Der einseitige Kampf gegen die Dschihadisten

Sie fallen in Dörfern ein und eröffnen das Feuer auf betende Christinnen und Christen: Die Angriffsserie dschihadistischer Terroristen im westafrikanischen Burkina Faso reißt nicht ab. Abbé Lambert Sawadogo berichtet aus einer betroffenen Diözese. 

von Abbé Lambert Sawadogo

allewelt Juli/August 2019

Die ganze Diözese Kaya, das ganze Land und die Welt sind bestürzt über die Terrorattacken der letzten Wochen in Burkina Faso. Der Angriff auf die Pfarre Dablo passierte am Sonntag, dem 12. Mai 2019. Wir waren alle bei unseren sonntäglichen Versammlungen, als wir die traurige Nachricht vom Angriff auf die Kirche von Dablo hörten. 40 Dschihadisten kamen auf Motorrädern und umkreisten die Pfarrkirche, während die Gemeinde gerade das Gloria sang.

Das anschließende Massaker führte zum Tod von sechs Christen, darunter auch der Priester, der die Messe feierte. Anschließend wurde die Sakristei angezündet, die Kirche entweiht und Gewehrsalven auf den Tabernakel abgefeuert, in Gegenwart des Allerheiligsten. Beerdigt wurden Jacques (56), Maurice (78), Michel (21), Paul (60), Robert (43) und Pater Siméon (34), die wir als „Märtyrer des Glaubens” betrachten, am nächsten Tag, dem 13. Mai. Alle wurden in Dablo begraben und viele Menschen aller Religionen nahmen an der Beerdigung teil.

Am selben Abend noch wurden vier weitere Christen, die von einer Marienprozession zurückkehrten, in einer nahegelegenen Stadt in der Diözese Ouahigouya erschossen. Es sind sehr schwierige Tage für uns. Fünf Pfarren unserer Diözese befinden sich in Gebieten, die regelmäßig von Dschihadisten überfallen werden. 

Schulkinder als Feinde

Es gibt viele verschiedene extremistische Gruppen in Burkina Faso. Sie gewinnen Anhänger, weil viele Menschen unwissend, arm, frustriert und enttäuscht sind. Die Terroristen zielen darauf ab, die Gesellschaftsordnung des Landes weiter zu destabilisieren und bestimmte ethnische Gruppen und Religionsgemeinschaften zu bekämpfen. Zwei Wochen vor dem Angriff auf Dablo wurde eine protestantische Kirche angegriffen und auch dort wurden sechs Menschen getötet, darunter der Pastor.

Jetzt herrscht im ganzen Land Angst. Der Angriff auf die Pfarre Dablo war der erste auf eine katholische Kirche und hat die Angst der Christinnen und Christen noch verstärkt. In einigen Gebieten fürchten sich die Menschen auch vor dem Militär, weil Dschihadisten manchmal in den gleichen Uniformen auftreten. Seit Beginn der Angriffe Anfang des Jahres sind Tausende Menschen geflüchtet. Einige Dörfer sind menschenleer, Flüchtlingscamps und andere Gegenden sind überfüllt. Lehrende sowie Schülerinnen und Schüler werden von den Dschihadisten als Feinde gesehen.

Das liegt daran, dass die Schulen nach europäischem Vorbild funktionieren und weder Arabisch noch der Islam unterrichtet werden. Mehrere Schulen wurden niedergebrannt und Lehrerinnen und Lehrer getötet. Viele Schulen in Hochrisikogebieten wurden seither geschlossen. Auch Pfarren mussten geschlossen werden, da die Gläubigen in andere Teile des Landes geflüchtet sind. In einigen Gemeinden wurden Wachen organisiert, die die Menschen warnen, wenn sich zu den Gebetszeiten Motorräder nähern.

