Zuge der globalen Wirtschaftskrise sind Frauen die Hauptleidtragenden. Sie stellen 70 Prozent der absolut Armen dar, also jener Menschen, die von weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag leben müssen. (vgl. UNDP: Bericht über die menschliche Entwicklung.) Die den Frauen traditionell zugewiesenen häuslichen Pflichten erschweren die Aufnahme einer be- zahlten Arbeit im formellen Sektor. Finden sie dennoch Arbeit, kommt eine massive Einkommensdiskriminierung hinzu. Deshalb wird oft von einer „Feminisierung der Armut“ gesprochen. Verschärft wird die Verelendung von Frauen in den armen, ländlichen Gebieten Afrikas durch die Zerstörung der Umwelt, die ihnen das Bearbeiten der Felder immer schwieriger macht und ihnen die Basis für ihre Selbstversorgung raubt. Die Folgen sind Landflucht und Migrationsbewegungen, sowohl innerhalb der einzelnen Staaten, als auch Länder- oder Kontinente übergreifend. Dies wiederum führt zu einer beschleunigten Urbanisierung und der Entstehung von riesigen Elendsquartieren am Rande der Städte. Auch hier sind Frauen aufgrund ihrer sozialen Stellung und ihrer Verantwortung für die Versorgung der Familie besonders betroffen. Zudem sind sie immer öfter Alleinerzieherinnen. Dabei würden eine produktive Beschäftigung der Frauen, eine gerechte Entlohnung ihrer Arbeitskraft, sowie der Zugang zu Mikrokrediten der Lebenssituation der ganzen Familie verstärkt zu Gute kommen, da eine Frau durchschnittlich 90% ihres Einkommens in die Familie investiert, wohingegen es bei einem Mann deutlich weniger sind.

Vielfältige Formen der Gewalt

Problematisch ist auch das noch immer weit verbreitete Phänomen der Zwangsverheiratung: Dianes Mutter etwa wurde nicht gefragt, ob sie als Vierzehnjährige den fast siebzigjährigen Mann heiraten will. Kinder- und Zwangsehen sind in weiten Teilen Afrikas trotz entgegen- stehender Gesetze auch heute noch traurige Realität. So finden im Niger 20 Prozent aller Hochzeiten mit Mädchen unter 15 Jahren statt. Eine weitere, an Brutalität kaum zu überbietende Form der Gewalt an Frauen sind Massenvergewaltigungen, die als Kriegswaffe in Bürgerkriegsgebieten eingesetzt wer- den. Sie richten sich gegen Mädchen und Frauen aller Altersstufen. Ziel dieser systematischen Vergewaltigungen, die vor den Augen der Familie stattfinden, ist die Demütigung und Einschüchterung des Gegners.

Aber nicht nur in Kriegsgebieten empfinden es viele Männer als ihr natürliches Recht, sich an Frauen zu bedienen. Eine besonders verabscheuungswürdige Verletzung der Menschenrechte einer Frau ist die vor allem in Nord- ost-, Ost- und Westafrika weit verbreitete Verstümmelung weiblicher Genitalien (Female Genital Mutilation: FGM). Dabei werden die äußerlichen weiblichen Genitalien verletzt und teilweise oder ganz entfernt. Dies geschieht we- der aus hygienischen noch aus religiösen Gründen. Entscheidender Faktor für das Vorkommen von FGM wie auch bezüglich des Typs der Beschneidung sind weder die Staats- noch die Religionszugehörigkeit, sondern die ethnische Gruppe, der die Frauen angehören. Die Motive, warum Verstümmelungen dieser Art an Frauen durchgeführt wer-den, sind sehr unterschiedlich. Zum einen soll Kontrolle über die weibliche Sexualität gewonnen werden: Bei manchen Varianten von FGM wird Frauen jeglicher Geschlechtsverkehr außer mit dem Ehemann unmöglich gemacht. Zum anderen ist der Mythos der „Reinigung“ des weiblichen Körpers durch Beschneidung ein essentieller Bestandteil des Initiationsrituals. Erst nach einer Beschneidung gilt ein Mädchen als vollwertige Frau. So werden unbeschnittene Frauen als „unsauber und schmutzig“ und schlichtweg als nicht heiratsfähig angesehen. Schließlich wird in Kulturkreisen, in denen FGM praktiziert wird, eine unverstümmelte Vulva oftmals als unästhetisch betrachtet. Viele der Opfer, die größtenteils zwischen vier und acht Jahren alt sind, sterben bei dem Eingriff, der in der Regel ohne Betäubung oft mit Rasierklingen, Glasscherben oder spitzen Plastikteilen durchgeführt wird, an Schock, Blutvergiftung oder Infektionen. Die Langzeitfolgen reichen von sexuellen Funktionsstörungen, einer erhöhten Mortalitätsrate von Müttern und Kindern sowie Komplikationen während der Geburt, häufigen Infektionen im Genitalbereich und der Harnwege sowie chronischen Schädigungen der Nieren bis hin zur Unfruchtbarkeit und schweren, lebenslangen psychischen Traumata.

