Was das Land alles zu bieten hat

Bolivien: Schneebedeckte Andengipfel, Sonnenuntergänge in der weltweit größten Salzwüste, Lamas und Menschen in bunten Trachten: Das sind die wohl gängigsten Bilder des südamerikanischen Staates. Dabei birgt das Land zwischen Peru und Brasilien noch viel mehr Schätze.

unterwegs mit KATHARINA BREINER

Vom Schnee in die Tropen

„Bolivien. Wo liegt das doch gleich?“ – eine häufig gehörte Frage, wenn ich von meinem Volontariat erzähle. Tatsächlich war auch für mich das Land zwischen Anden und tropischem Tiefland eine große Unbekannte. Anstatt der eisigen minus 20 Grad in Österreich herrschten bei meiner Ankunft in Boliviens größter Stadt Santa Cruz de la Sierra plötzlich feuchte 30 Grad Plus.

Das wirtschaftliche Zentrum des Landes besitzt keine kolonialen Prachtbauten. Moderne Hochhäuser, Fabriken und schnellwachsende Armenviertel prägen das Stadtbild. Dennoch herrscht an vielen Ecken das südamerikanische Lebensgefühl. Und diesem kann ich mich nicht entziehen: Bunte Märkte, in denen von Smartphones bis zu exotischsten Früchten so gut wie alles erhältlich ist, lateinamerikanische Rhythmen, die aus den vorbeirauschenden Taxis dröhnen und die Offenheit der Menschen sind faszinierend.

Südamerika Karte mit Kennzeichnung von Bolivien

BOLIVIEN

Hauptstadt: Sucre; der Regierungssitz ist La Paz

Einwohner: 11,4 Millionen (Schätzung 2019) 

Fläche: 1.098.581 km²

Bevölkerung: Bolivien ist das Land mit dem größten Anteil an indigener Bevölkerung in Südamerika. Es gibt 36 offiziell anerkannte Völker. Die größten Gruppen sind die Quechua und die Aymara. Neben der Amtssprache Spanisch, wird eine Vielzahl indigener Sprachen und Dialekte gesprochen.

Religion: Mit über 70 % sind die Katholiken die größte Religionsgemeinschaft. Andere christliche Kirchen und Bewegungen gewinnen immer mehr an Bedeutung. Auch Synkretismus ist weit verbreitet. Hier vermischen sich Traditionen der indigenen Völker mit denen der katholischen Kirche. 

Die Uhren ticken anders in Bolivien

Stress ist für Bolivianerinnen und Bolivianer eher ein Fremdwort. Für eine Österreicherin war diese sehr entspannte Einstellung zu Pünktlichkeit eine große Herausforderung. Es passiert nicht selten, dass ein für neun Uhr angesetztes Treffen einfach eine Stunde später beginnt. Ebenso wenig gibt es fixe Fahrpläne für die städtischen Busse, „micros“ genannt.

Man stellt sich an den Straßenrand und winkt die gewünschte Linie heran. Und für einen Ausflug in entferntere Stadtteile ist es immer klug, genügend Anreisezeit einzuplanen. Man weiß nie, ob und wann der richtige Bus tatsächlich vorbeifährt. 

Unsere Seilbahnen sind die klimafreundlichste Entlastung für den Verkehr und vor allem vereinfachen sie das Leben der Menschen in La Paz und El Alto.

César Dockweiler, Geschäftsführer der Betreiberfirma Mi Teleférico

10 Linien hat das größte städtische Seilbahnnetz der Welt

Die steilen Berghänge der bolivianischen Regierungsstadt La Paz und ihrer Nachbarstadt El Alto erschweren die Fortbewegung der Menschen. Im Jahr 2013 baute der Vorarlberger Seilbahnhersteller Doppelmayr eine erste urbane Seilbahnlinie. Seit heuer verbinden zehn Linien die verschiedenen Stadtteile und erleichtern den Alltag der Menschen. 

Religion prägt die Menschen

Glaube spielt in Bolivien irgendwie für ziemlich jeden eine Rolle, egal ob Straßenverkäufer, Lehrerin oder Bandenchef. Wie selbstverständlich gibt mir eine Mutter aus dem Projekt bei jeder noch so kurzen Begegnung einen Segen mit. Egal, wie schwierig ihre jeweilige Situation sein mag, die bolivianischen Mütter vertrauen stets auf Gott und danken ihm täglich für ihr Leben und ihre Familien.

Ihre Freude am Glauben zeigen sie besonders auch in den Gottesdiensten. In den andinen Regionen mischen sich zum christlichen Glauben zusätzlich die Traditionen der verschiedenen Volksgruppen wie der Aymara oder Quechua. Diese Verknüpfung der verschiedenen Kulte ist ein zentraler Bestandteil der bolivianischen Kultur. 

Katharina Breiner

Vergangenes Jahr war unsere allewelt-Redakteurin für sechs Monate als Volontärin in Santa Cruz de la Sierra. Die Einwohner Boliviens und die spektakulären Landschaften haben ihr Leben nachhaltig verändert.

Ein Leben für die Kinder 

Es ist Mittag in den staubigen Straßen von Boliviens Wirtschaftszentrum Santa Cruz de la Sierra. Von weitem sehe ich eine Gruppe Mädchen, die mir zuwinkt. Sie kommen gerade aus der Schule und werden wie jeden Tag von Kristin, einer Volontärin aus Deutschland, abgeholt. Sie leben in der Casa Maria Jacinta, einem Heim für Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren mussten. Vor über 20 Jahren wurde das Heim von der Halleiner Schwester Clara Erlbacher gegründet. Verfolgt von neugierigen Blicken der Mädchen durchqueren meine Kollegin und ich den Innenhof des Heims.

Ganz hinten auf dem Grundstück erwartet uns die 77-jährige Salzburgerin. Wir haben ein besonderes Geschenk für sie: Kümmel aus Österreich, eine Kostbarkeit, die es in Bolivien nicht zu kaufen gibt. Bei einem sonntäglichen Mittagessen erzählt uns Schwester Clara ihre Geschichte. Von der ersten Zeit in der Chiquitania, der Region im Osten Boliviens, und von Padre Alfredo Spiessberger. Der oberösterreichische Franziskanerpater wirkt seit über 50 Jahren in der Region um Santa Cruz und seine Kinderdörfer wurden zu einer Institution.

Ich bin tief beeindruckt von der Geschichte der beiden österreichischen Missionare. Seit Jahrzehnten geben sie Kindern und Jugendlichen aus schwierigsten Verhältnissen ein Zuhause, helfen ihnen, dem Kreislauf der Gewalt und Abhängigkeiten zu entkommen. Trotzdem stehen Rückschläge beinahe an der Tagesordnung für Schwester Clara.

Erst kurz vor unserem Besuch sind sechs Mädchen aus dem Heim weggelaufen. Doch die resolute Salzburgerin lässt sich davon nicht entmutigen. Sie weiß, es lohnt sich weiterzukämpfen, denn Jesus ist ihre Stütze.