Im Schatten der Pagoden

Auf den Straßen der Metropole Mandalay leben zehntausende Kinder. Oft haben sie in ihren Familien Gewalt und Missbrauch erlebt. Auf der Straße sind sie Drogen, Kriminalität und Willkür ausgesetzt. Die Türen des Don Bosco Jugendzentrums stehen ihnen immer offen.

Text: Lena Hallwirth  Fotos: Simon Kupferschmied / Lena Hallwirth

allewelt Juli/August 2019

Weiß und groß ist das Gesicht, der Mund eine zittrige Linie. Dicke Tränen laufen aus den halbgeschlossenen Augen. Nur die schlimmsten Stationen seines Lebens tragen ein solches Gesicht. Damit zeigt Myint Myat Thu, wie er sich in der jeweiligen Situation gefühlt hat. Wie in einem Comic hat der Bub alle Stationen, die ihn in das Haus für Straßenkinder in Mandalay geführt haben, auf einen Bogen Papier gezeichnet.

Etwa als er mit seinem Vater das große gelbe Haus, seine Mutter und seine kleine Schwester verlassen musste, weil seine Eltern nicht mehr miteinander leben konnten. Oder als die neue Frau seines Vaters begonnen hat, ihn mit einem Stock zu schlagen. Dann schließt das weinende, blasse Gesicht auf der Zeichnung des jungen Künstlers die Augen.

„Besonders, wenn sie Alkohol getrunken haben, war es schlimm für mich. Sie hat sich bei meinem Vater über mich beschwert und er hat ihr mehr geglaubt als mir“, erzählt Myint Myat Thu und schluckt schwer. Jeder Fehltritt in den Augen der Stiefmutter wird mit Schlägen, Stockhieben und Beschimpfungen bestraft. Schließlich läuft Myint Myat Thu von zu Hause weg und springt auf einen Zug, der ihn in das weit entfernte Mandalay bringt. Zwischen Autos und großen Häusern ist der zehnjährige Bub auf sich alleine gestellt.

Myint Myat Thu

Das war mir alles zu viel. Ich bin weggelaufen und bin irgendwann in Mandalay gelandet. Ich war sehr traurig und auch hungrig. Vier Jahre habe ich bei einer Pagode und unter der Brücke gelebt.

Myint Myat Thu

Leben im Löwenrudel

Mit knapp 1,6 Millionen Menschen ist Mandalay nicht nur die zweitgrößte Stadt des südostasiatischen Landes Myanmar, die ehemalige Königsstadt ist auch das kulturelle Zentrum. Unzählige Pagoden thronen hier über einer Biegung des Irrawaddy-Flusses, auf dem täglich Tausende Tonnen Waren durch das ganze Land geschifft werden. Im Schatten der golden glitzernden Gebetshäuser leben Kinder auf der Straße. Untertags, wenn die Sonne vom Himmel brennt, finden sie in den schattigen Innenhöfen der Pagoden Unterschlupf. Auch Myint Myat Thu versteckt sich nach seiner Ankunft in Mandalay hier, um sich auf den kühlen Steinfliesen auszuruhen. In den Nächten findet er keinen Schlaf. „Es war wie in einem Löwenrudel“, erzählt der heute 17-Jährige. „Die älteren Kinder waren die Anführer und wir jüngeren mussten alles machen, was sie uns gesagt haben.“

Um an Geld zu kommen, pflücken manche Straßenkinder Blumen und verkaufen sie am Straßenrand. Andere sammeln Plastikflaschen und sonstigen verwertbaren Müll, betteln, waschen Züge und Autos oder stehlen. „Am Abend haben wir geraucht. Wenn jemand eingeschlafen ist, haben wir sein Geld genommen“, erzählt der Bub mit den sanften Gesichtszügen. Wer auf der Straße lebt, erfährt viel Härte. Wer hier überleben will, muss selbst hart sein. Viele Kinder flüchten aus Elternhäusern, in denen sie geschlagen oder missbraucht werden. Statt ihre Erlebnisse aufarbeiten zu können, erfahren sie auf der Straße neue Gewalt, Unsicherheit und Erniedrigung. Um damit zurechtzukommen, kaufen sie sich eine der billigsten Drogen der Welt: Klebstoff. In kleinen Fläschchen tragen sie ihn mit sich herum und schnüffeln immer wieder daran. Der Rausch trägt sie durch den Tag und die Nacht. Er vertreibt die Erinnerungen, den Hunger und die Angst. Er schädigt aber auch ihr Gehirn, lässt sie teilnahmslos und leer werden.

