Im Namen der Menschen

Die Proteste gegen den Militär-Putsch in Myanmar nehmen zu. Auch etliche Ordensleute und Seminaristen gehen nun für die Demokratie auf die Straße. Der Kardinal ruft zum Dialog und zum gemeinsamen Gebet auf.

Von Christoph Lehermayr

Ordensschwestern und Priester-Seminaristen knien auf dem Boden. „Nein zum Militärputsch“, steht auf einem Transparent, das sie selbst gemalt haben. „Respektiert unsere Stimmen“, ist auf einem anderen zu lesen, und immer wieder: „Gerechtigkeit“. Gemeinsam singen die versammelten Gläubigen das „Ave Maria“ und beten für ihr Land – Myanmar.

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Es sind erstaunliche Aufnahmen, die aus dem südostasiatischen Staat nach draußen dringen. Knapp zwei Wochen sind seit dem Staatsstreich durch das Militär vergangen (Missio berichtete). Die gewählte Regierung ist abgesetzt, deren Führungsfiguren stehen an geheimen Orten unter Arrest. So auch Aung San Suu Kyi. Gegen die im Westen umstrittene und in Myanmar gehuldigte faktische frühere Regierungschefin werden Verfahren vorbereitet, die sie auf Jahre ins Gefängnis bringen könnten. Der Ausnahmezustand ist über das Land verhängt, nachts gilt eine Ausgangssperre. Soweit läuft alles nach dem Plan der Generäle.

Durchkreuzte Pläne

Und nun zum Unvorhergesehenen. Zu dem, was keiner der Kenner Myanmars für möglich gehalten hätte: Massenprotest, ziviler Ungehorsam, Abertausende Menschen auf den Straßen. „Wir alle waren vom Ausmaß dieser Demonstrationen überrascht, hatten wir doch angenommen, dass die breite Masse nach Jahrzehnten der Militär-Diktatur zu eingeschüchtert sei, um aufzubegehren“, sagt der Journalist Soe Myint. Er ist mit seiner Redaktion untergetaucht und pendelt zwischen verschiedenen Zufluchtsstätten. Die Angst, wie zahlreicher seiner Kolleginnen und Kollegen verhaftet zu werden, ist groß. Die Wut über den Putsch noch weit größer.

Myanmar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als einem Drittel der 54 Millionen Einwohner bleibt ein Euro oder weniger am Tag zum Leben. Missio Österreich lindert mit etlichen Projekten das Leid der Menschen und ist daher gut vernetzt im Land. „Die Leute begreifen, was jetzt auf dem Spiel steht. Sie haben in den letzten zehn Jahren erste Ansätze von Freiheit und Aufbruch erlebt und ahnen, dass das mit einem Schlag auf lange Zeit verloren sein könnte“, sagt einer von ihnen im Gespräch mit Missio, der zu seinem eigenen Schutz anonym bleiben soll.

Christinnen und Christen auf den Straßen

Denn gerade für die christliche Minderheit im Land, die sechs Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist die Lage heikel. Viele erinnern sich noch mit Schrecken an die Jahre der Militär-Diktatur, als katholische Schulen geschlossen, Besitz der Kirche enteignet und Missionare des Landes verwiesen wurden.

Umso mutiger ist es, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche in Myanmar, Kardinal Charles Maung Bo, zu den Ersten zählte, der den Putsch verurteilte und zum Dialog aufrief: „Frieden ist möglich. Frieden ist der einzige Weg, Demokratie ist das einzige Licht für diesen Weg.“ Papst Franziskus, der Myanmar im Jahr 2017 selbst besucht hatte, fordert zugleich die Freilassung der verhafteteten politischen Führung. Dies wäre ein „ermutigendes Zeichen für einen ehrlichen Dialog zum Wohl des Landes.“

Drei Finger für den Protest

So überrascht es kaum, dass sich erste Ordensschwestern und Priesterseminaristen den Protesten anschließen. In Facebook-Postings bekunden sie ihre Solidarität mit den Demonstrierenden, treten für Demokratie und klar gegen Gewalt ein. Der Erzbischof von Mandalay, Mark Tin Win, begrüßte den Protestzug vor seiner Kirche mit drei in die Höhe gestreckten Fingern – dem Zeichen des Widerstands. Die Bischofskonferenz von Myanmar rief ihre Gläubigen zum gemeinsamen Gebet für den Frieden auf, riet zugleich aber davon ab, christliche Symbole bei Demonstrationen zu verwenden.

„Auch wenn die Christen nur eine Minderheit im Land ausmachen, ist deren Position enorm wichtig“, erklärt der untergetauchte Journalist Soe Myint, „denn die im Land dominierenden Buddhisten sind bislang gespalten: manche sind dem Militär gegenüber loyal, andere unterstützen den Protest. Aber Mönche spielen darin, im Unterschied zu den Aufständen im Jahr 2007, bisher keine entscheidende Rolle.“

Angst vor Eskalation

Was als nächstes kommt, kann niemand sagen. Aber die dunkle Ahnung, dass es nicht gut ist, klingt klar durch die vielen Gespräche. „Das Militär wird versuchen, den Protest brutal niederzuschlagen, noch mehr Menschen zu verhaften und auch Methoden der psychologischen Kriegsführung einzusetzen, um die Demonstrierenden zu spalten“, befürchtet der untergetauchte Soe Myint von der Plattform mizzima.com.

Ein gemeinsamer Aufruf der Bischofskonferenz von Myanmar trifft daher die Stimmung dieser Tage gut: „Wir fordern“, schreiben sie, „alle Christinnen und Christen zum Gebet für andauernden Frieden, Gerechtigkeit und Entwicklung in unserem Land auf.“