COVID-19, Konflikte und Hunger

Das UN World Food Programme (WFP) warnt als weltweit größte Organisation gegen den Welthunger und als Träger des Friedensnobelpreises 2020 davor, dass die Corona-Pandemie zu einer Hungerpandemie werden könnte. Die größte Hürde im Kampf gegen den Hunger: Konflikte.

von HEIKO KNOCH

allewelt Jänner/Februar 2021

Stellen Sie sich vor, dass Sie im Supermarkt für die Zutaten eines einfachen Essens das Vielfache Ihres täglichen Verdienstes bezahlen müssten. So sieht das Leben der 690 Millionen chronisch Hungernden weltweit aus. Ein neuer WFP-Bericht zeigt, dass in vielen Ländern eine einfache Mahlzeit – etwa Reis mit Bohnen – im Vergleich zum Einkommen unerschwinglich ist. Im konfliktgebeutelten Südsudan kosten die Zutaten einer einzigen Mahlzeit erschütternde 186 Prozent des Tageseinkommens. Umgelegt auf Österreich würde ein Eintopf also 210 Euro kosten.

Dabei ist der Welthunger lange gesunken. Doch in den letzten Jahren steigt er wieder. Schuld daran sind vor allem Konflikte und Kriege, Klimawandel und aktuell die Folgen von COVID-19. Die Auswirkungen des Klimawandels bedeuten für Millionen Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika häufigere und stärkere Überschwemmungen, Dürren und Stürme. Sie machen mittlerweile bis zu 90 Prozent aller Naturkatastrophen aus und können sich schnell zu massiven Ernährungskrisen entfalten.

Heiko Knoch

HEIKO KNOCH

ist seit August 2017 Leiter des WFP-Büros in Berlin. Dort war er bereits seit 2013 für die Geberbeziehungen mit den Regierungen Deutschlands, Österreichs und Liechtensteins verantwortlich. Der studierte Agrarökonom ist seit 2000 in verschiedenen Positionen für WFP im Einsatz, unter anderem im Länderbüro Irak und im Regionalbüro für Ost- und Zentralafrika in Uganda. Von 2007-2013 war er Leiter der NGO-Unit in der WFP- Zentrale in Rom. Seine Stellvertreterin ist Sigrid Müller.

Hunger und Konflikt

Bei weitem die stärkste Triebfeder hinter dem Hunger bleiben jedoch Konflikte. Mehr als 400 Millionen Menschen – rund 60 Prozent der heute Hungernden – leben in Konfliktländern. Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Nigeria, Jemen, Somalia, der Südsudan oder Syrien sind nur einige Beispiele. In acht von zehn der schlimmsten Hungerkrisen sind Konflikte eine der Hauptursachen des Hungers. Etwa zwei Drittel seiner lebensrettenden Ernährungshilfe muss WFP mittlerweile für Menschen in Konfliktgebieten leisten. Gleichzeitig ist klar, dass Hunger Konflikte verschärfen kann. Nahrungsmittelknappheit vertieft bestehende Verwerfungslinien. Dies ist insbesondere dort der Fall, wo bereits Armut und Ungleichheit herrschen. Nicht nur Konflikte führen also zu Hunger, auch Hunger kann zu Konflikten führen.

Friedensnobelpreis 2020

Um Aufmerksamkeit auf diesen Zusammenhang zwischen Hunger und Konflikt zu lenken, hat das norwegische Nobelkomitee den Friedensnobelpreis 2020 an WFP verliehen. WFP erhielt die Auszeichnung für seine Hilfe gegen den Hunger, seinen Beitrag zur Friedensförderung in Konfliktgebieten und seine Rolle als treibende Kraft gegen den Einsatz von Hunger als Kriegswaffe.

„Die Bereitstellung von Hilfe zur Erhöhung der Ernährungssicherheit bekämpft nicht nur Hunger, sondern kann auch dazu beitragen, Stabilität und Frieden zu fördern. WFP nimmt durch seine wegweisenden Programme eine Vorreiterrolle bei der Verbindung von humanitärer Hilfe mit Friedensförderung ein“, heißt es dazu in einer Stellungnahme des Nobelkomitees. Dabei erhält WFP den Preis zu einem kritischen Zeitpunkt einer weltweiten Pandemie.

„Die Weltgemeinschaft darf nicht warten, bis es zu spät ist, „während der Hunger tötet, Spannungen in den Gemeinden anheizt, Konflikte und Instabilität schürt und Familien aus ihrem Zuhause vertreibt.“

David Beasley, WFP-Exekutivdirektor

Hunger und COVID-19

Wie aktuell in Österreich steigen außerdem weltweit die COVID-19-Infektionen rasant an. Bedürftige in Ländern des Globalen Südens werden oft nicht durch Sicherheitsnetze aufgefangen. Viele sind für ihr tägliches Brot auf ihren Tageslohn oder Rücküberweisungen von Verwandten und Freunden aus dem Ausland angewiesen. In Zeiten der Lockdowns versiegen beide. Das könnte dazu führen, dass sich der extreme Hunger verdoppelt. Weil COVID-19 Lebensgrundlagen und Einkommensmöglichkeiten zerstört und bestehende Not verschärft, könnten bis Jahresende 270 Millionen Menschen weltweit akut Hunger leiden, wenn sie keine Hilfe erhalten – 80 Prozent mehr als vor der Pandemie. Die Corona-Pandemie droht zu einer Hungerpandemie zu werden.

Beispiel Burkina Faso

COVID-19 darf dabei nicht getrennt von Konflikten gesehen werden. Das beste Beispiel dafür ist Burkina Faso, ein Fokusland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, wo Konflikte, Vertreibung und Hunger auf ein extrem schwaches Gesundheitssystem treffen.

Konflikte, Wetterextreme wie Dürren und Überflutungen und die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen von COVID-19 drücken das Land im zentralen Sahel an den Abgrund. Es verzeichnet den größten Anstieg des akuten Hungers weltweit: Dieser hat sich gegenüber 2019 fast verdreifacht. Durch Gewaltausbrüche und Unsicherheit verlieren Betroffene immer häufiger ihr Zuhause und damit oft ihre Lebensgrundlage. Burkina Faso ist Schauplatz des weltweit schnellsten Anstiegs der Vertreibung – mit aktuell mehr als einer Million Binnenvertriebenen.

Vier Hungersnöte müssen abgewendet werden

Burkina Faso ist eines der vier Länder, in denen neuesten Daten zufolge einige Gebiete sogar bald in eine Hungersnot abrutschen könnten: Neben dem Land in der westafrikanischen Sahelzone, sind auch der Nordosten Nigerias, der Südsudan und der Jemen bedroht. Was alle Länder eint, sind weitverbreitete Konflikte.

Dabei können Hungersnöte durch frühzeitige Hilfe, ausreichende Finanzierung, Zugang zu Menschen in Not und die Stärkung ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Hungerursachen verhindert werden. 2017 gelang das zuletzt im Nordosten Nigerias, in Somalia, im Südsudan und im Jemen. Das können wir wieder schaffen! Dazu muss jedoch dringend Hilfe geleistet und Finanzierung bereitgestellt werden. Die Weltgemeinschaft darf nicht warten, bis es zu spät ist, „während der Hunger tötet, Spannungen in den Gemeinden anheizt, Konflikte und Instabilität schürt und Familien aus ihrem Zuhause vertreibt“, so WFP-Exekutivdirektor David Beasley im September vor dem UN-Sicherheitsrat.