Abbé Lambert Sawadogo

Abbé Lambert Sawadogo

wurde am 18. September 1971 in der Stadt Kaya, der Hauptstadt der Region Centre-Nord, geboren. Im Jahr 2000 wurde er zum Priester geweiht. Derzeit ist er für die Administration der Diözese Kaya zuständig, in der es seit Jahresbeginn regelmäßig zu Angriffen verschiedener islamistischer Gruppen kommt. Er sorgt sich um die Menschen, die in Angst vor neuen Angriffen leben und um die Priester seiner Diözese, die in Hochrisikogebieten arbeiten. 

Zeichen des Mutes

Am Sonntag nach der Tragödie versammelte sich die ganze Gemeinde von Dablo in der Kirche. Es gab keine Messe, weil der Priester aus Sicherheitsgründen abwesend war, aber die Menschen versammelten sich und beteten. Das ist ein Zeichen des Mutes und dafür, dass die Angst nicht den ganzen Raum eingenommen hat!

Die katholische Kirche in Burkina Faso war schon immer wie eine Mutter, die das Wohl ihrer Kinder will. Für dieses Wohl setzt sie sich im Bildungsbereich ein und engagiert sich für die Entwicklung des Menschen, für Gerechtigkeit und Frieden. Die Kirche respektiert andere und wird respektiert. Trotz der aktuellen Situation nimmt sie ihre Rolle als Mutter, als Friedensstifterin und als Gewissen wahr. Ihre stärkste Waffe ist das Gebet. So wird eine Feier in allen Kirchen des Landes mit Friedensgebeten für Burkina Faso und die ganze Welt beendet.

Die Kirche verfügt nicht über die Möglichkeiten des Staates, aber sie ist eine Stimme, die beruhigt, die die verwundeten Herzen erreicht, die Vertriebene unterstützt, und menschliche Nähe, Solidarität und Brüderlichkeit bringt.  Die Kirche hat keine Armee, aber eine Botschaft: Angesichts der Gewalt haben wir nur eine Antwort zu geben, diejenige, die unser Lehrer uns gelehrt hat und die von unserem Glauben inspiriert ist: Vertrauen in Gott, Vergebung und selbstlose Liebe. Liebe deine Feinde! Tut denen Gutes, die euch hassen, fordert Jesus (Lk 6,27). Diese Botschaft haben die Bischöfe am Ende ihrer Vollversammlung am 20. Mai dieses Jahres den Menschen verkündet. 

„Die Kirche hat keine Armee, aber eine Botschaft: Angesichts der Gewalt haben wir nur eine Antwort zu geben, diejenige, die unser Lehrer uns gelehrt hat und die von unserem Glauben inspiriert ist: Vertrauen in Gott, Vergebung und selbstlose Liebe. Liebe deine Feinde! Tut denen Gutes, die euch hassen, fordert Jesus.“

Abbé Lambert Sawadogo

Mitglieder derselben Familie

Es besteht kein Zweifel, dass sich jeder von uns eine friedlichere und strahlende Zukunft wünscht. Der Name unseres geliebten Landes soll nicht gleichbedeutend sein mit Tötungen, Geiselnahmen und Angriffen auf Gebetsstätten. Es soll eine Oase des Friedens sein. Böswillige Personen sind in unsere friedliche Bevölkerung eingedrungen, um Zwietracht zu säen. Möge der Frieden wiederhergestellt und das legendäre Zusammenleben der verschiedenen ethnischen Gruppen wiederbelebt werden.

Durch ihre Angriffe auf Gotteshäuser und die Morde an religiösen Führern wollen die Dschihadisten den interreligiösen Dialog schwächen. Die religiösen Führer müssen diese Handlungen, die nicht mit der wahren Religion, nämlich der der Liebe, vereinbar sind, entschlossen verurteilen. Wir praktizieren unterschiedliche Religionen, sind aber alle Mitglieder derselben Familie.

Ohne Frieden ist keine Entwicklung, kein Glück möglich. Wir beten daher, dass Gott uns den wahren Frieden gibt und die Herzen der Verfolger seiner Kinder bekehrt. Abschließend möchte ich all jenen, die gestorben sind, meine Anerkennung aussprechen. Mögen ihre Leiden und Opfer wahren Frieden für Burkina Faso bringen!