Die Pest ist zurück

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Die Pest ist zurück

Die Pest ist wieder zurück auf Madagaskar. In den Städten und ländlichen Regionen sind die Hygienezustände katastrophal. Es herrscht Notstand. Darüber hinaus vertreiben ausländische Firmen die madagassischen Bauern und roden die letzten Bestände des Regenwaldes. 

Enzo und Elisabeth Caruso gehen am liebsten zu Fuß durch die lärmende Stadt. Wie Einheimische bewegen sich die beiden Laienmissionare auf den Straßen von Fianarantsoa, der zweitgrößten Stadt von Madagaskar. Sie wollen den Menschen dadurch näher sein. Die Carusoser – ein Sizilianer und sie eine gebürtige Salzburgerin – kennen keine Berührungsängste. Selbst vor der Pest, die auf Madagaskar aufgrund schlechter hygienischer Verhältnisse regelmäßig ausbricht, haben die beiden Krankenpfleger keine Angst. „Wenn wir uns vor der Pest fürchten würden, dann hätten wir keine zwei Wochen auf der Insel ausgehalten“ , bemerkt Elisabeth trocken. Sie erwähnt ganz nebenbei, dass ihr Mann sich einmal mit Lepra angesteckt hat, als sie in der Nähe von Fianarantsoa für eine Leprastation zuständig waren: „Wir haben in all den Jahren mehr als 1.000 Leprakranke diagnostiziert und behandelt.”

Elisabeth Caruso

„Es gibt kaum eine Krankheit, die wir während der Zeit auf Madagaskar nicht aufgeschnappt haben.“

Elisabeth Caruso

Rückkehr nach Madagaskar – trotz Pest-Ausbruch

Im Herbst 2017, 13 Jahre nach ihrer Rückkehr nach Österreich, besuchen Enzo und Elisabeth noch einmal ihre Freunde auf Madagaskar. Sie treten ihre Reise genau zu jenem Zeitpunkt an, als in der Hauptstadt Antananarivo und in anderen Orten gerade wieder die Beulenpest und die hochansteckende Lungenpest wüten. Doch hier, unter dem Inselvolk fühlt sich das Ehepaar zu Hause. Enzo und Elisabeth sprechen die Landessprache Malagasy fließend. Auf den staubigen Straßen von Fianarantsoa lassen sie sich gerne in Gespräche verwickeln. Am Weg in die Innenstadt begegnen sie Solo und seinen zwei Geschwistern. Die Mutter, in alte schwarze Fetzen gekleidet, kommt gerade von der Müllhalde zurück, als sich das Ehepaar der Familie nähert. „Mama, hast du etwas gefunden?“ Verlegen zeigt die Mutter ihrem Sohn zwei schmutzige Plastikflaschen, die sie von der Müllhalde mitgebracht hat. Fröhlich läuft Solo in eine schmuddelige Bar, wo er die beiden Plastikflaschen bei einem alten Rohr, aus dem ein wenig Wasser tröpfelt, säubert. Schnell greift er noch in den Mülleimer. Er findet darin ein paar halb verfaulte Bananen und bringt sie seinen Geschwistern. Gemeinsam bieten sie ihre Schätze – die schlecht gewaschenen Plastikflaschen, die halb verfaulten Bananen und ein paar alte Sandalen den vorbeigehenden Straßenpassanten an. „Erstklassige Waren aus zweiter Hand“, ruft Solo in die Menge. Doch sein Blick verrät, dass er an diesem Morgen noch nicht sehr erfolgreich war. „Also gut, ich kaufe dir die zwei Flaschen ab“, sagt Elisabeth und streichelt Solo über das krause Haar. Seiner Mutter drückt sie dafür ein paar Geldscheine in die Hand. Die Mutter strahlt vor Glück. Doch dann vertraut sie dem Ehepaar ihre traurige Geschichte an: „Die Banditen sind in unser Dorf gekommen und haben unsere Rinder gestohlen. Mein Mann wollte sich wehren, da haben sie ihn umgebracht und unser Haus angezündet. Wir haben alles verloren und sind deshalb in die Stadt gekommen. Wir suchen nach einer neuen Bleibe.“