Die Kluft wird größer

Seit der wirtschaftlichen und politischen Öffnung des Landes hat in Myanmar ein Wirtschaftsboom eingesetzt. Zahlreiche Unternehmen aus dem In- und Ausland investieren in das südostasiatische Land. Die Wirtschaft wächst derzeit um etwa 6,4 Prozent pro Jahr. Von dem Boom profitiert vor allem die Elite des Landes. Ein Viertel der Bevölkerung lebt nach wie vor unter der absoluten Armutsgrenze. Viele Familien ziehen auf der Suche nach einem Auskommen vom Land in Großstädte wie Yangon oder Mandalay, an deren Rändern Slums und inoffizielle Siedlungen wachsen. 

Hinter den Fassaden

Gerade jetzt, da sich das Land nach jahrzehntelanger Isolation öffnet und immer mehr Touristinnen und Touristen nach Mandalay kommen, will sich die Stadt von ihrer besten Seite zeigen. Die weitgereisten Gäste sollen die prachtvollen Paläste, die Tempel und Badestätten der alten Könige bewundern. Bettelnde Kinder stören dieses Bild. Deshalb nimmt die Polizei sie fest. Wer sich nicht schnell genug versteckt, landet in der Jugendstrafanstalt der Stadt. Hier bleiben die Kinder unsichtbar für die zahlreichen Touristinnen und Touristen, die, ohne es zu ahnen, vor den Fenstern des Kindergefängnisses vorbeifahren.

Durch die Gitter der Zellen sehen die Kinder auf eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten – den Königspalast. Auch Kinder, die selbst Opfer einer Straftat wurden, werden hier vorübergehend untergebracht. Father Andrew Yan Naing Win kennt viele traurige Geschichten von Kindern, die ohne ihr Wissen als Drogenkuriere missbraucht oder als menschliche Ware verkauft wurden. Gemeinsam mit einem Team von Ordensleuten, die sich auf die Arbeit mit Kindern in Krisensituationen spezialisiert haben, besucht der Salesianer Don Boscos die Kinder jede Woche im Gefängnis, um sie zu unterrichten, mit ihnen zu reden und ihnen zu zeigen: Ihr seid nicht allein!

Don Bosco Zentren für Straßenkinder

Kinder und junge Menschen in Risikosituationen stehen im Mittelpunkt der Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern. Auf der ganzen Welt betreiben sie deshalb Straßenkinder-Zentren. Manche Kinder finden hier ein neues Zuhause, andere kommen, um sich auszuruhen, zu spielen oder etwas zu essen. Ihr Aufenthalt im Zentrum ist immer freiwillig. Viele Kinder haben traumatische Erlebnisse hinter sich oder sind durch Drogen geschwächt. Die Arbeit mit den Kindern erfordert deshalb viel Geduld. Mit einer Schulbildung oder einer beruflichen Ausbildung sollen sie ein selbstständiges und menschenwürdiges Leben führen können. 

Zurück in die Gesellschaft

Immer wieder werden Kinder ganz in seine Obhut gegeben. Mädchen bringt er bei Ordensfrauen unter, Buben finden in dem Don Bosco Jugendzentrum, das er seit kurzem leitet, Unterschlupf. „Die ersten Tage hier sind oft schwer für die Kinder“, erzählt Father Andrew mit seiner ruhigen Stimme, während sich vor der Tür des Wohnzimmers lachende Kinderstimmen mit dem Gegacker einiger Hühner mischen. „Alles hier ist dann erstmal neu und beängstigend für sie.“

Nach den relativen Freiheiten der Straße, falle es vielen Kindern schwer, sich an einen festen Zeitplan und das Leben in einer Gemeinschaft zu gewöhnen. Manche verschwinden nach ein paar Tagen wieder. Sie können jederzeit zurückkommen. Wer bleiben möchte, muss entweder zur Schule gehen oder eine Berufsausbildung machen. Etwa 30 Buben im Alter zwischen sieben und 17 Jahren leben dauerhaft hier.

Father Andrew Yan Naing Win

Wir wollen zu ihnen vordringen, ihre Herzen erreichen.