In der Pfarre Masanga, im Nordosten Tansanias, unterstützt Bischof Michael Msonganzila ein von Missio und mehreren anderen kirchlichen Organisationen begleitetes Programm, das die Gentialverstümmelung von Frauen be- kämpft: „Wir begannen 2008 mit einem Heim für Mädchen, die dort während der kritischen Zeit – das Ritual der Beschneidung findet hier bei der Ethnie der Kuria nur alle zwei Jahre zu bestimmten Zeiten statt – Zuflucht finden konnten.“ Das Heim ist an die örtliche Schule angeschlossen, denn die Vermittlung von Bildung ist die Hauptwaffe gegen FGM.

Frauen in Afrika

Sobald die Mädchen in dem Heim sicher sind, wird mit Aufklärung über die Funktionsweisen des weiblichen und männlichen Körpers begonnen. In Bezug auf den christlichen Glauben setzt man hier auf die Theologie des Leibes, das Vermächtnis des seligen Papstes Johannes Pauls II. „Es geht darum den Mädchen zu zeigen, dass alles an ihrem Körper Gottes Schöpfung, ja seine Offenbarung, und durch und durch gut ist. Gerade durch ihren Leib können sie Gott erahnen und erfahren, dass sie geliebt sind und Würde haben. Dadurch lernen die Mädchen einen neuen Umgang mit ihrem Körper. Sie lernen ihn schätzen und schützen“, so Bischof Msonganzila. Die Mädchen bleiben bis zu drei Monate in dem Heim, bis die akute Gefahr vor- über ist. Am Ende steht eine kirchliche Feier mit einem Initiationsritus. Basierend auf Genesis 1,31: „Und Gott sah, dass es gut war“, werden im Gottesdienst Licht und Salz als Symbole eingesetzt. Der Bischof ist überzeugt, man könne nicht einen Initiationsritus abschaffen, ohne einen Ersatz anzubieten. Auch die Eltern der Mädchen sind zur Feier eingeladen. Jedes bekommt am Ende ein Geschenk und ein Zertifikat, das bestätigt, dass sie den Schritt ins Frau sein gemacht haben, obwohl sie nicht an den Genitalen beschnitten worden sind. Der schwierigste Schritt für die Mädchen ist die Wiedereingliederung in ihre Familien.

