Fragen nach Gott

Albert hat seinen Beruf als Physiker für seine Berufung zum Priester aufgegeben. John Bosco nimmt Gott mit in seinen Naturkundeunterricht. Der Glaube trägt beide Männer durchs Leben.

von LENA HALLWIRTH und MARKUS ANDORF

allewelt September/Oktober 2020

Fragen zu Gott und der Welt

John Bosco Mugeni

NATURKUNDELEHRER

Alter: 30 Jahre

Wohnort: Jinja, Uganda

John Bosco Mugeni

Bunte Papierdrachen segeln über den Köpfen der Kinder durch den Klassenraum, flauschige Welpen spielen vor der Tafel und krankheitsübertragende Moskitos summen in einer Ecke: Mit großen Gesten zeichnet John Bosco Mugeni sie in die Luft und lässt Bilder in den Köpfen der über 60 Viertklässler, die aufmerksam vor ihm sitzen, entstehen. Sein Naturkundeunterricht gleicht einem interaktiven Theaterstück. Gemeinsam mit seinem jungen Publikum findet der Lehrer Gründe, warum der Mensch Hunde hält, identifiziert krankheitsübertragende Tiere und bespricht die Wettervorhersage. Bei richtigen Antworten klatschen die Kinder für sich selbst, liegen sie falsch, dankt er ihnen dafür, dass sie es probiert haben. Am Ende der Stunde ist die Tafel mit Notizen übersät. Zuoberst aber steht ein Satz, den John Bosco seinen Schülerinnen und Schülern für den heutigen Tag mitgeben will: „Gott kennt alle meine Wege“. Ein Denkanstoß, um den Kindern zu signalisieren, dass es etwas gibt, das größer ist als sie selbst, und dass Gott immer bei ihnen ist, erklärt John Bosco.

Obwohl er kein Religionslehrer ist, ist Gott auch in seinen Stunden immer wieder Thema und beschäftigt die Kinder. „Gestern haben wir etwa darüber gesprochen, wie wir alle nach Gottes Ebenbild erschaffen sein können, wenn wir doch unterschiedlich aussehen. Ich habe ihnen dann erklärt, dass Gott in allen von uns ist, in der ganzen Menschheit und es also nicht um unsere äußere Hülle geht“, erzählt der 30-Jährige. Er geht gerne auf die Fragen der Kinder ein, dabei ist es ihm aber wichtig, die Religionszugehörigkeit seiner multireligiösen Klasse nicht infrage zu stellen. Seine eigene Beziehung mit Gott lebt er vor allem im Privaten. „Wenn man betet, muss man es nicht in der Öffentlichkeit tun, damit alle sehen, dass man jetzt betet. Ich bin nicht gläubig, um jemandem zu gefallen. Mein Gott ist bei mir. Er lehnt es ab, wenn wir andere bewerten“, ist er überzeugt. Einander mit Menschlichkeit und Demut zu begegnen, Kindern Offenheit und Interesse zu signalisieren, ihnen Mut zu machen und sich nur das Beste für den Anderen zu wünschen – dieser Geist präge die katholische Sacré Coeur-Schule. Er prägt auch Naturkundelehrer John Bosco.

Eine essenzielle Konstante im Leben

Albert Reiner

PRIESTER UND PHYSIKER

Alter: 49 Jahre

Wohnorte: Wien, Salzburg

Mit schnellem Schritt geht er über den Kirchplatz und grüßt lächelnd Passanten. Albert Reiner ist auf dem Weg zu einem seelsorglichen Gespräch in seinem Pfarrgebiet im 4. Wiener Gemeindebezirk. Er freut sich darauf, für einen Mann aus seiner Gemeinde da zu sein und ihm zuzuhören. Der 49-jährige promovierte Physiker wurde vor drei Jahren zum Priester geweiht und ist bis heute glücklich mit seiner Entscheidung: „Am meisten liebe ich am Priester-Sein, dass es sich einfach so richtig anfühlt. Ich bin dankbar für meine Berufung.“ Noch vor gar nicht langer Zeit war es für Albert weder klar, dass es Gott gibt, noch dass er eine Berufung zum Priestertum haben könnte.

Als Naturwissenschaftler hatte er die tiefe Überzeugung: „Man muss sehr dumm sein, um an Gott zu glauben.“ Als sich diese Meinung von einem Tag auf den anderen änderte und er Gott in seinem Leben entdeckte, war Albert zunächst sehr verunsichert: „Ich habe mich hingesetzt und Differentialgleichungen gelöst, um sicher zu gehen, dass ich mein Handwerk noch kann und nichts kaputt gegangen ist.“ Alles sei aber in Ordnung gewesen. Albert hatte nur festgestellt, dass seine These vom nicht existierenden Gott wohl falsch gewesen sein muss. Schnell stellte sich dann für Albert die Frage: „Was tue ich jetzt mit dieser Erkenntnis?“ Zunehmend wuchs in seinem Herzen der Wunsch, Priester zu werden.

Sein alter Beruf als Physiker ist heute kaum mehr präsent in seinem Leben, wenn auch die Menschen ihn immer wieder auf bestimmte Fähigkeiten ansprechen: „Gläubige in der Pfarre meinen manchmal, dass ihnen meine naturwissenschaftlichen Ursprünge in der Verkündigung auffallen, unter anderem weil ich auf eine bestimmte Weise Fragen stelle.“ Wenn er mit Menschen spricht, die Heilige Messe feiert oder einfach seinen normalen Alltag lebt, ist Albert immer wieder neu dankbar für seinen Glauben: „Gott ist für mich das tragende Du. Es ist unglaublich, dass sich dieses Du mir eröffnet hat und meine Wirklichkeit gestaltet.“ Albert Reiner spricht gerne über seinen Glauben und über diese essentielle Konstante, die es seit ein paar Jahren in seinem Leben gibt. Und er steckt andere an – durch eine Freude, die authentisch und echt ist.

Albert Reiner