Eine neue Perspektive für das Leben

Berufsausbildung: Arbeit ist wichtig, doch in vielen Ländern keine Selbstverständlichkeit. Missio Österreich hilft jungen Menschen, eine Existenz aufzubauen. 

allewelt Juli/August 2019

Osita hat es geschafft. Der Nigerianer ist Schlosser, besitzt eine kleine Werkstatt und produziert Masten für Fotovoltaik-Straßenbeleuchtungen in Dörfern. Derzeit beschäftigt er fünf Männer, die aus entlegenen Dörfern in die Stadt gekommen sind. Ositas Karriere wäre in Österreich selbstverständlich – nicht aber in Nigeria. Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind Kinder und Jugendliche. Mangelnde Bildung, hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven treiben die jungen Menschen in die Armut und Hoffnungslosigkeit – und im schlimmsten Fall in die Arme von Terrorgruppen wie Boko Haram – es sei denn, sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand.

Einer, der ihnen dabei hilft, ist Hugo Ölz aus Vorarlberg. In seiner Pension setzt sich der ehemalige Landesschulinspektor für Entwicklungsprojekte ein. So baute er in Enugu mit der Kirche vor Ort das Berufsausbildungszentrum VTTC (Vocational Technical Training Center) für Schlosser, Elektroinstallateure und Automechaniker auf. „Ich bin überzeugt, dass ein erlernter Beruf lebenswichtig ist. Er ist entscheidend für die Möglichkeit eines menschenwürdigen und erfüllten Lebens“, sagt Ölz über seine Motivation. Der 80-Jährige ist drei bis vier Mal im Jahr in Nigeria, um das Projekt vor Ort zu betreuen.

BERUFSAUSBILDUNG FÜR EINE EXISTENZ 

Arbeit ist eine Existenzgrundlage. Wer arbeitet und Geld verdient, ist unabhängig. Das ist in westlichen Ländern eine Selbstverständlichkeit, doch nicht in armen Regionen. Dort gibt es oft keine Möglichkeiten für junge Menschen, einen Beruf zu lernen. Hier setzt Missio Österreich an: Rund 40 Prozent der geförderten Projekte sind Bildungsprojekte, darunter zahlreiche Berufsausbildungsprojekte. Einerseits gibt es Berufsausbildungszentren, andererseits werden Frauenkooperativen unterstützt und Mikrokredite oder Sparprogramme als Starthilfe für die Gründung eigener Unternehmen vergeben. Die Menschen werden dabei vorrangig in handwerklichen Berufen ausgebildet. Missio will so den Erwachsenen und Jugendlichen einen selbstbestimmten Lebensweg ermöglichen. Wichtig ist dabei nicht nur, dass sie eine Tätigkeit erlernen, sondern nach der Ausbildung eine Anstellung erhalten oder sich selbstständig machen.

Berufsausbildung und Friedensprojekt

Derzeit bildet das VTTC 20 Lehrlinge aus. Es werden echte Aufträge angenommen – von der Schule im Busch bis hin zum Dach für eine Kirche war schon alles dabei. Seit kurzem gibt es auch ein Wohnheim für die Lehrlinge. Dieses bietet die Möglichkeit, auch Schüler aus dem islamischen Norden aufzunehmen, der von einer starken Stammeskultur geprägt ist. Die jungen Erwachsenen aus den verschiedenen Teilen des Landes sollen sich während der Ausbildung besser kennenlernen und dabei zu einem respektvollen Miteinander finden.

Hugo Ölz

„Ich bin überzeugt, dass ein erlernter Beruf lebenswichtig ist. Er ist entscheidend für die Möglichkeit eines menschenwürdigen und erfüllten Lebens.“ 

Hugo Ölz
Jutta Becker

„Wenn ein junger Mensch die Möglichkeit bekommt, einen Beruf zu erlernen, kann er aus der Armutsspirale ausbrechen und ist nicht mehr so leicht manipulierbar.“

Jutta Becker, Head of International Projects

Experten und Expertinnen dringend gesucht

Das VTTC ist eines von vielen Projekten für die Berufsausbildung von Afrikanern, die von Missio Österreich unterstützt werden. „Viele der jungen Menschen kommen aus armen Familien, in denen oft alle von der Landwirtschaft leben. Durch fehlendes Wissen und zu kleine bebaubare Flächen reicht der Ertrag sehr oft nicht einmal für die Grundversorgung für die meisten Familien. Kinder brechen die Schule ab und können dieser Armut nicht entkommen. Dabei werden gerade in diesen Ländern Experten gesucht: Maurer, Installateure, Lehrer, Automechaniker und vieles mehr“, weiß Missio-Projektexpertin Jutta Becker.

Hier setzt Missio Österreich an: „Wenn ein junger Mensch die Möglichkeit bekommt, einen Beruf zu erlernen, kann er aus der Armutsspirale ausbrechen und ist nicht mehr so leicht manipulierbar“, erklärt Becker. Das VTTC ist ein solches Projekt – junge Menschen bekommen eine Perspektive und damit einen Schlüssel für eine bessere Zukunft in die Hand. Osita ist diesen Weg gegangen. Er kann mit seinem Betrieb mittlerweile genug Einnahmen erwirtschaften, um seine Mitarbeiter und die Miete zu zahlen. Er hat sich sogar eine finanzielle Rücklage geschaffen und will nächstes Jahr eine Familie gründen.