Nicht immer kommen die Eltern zur kirchlichen Feier und akzeptieren, dass ihre Töchter nun zu Frauen geworden sind.Oft sind gesellschaftliche Ächtung und Isolation innerhalb der Familien bis hin zu Nahrungsentzug die Folge. Deshalb setzt das Programm auf die Einbeziehung aller Beteiligten: der Eltern, der Dorfältesten und sogar der Frau, die die Beschneidungen durchführt. Dabei wird klar, dass es sich um ein vielschichtiges Problem handelt, bei dem auch die finanzielle Seite nicht außer Acht gelassen werden darf. So zahlen Eltern viel Geld für die Beschneidung ihrer Mädchen. Aber die Beschneiderin darf dieses Geld nur zu einem geringen Teil behalten. Den Großteil hat sie an die Dorfältesten abzuliefern. Diese wiederum investieren das Geld in Saatgut, um auf dem Gemeindeacker landwirtschaftliche Produkte anzubauen, von denen das ganze Dorf lebt. Stirbt ein Mädchen an den Folgen der Beschneidung, so wird die Beschneiderin verfolgt. Trotz einiger Wider- stände setzt Bischof Michael auf das Programm TFGM (Terminate Female Genital Mutilation) und möchte es auf die gesamte Diözese ausweiten. Dabei beginnt er bei seinen eigenen Priestern und den Seminaristen mit Seminaren zur Theologie des Leibes. Im jüngst veröffentlichten Bericht der UNICEF haben bereits achttausend Ethnien (Communities) offiziell der Praktik der FGM abgeschworen. Davon allein zweitausend im vergangenen Jahr.

Frauen in der Kirche

Frauen sind die Mehrheit in der afrikanischen Kirche. Sie sind die ersten Mitarbeiterinnen der Evangelisierung, verrichten einen wesentlichen Teil der pastoralen und organisatorischen Arbeit, unterstützen die Priester, haben in allen Bereichen des kirchlichen Lebens Aufgaben und Verantwortung übernommen. Sie sind Katechistinnen, Mesnerinnen und Kommunionhelferinnen. Selten, aber doch lehren sie als Theologinnen in der Priesterausbildung. Indem Frauen ihren „weiblichen Genius“ (Papst Johannes Paul II) einbringen, verändern sie die Gesellschaft und die Kirche von innen heraus. So bezeichnet Papst Benedikt XVI. im Abschlussdokument zur zweiten Afrikasynode zum Thema „Die Kirche in Afrika im Dienst von Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden“ die Frauen als „Rückgrat der Ortskirche“ und als „eine große Kraft für das Apostolat der Kirche“. Es wurde anerkannt, dass Frauen in Afrika einen unersetzlichen Beitrag für die Familie, die Gesellschaft und die Kirche aufgrund ihrer vielen Talente und Gaben leisten. Benedikt XVI. forderte, dass den Frauen der ihnen zustehende Raum zuteil wird. Auch wenn es hier Fort- schritte gegeben habe, etwa bei der Bildung, so werden ihnen häufig Rechte vorenthalten. Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der Kirche Afrikas herzustellen und tatsächlich zu leben ist eine große Herausforderung. Gleichzeitig ist sie aber auch eine wesentliche Antwort auf die Leitfrage der Synode, nämlich wie die katholische Kirche in Afrika zu Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden beitragen kann. „Um ihre Ausbildung abzuschließen müssen sich unsere Seminaristen mit der Würde der Frau ehrlich auseinandersetzen und sie akzeptieren“, erklärt etwa Erzbischof Charles Palmer Buckle von Accra in Ghana, einer der Synodenteilnehmer.

Als Diane mit zwölf Jahren begann, für ihre eigene Ausbildung zu kämpfen, stand ihr eine Frau zur Seite: Die Missionarin Schwester Katherine unterrichtete an der örtlichen Schule und wurde von den Mädchen bewundert. „Was diese Frau unter schwierigsten Bedingungen leistete, rang uns Respekt ab. Durch sie begannen wir traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen: Waren unsere Brüder wirklich intelligenter? Warum hatten sie mehr Zeit zu lernen?“ Durch Sr. Katherines kritische Fragen und ihre liebevolle Unterstützung entwickelte Diane ein Selbstbewusstsein, das sie durch ihr Studium trug. Dieses Wissen möchte sie nun an ihre kleine Naomi weitergeben: Sie ist wertvoll und geliebt und auf ihre Mutter kann sie zählen.