Offene Zukunft und viele Herausforderungen

Die Loslösung der ukrainisch-orthodoxen Kirche von Moskau hat die orthodoxe Kirche in Russland in eine schwere Krise gestürzt. Der Streit hat den gesamten ökumenischen Dialog schwer belastet. Doch wie geht es eigentlich den Katholiken in Russland?

Wenn wir einen Blick nach Russland werfen, dann brauchen wir eine komplett andere Sichtweise. Denn während die katholische Kirche bei uns in Österreich mit knapp 5 Millionen Mitgliedern die mit Abstand stärkste Religionsgemeinschaft ist, ist sie in Russland eine der kleinsten. Sie hat nur etwa 800.000 Mitglieder bei insgesamt 144 Millionen Einwohnern. Doch man darf nicht den falschen Eindruck bekommen, dass die Russen nicht gläubig wären: 70 Prozent der Bevölkerung bezeichnet sich als christlichorthodox. Seit dem Zerfall der Sowjetunion in den 1990er Jahren wächst das Selbstverständnis, dass zur russischen Identität das orthodoxe Christentum gehört. In den vergangenen 30 Jahren wurden 30.000 neue Kirchenstandorte eröffnet. Und das in einem Land, in dem das Christentum beinahe komplett verschwunden war.

Zu Zeiten Stalins wurde Russland weitestgehend entchristianisiert. Kirchen wurden geschlossen oder gesprengt. Priester, Ordensleute und Gläubige wurden verfolgt, verhaftet oder getötet. Wo es ging, verschwand die Kirche in den Untergrund.

Bischof Clemens Pickel

„Ich will mir Mühe geben, dass der Glaube nicht ausstirbt. Ist es doch ein großes Geschenk, glauben zu dürfen. Dafür lohnt es sich, hier zu leben.“

Bischof Clemens Pickel

Gottesdienste wurden heimlich gehalten, Großmütter tauften ihre Enkelkinder im Geheimen und Messtexte wurden zwischen Telefonnummern in Notizbücher geschrieben. Trotzdem lebten und starben die meisten Menschen über Jahrzehnte hinweg komplett ohne Glauben. „70 Jahre lang gab es keine Priester. Das sind drei Generationen, die ohne Sakramente aufgewachsen sind“, sagt der Vor sitzende der russischen Bischofskonferenz, Bischof Clemens Pickel, zu „allewelt“. Der Deutsche leitet eine von vier katholischen Diözesen in Russland, deren Fläche 16 mal so groß ist wie Österreich. Oft liegen 500 Kilometer zwischen den einzelnen Pfarren: „Die Seelsorge konzentriert sich hauptsächlich auf die Orte, in denen Priester leben. Trotzdem sind die Seelsorger häufig 50.000 Kilometer im Jahr unterwegs.“ Dennoch blickt der Bischof mit Zuversicht in die Zukunft und berichtet von lebendigen christlichen Gemeinden in seiner Diözese, in denen „Ordensleute und Laien den Priestern aktiv helfen“

„Ich erlebe auf meinen Pastoralreisen viele frohe und dankbare Katholiken jeden Alters in den Pfarrgemeinden. Ich will mir Mühe geben, dass der Glaube nicht ausstirbt. Ist es doch ein großes Geschenk, glauben zu dürfen. Dafür lohnt es sich, hier zu leben.“

Pickel

Bischof Pickel ist ein großer Befürworter der Ökumene. Er betet aktiv für die Einheit aller Christen, denn „wir sind kein Konkurrenzunternehmen. Die Säkularisierung boomt in Russland, nicht das Christentum. Leider.“

Unsere Zahl

Unsere Zahl bezieht sich auf die Christen auf dieser Welt, die ihren Glauben nicht frei ausüben können.

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MILLIONEN CHRISTEN LEBEN IN LÄNDERN MIT RELIGIÖSER VERFOLGUNG

Ein Leben wie in Europa, wo man seinen Glauben weitgehend frei ausüben kann, ist nicht selbstverständlich. Laut einer Studie
von „Kirche in Not“ leben 61 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, in denen Religionsfreiheit nicht respektiert wird. In reelle Zahlen umgemünzt gehen die Autoren davon aus, dass etwa 327 Millionen Christen in Ländern mit religiöser Verfolgung leben und nochmals 178 Millionen in Ländern, in denen es zu Diskriminierungen kommt. Für den Bericht wurde die Situation in 196 Ländern unter die Lupe genommen. Das schockierende Ergebnis: In 38 Ländern ist die Situation besonders prekär. Dazu gehören Indien, China, der Iran  und die Türkei. Verbesserungen gab es im Irak und in Syrien.
Für die Verletzung der Religionsfreiheit nehmen die Studienautoren drei Hauptgründe an: den islamischen Radikalismus, autoritäre Staaten und den extremen Nationalismus, der immer mehr zunimmt.