Die Bauern verlieren ihr Land und Vieh

Dass in letzter Zeit viele Rinder auf Madagaskar verschwinden, erfahren Enzo und Elisabeth auch von anderen Bauern am Land. „Wir haben uns bei ihnen erkundigt, warum sie keine Rinder mehr haben. Denn früher gab es in der fruchtbaren Bergregion von Haute Matsiatra große Rinderherden und die Bauern hatten sogar eigene Traktoren. Heute müssen sie wieder mit alten Pflügen und zum Teil sogar mit den eigenen Händen die Äcker bestellen.“ Doch mittlerweile sei auf Madagaskar eine richtige Mafia entstanden, „bewaffnete Banden, die von korrupten Regierungsleuten bezahlt werden. Sie dringen in abgelegene Dörfer ein, stehlen das Vieh. Manchmal zünden sie sogar ganze Dörfer an. Wer sich wehrt, wird erschlagen“, schildert Enzo die dramatische Lage vor Ort. „Die Rinder werden geschlachtet. Das Fleisch wird nach China und nach Südkorea exportiert. Dahinter steckt ein Riesengeschäft. Man sagt, dass Madagaskar bereits eine chinesische Insel geworden ist.“ Enzo ist schockiert über die jüngsten Entwicklungen auf Madagaskar. Die Ausbeutung der Menschen durch ausländische Firmen hat zugenommen. Teile des Staates sind völlig von der Korruption zerfressen. Eine weitere problematische Entwicklung bereitet dem Ehepaar große Sorgen: „In den vergangenen Jahren wurde der tropische Regenwald von ausländischen Firmen immer stärker abgeholzt und die teuren Edelhölzer an China und Südkorea verkauft.“ Nur noch rund fünf Prozent des ursprünglichen Regenwaldbestandes seien auf der Insel übrig geblieben. Der Raubbau an der Natur macht sich in immer mehr Regionen bemerkbar. Die Böden werden unfruchtbar und verkarsten. Eine land- wirtschaftliche Nutzung ist an vielen Orten nicht mehr möglich. Ein ökologisches Desaster steht bevor.

Die Kinder pflanzen Bäume

Der aus dem Elsass stammende Missionar Bruder Claude Fritz kämpft um die Erhaltung des Regenwaldes. Mit seiner Hilfsorganisation Vozama engagiert er sich seit vielen Jahren im Kampf gegen die Vernichtung des kostbaren Regenwaldes in den Bergregionen Haute Matsiatra und Amoron’i Mania. Jedes Jahr zum Schulanfang gehen die Kinder mit ihren Eltern auf einen Berg, um dort ein Bäumchen aus der Baumschule von Vozama zu pflanzen. „Es sind bereits große Vozama-Wälder in den Bergen entstanden“, lobt Enzo den großen Einsatz von Bruder Claude. Mit seiner Frau konnte er viele Jahre hindurch das Wachsen der Bäume beobachten. „Diese Aktion ist mehr als nur ein symbolisches Zeichen der Hoffnung. Kinder sind die Zukunft des Landes, und auch jeder Baum ist ein wichtiger Beitrag für die Zukunft “, ist seine Frau überzeugt. Gleichzeitig sorgt Bruder Claude für eine bessere Hygiene in den Häusern der Kinder, damit sich die Pest nicht weiter ausbreitet: „Der ,schwarze Tod‘ ist wieder zurück in Madagaskar. Und das gerade jetzt, wo unsere Freunde Enzo und Elisabeth auf Besuch sind. “Madagaskar ist einfach ihr Leben“, erzählt der Missionar, der mit dem Ehepaar Caruso seit vielen Jahren eng verbunden ist.

Fr. Claude Fritz

“Wir müssen gegen die Vernichtung der kostbaren Regenwälder kämpfen.“

Bruder Claude Fritz

Vorschulen für eine bessere Zukunft

In den vergangenen Jahren konnte Bruder Claude bereits vieles zum Besseren wenden. In den 700 Vozama-Vorschulen werden heute etwa 10.000 Kinder auf die staatliche Schule vorbereitet. Dort, in der abgeschiedenen Bergregion, lernen sie Lesen und Schreiben. Bruder Claude geht es vor allem auch darum, den Eltern der Kinder und den Kindern selbst eine bessere Hygiene beizubringen, damit ein Ausbruch der Pest in der ländlichen Region immer mehr eingedämmt werden kann. „Die Kinder lernen, sich zu waschen und ihre Zähne zu putzen, und die Eltern lernen, zu Hause für mehr Sauberkeit zu sorgen. Ein Minimum an Hygiene ist notwendig, damit sich die gesundheitliche Situation auf dem Land verbessern kann.” Elisabeth weiß, wovon sie spricht. Die hygienischen Zustände auf Madagaskar sind katastrophal. Auf den Müllhalden tummeln sich Ratten, die den Pesterreger übertragen. “Es gibt auch keine Straßen in dem sumpfigen Gebiet. Der Weg bis zur nächsten Schule ist weit und beschwerlich. Deshalb hat Vozama die Vorschulen in die Dörfer gebracht, damit es die Eltern mit ihren Kindern nicht so weit haben.”

Seit vielen Jahren unterstützen die Pfarre Alt-Simmering und Missio Österreich die missionarische Arbeit von Bruder Claude, der in den 52 Jahren seiner Tätigkeit auf Madagaskar gelernt hat, dass bereits kleine Erfolge viel Gutes bewirken können: „All die kleinen Lernschritte sind für die Entwicklung eines Kindes unerlässlich“, erläutert Elisabeth. Trotz der vielen Rückschläge, die die Menschen auf Madagaskar erleben müssen, ist sie überzeugt, dass die Vorschulen von Bruder Claude eine wichtige Schlüsselrolle im Leben der Menschen spielen. „Denn sie tragen dazu bei, dass der Teufelskreis der Armut auf Madagaskar durchbrochen wird.“

2018-10-02T11:55:28+00:00