Eine Stimme der Gerechtigkeit

Die Kirche auf den Philippinen ist jung und lebendig, hat jedoch mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Kardinal Luis Tagle will den Armen eine Stimme geben und den Mächtigen ins Gewissen reden. Der Erzbischof von Manila wird darum von manchen auch „Franziskus von Asien“ genannt.

Interview von Ines Schaberger

allewelt Juli/August 2019

Weltcaritas-Präsident Luis Tagle ist für den 5. Humanitären Kongress nach Wien gekommen. Sein ansteckendes Lächeln sorgt dafür, dass er die Sympathien des Publikums schnell auf seiner Seite hat. Die großen Probleme der Welt können die Religionen nur gemeinsam lösen, sagt er und erntet spontanen Applaus, als er sich für den Klimaschutz stark macht. Am Rande des Kongresses erzählt er unserer Redakteurin von seiner Arbeit und warum er lieber persönlich mit Präsident Duterte spricht, als ihm über die Medien etwas auszurichten.

1 | Welche Rolle spielt die Kirche auf den Philippinen?

Von 110 Millionen Philippinos sind rund 82 Millionen Katholiken. Die Kirche ist sehr präsent in der Gesellschaft – nicht nur durch die Bischöfe und Priester, sondern auch durch die Familien! Die ältesten Schulen, Spitäler und Versorgungsein-richtungen sind kirchlich. Die Sorge um die Armen hat eine lange Tradition.

2 | Als Weltcaritas-Präsident haben Sie einen guten Überblick über die aktuelle Situation der Weltkirche. Wie unterscheidet sich die Kirche in Europa von der auf den Philippinen?

In Europa nehmen die Geburtenzahlen ab und die Lebenserwartung steigt. Es gibt nur wenige junge Menschen in den Kirchen. Im Unterschied leben auf den Philippinen viele junge Christinnen und Christen, das Durchschnittsalter ist 23 Jahre. Viele gut ausgebildete Philippinos suchen außerhalb ihres Landes Arbeit und kommen beispielsweise nach Europa. Als Entwicklungsland suchen wir Wege, wie wir uns selbst erhalten können. 

3 | Dazu arbeiten Sie auch mit Missio zusammen. Wie würden Sie diese Partnerschaft beschreiben?

Ich schätze den Respekt, den Missio den Projekten vor Ort entgegenbringt. Missio will uns Werte und Visionen nicht von außen überstülpen, sondern respektiert, was die lokalen Gemeinschaften sagen und welche Lösungsvorschläge sie bringen. Gleichzeitig legt Missio Standards fest, die uns weiterbringen und neue Fähigkeiten fordern. Es handelt sich um eine wirkliche Partnerschaft, die mehr ist als bloße Versorgung. 

4 | Die Philippinen sind als Paradies für Pädophile bekannt. Frauen und Kinder werden vielfach als Sexualobjekte gesehen. Was tut die Kirche, um sexuellen Missbrauch zu verhindern?

Wir müssen demütig zugeben, dass es diese Fälle gab und gibt und in der Vergangenheit unsere Reaktion nicht angemessen war, weil wir die Tragweite von Pädophilie nicht ausreichend verstanden haben. Als Bischöfe haben wir uns fortgebildet und Richtlinien an den Vatikan geschickt, wie wir mit Beschwerden umgehen. Auch um die Vorbeugung sexuellen Missbrauchs müssen wir uns kümmern: Wie können wir eine Kultur schaffen, in der Kinder, Frauen und verletzliche Personen nicht missbraucht, sondern begleitet werden? In dieser Frage, und auch, wenn es um Korruption geht, braucht es eine Veränderung der Gesinnung und Herzensbildung. 

5 | Die politische Situation auf den Philippinen ist immer wieder angespannt. Wie viel redet die Kirche bei politischen Entscheidungen mit? 

In der Geschichte der Philippinen gab es immer eine enge Verbindung zwischen Kirche und Regierung. Diese lief aber nicht immer glatt, schon in den spanischen Kolonialzeiten nicht. Wir müssen auch die Unabhängigkeit der Regierung respektieren. Wir versuchen, den Armen zu dienen und sind eine Stimme für sie, für Gerechtigkeit und Wahrheit.

6 | Würde Präsident Rodrigo Duterte auf das hören, was Sie als Kardinal zu sagen haben?

Ich habe viele Möglichkeiten, die Position der Kirche klar zu machen: Predigten, Pastorale Briefe und so weiter. Es geht mir nicht darum, die Regierung aktiv zu attackieren, sondern Gewissensbildung zu fördern. Wenn ich etwas Ernstes habe, das ich kommunizieren will, dann gehe ich direkt zu der betreffenden Person. Ich möchte es nicht über eine Zeitung oder eine Radiostation tun. 

7 | Das heißt, Sie gehen auch direkt zum Präsidenten, wenn Sie ein Anliegen haben?

Ja, ich gehe direkt zum Präsidenten oder auch zu seinen Vertrauten. Das hat kulturelle Gründe. Wenn du eine prominente Person in unserer Kultur öffentlich demütigst, dann wird sie nicht mehr auf dich hören, sondern greift dich an. Das Ziel ist nicht, uns ohne Ende gegenseitig bloßzustellen, sondern das Gemeinwohl zu fördern und auf einen Sinneswandel der betroffenen Personen hinzuarbeiten – wenn es auch im Verborgenen ist! (schmunzelt) 

Cardinal Luis Tagle aus den Philippinen