Father Andrew Yan Naing Win

Vier Jahre verbrachte Myint Myat Thu auf der Straße, versteckte sich mit den anderen Kindern am Flussufer, wo sie zwischen den Abfällen der Großstadt niemanden störten, oder bettelte am Bahnhof um Geld und Essen. Hier fanden ihn Mitarbeiter des Don Bosco Zentrums und überredeten ihn, mit ihnen zu kommen. „Seither lebe ich hier und bin sehr dankbar dafür. Hier bekomme ich alles, was ich will“, erzählt der Teenager.

Endlich habe er nun jeden Tag genug zu essen, frisch gewaschene Kleidung und könne zur Schule gehen, letzteres sei ihm besonders wichtig. „Ich möchte einmal ein gebildeter Mensch sein, ein guter Elektriker zum Beispiel, aber das ist nicht einfach.“ Myint Myat Thu ist auf dem besten Weg. Bei der Jahresabschlussprüfung hatte er ein gutes Gefühl. Nach dem Lernstress der letzten Tage trifft es sich gut, dass gerade ein Eisverkäufer auf seinem Fahrrad in den großen Hof des Don Bosco Zentrums einfährt.

Myanmar auf der Weltkarte

Myanmar

Staatsform: Republik

Hauptstadt: Naypyidaw

Einwohner: 51 Millionen (2014)

Fläche: 676.578 km²

Währung: Kyat (MMK)

Religion: Buddhisten (87,9%), Christen (6,2%), Muslime (4,3%), andere Religionen/Atheisten (1,6%).

Eine Erfolgsgeschichte

Strahlend stürzen die Buben auf ihn zu und bekommen ein Eis geschenkt. Der junge Eisverkäufer ist ein alter Bekannter. Wie sie selbst hat auch Aung Aung einen Teil seiner Kindheit auf der Straße verbracht. Mit 15 Jahren überzeugten ihn die Sozialarbeiter, eine Berufsausbildung im Don Bosco Zentrum zu machen. Bevor er auf Eisverkäufer umsattelte, reparierte er Mopeds.

„Heute bin ich vorbeigekommen, um zu sehen, wie es den Lehrern und den Kindern geht. Sie fehlen mir“, sagt der 22-Jährige. Father Andrew ist stolz auf Aung Aung, dessen Name „Erfolg“ bedeutet. Er sieht sich als Begleiter, als aufmerksamer Freund der Kinder. „Wir wollen zu ihnen vordringen, ihre Herzen erreichen. Wenn wir das schaffen, dann wissen sie, dass sie geliebt werden – das verändert die ganze Situation“, ist der Priester überzeugt.

Die Arbeit mit den Kindern, die schon so viel durchmachen mussten, ist oft schwer, ihre Geschichten treffen Father Andrew ins Herz. Auch die laufenden Kosten des Zentrums bereiten dem Leiter Kopfzerbrechen. Dann erinnert er sich an seinen Besuch bei Mutter Teresa und wie sie zu ihm sagte: „Gib, gib, gib, bis es weh tut.“ Was er den Kindern geben möchte, ist seine Energie, sein Wissen, seine Freude und einen Ort, an dem sie Liebe und Geborgenheit erfahren – manche von ihnen zum ersten Mal.

Aung Aung

Ich bin ins Zentrum gekommen, weil ich hier eine Ausbildung machen konnte.

Aung Aung

Kinderarbeit in Myanmar

Über eine Million Kinder zwischen fünf und 17 Jahren müssen in Myanmar arbeiten – das ergab eine Studie der International Labour Organization (ILO) aus dem Jahr 2015. Buben brechen oft früher als Mädchen die Schule ab, um zu arbeiten. 80 Prozent der arbeitenden Kinder leben auf dem Land, wo sie in der Landwirtschaft arbeiten. Auf der Suche nach einem besseren Job oder um familiärer Gewalt zu entkommen, ziehen viele in die wachsenden Städte. Dort arbeiten Buben vor allem im Großhandel, stellen verschiedene Produkte her, reparieren Fahrräder oder schuften auf Baustellen. Mädchen arbeiten vermehrt als Haushaltshilfen. Im Durchschnitt müssen die Kinder täglich acht bis zehn Stunden arbeiten und das an sechs Tagen in der Woche. 

Missio Redakteurin Lena Hallwirth

Besuch vor Ort

In Mandalay durfte unsere Missio-Redakteurin Lena Hallwirth die Schönheit Myanmars bewundern. Von den Schattenseiten des Lebens hier haben ihr Kinder erzählt, die einen Teil ihrer Kindheit auf der Straße verbringen mussten.