Was wissen wir wirklich von der Welt?

Dem Journalismus gehen die Späher verloren. Übrig bleibt eine polarisiert-verzerrte Weltsicht. Der langjährige Reporter Christoph Lehermayr schreibt, warum gerade die „allewelt“ ein gutes Gegenrezept ist.

von CHRISTOPH LEHERMAYR

allewelt März/April 2021

Dieser Text beginnt gleich einmal mit einem Fehler. Eine Frage im Titel? Das ist ein No-Go im Journalismus. So habe ich es zumindest einmal gelernt. Journalisten haben Antworten zu liefern, Aussagen zu treffen, anstatt Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, ratloser zu machen in einer Welt, die ohnedies schon verwirrend genug ist.

Also habe ich lange versucht, solche Antworten zu finden, gerade was außenpolitische Entwicklungen anbelangt. Und tatsächlich, je mehr ich unterwegs war, also im Feld, wie es die US-Kollegen so schön nennen, desto mehr begann ich zu verstehen. Etwa am Tahrir-Platz in Kairo, wo vor zehn Jahren der „Arabische Frühling“ seinen Verlauf nahm und ich bald Zweifel an dessen gutem Ausgang hegte. Das ist natürlich keinen „seherischen Fähigkeiten“ geschuldet, sondern einfach der Tatsache, dass ich nicht nur am Platz war, als Kameras dort die aufgeschlossene Facebook-Jugend filmten, sondern auch hinging, um die weit größeren Aufmärsche der „Muslimbrüder“ zu verfolgen. Die gewannen dann wenig später die ersten freien Wahlen.

Dass dies auch Donald Trump vor vier Jahren in den USA tat, überraschte mich schon weniger, hatte ich doch zwei Tage vor der Wahl seine Gegnerin Hillary Clinton vor einer halbleeren Halle auftreten erlebt. Auch die meisten Trump-Wähler, die ich traf, entsprachen so gar nicht dem Bild, das medial von ihnen gezeichnet wurde. Wahrheit ist ein großes Wort und die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen, immer nur ein Ausschnitt von ihr. Mir würden zig weitere Erlebnisse einfallen, die zeigen, dass sich dieses Rausgehen auszahlt und die Erkenntnis schärft. Das, was bei den indigenen Völkern Amerikas, den „Indianern“, früher einmal die Späher waren, bleibt auch bei uns bitter nötig.

Christoph Lehermayr

CHRISTOPH LEHERMAYR

geboren 1979 in Steyr, studierte Politik, Publizistik und Slawistik in Wien und Prag. Von 2004 bis 2018 war er Redakteur des Wochenmagazins NEWS, wo er zuletzt das Auslandsressort leitete. Reportagen führten ihn an die Krisenherde der Welt – vom „Arabischen Frühling“ über die Krim bis zu den Flüchtlings-Hotspots. 2019 wurde er Teil des Investigativ-Teams bei der Rechercheplattform addendum.org. Christoph Lehermayr beschäftigte sich etwa mit Korruption und dem Mord am Journalisten Ján Kuciak. Mit Jänner 2021 begann er bei Missio Österreich, wo er die „allewelt“ weiterentwickeln soll.

Im Westen nichts Neues

Denn die Späher warnten nicht nur vor drohender Gefahr, nein, sie schilderten auch die Welt dort draußen, die oft ganz anders war als man sie sich im Dorf ausmalte. Und doch werden diese Späher rar. Das hängt viel mit dem Journalismus und seiner schwieriger gewordenen Finanzierung zusammen, Stichwort Gratiskultur im Netz. Dort ist Meinung weit billiger, braucht keinen, der auf Reisen geht und erzielt in unserer polarisierten Zeit weit mehr Klicks – und darauf kommt es an. Dass aber gerade diese maximal zugespitzt formulierte Meinung Debatten radikalisiert und ein gefälliges Schwarz-Weiß-Bild der Welt zeichnet, ist eine andere Geschichte.

Hinzu kommt, dass viele in unserer globalisierten Welt ohnedies glauben, keine Späher mehr zu brauchen. Ein Knopfdruck, ein Klick, ein Tweet, ein Facebook-Post und ich hol‘ mir die Welt selbst auf die Couch. Ein trügerischer Irrglaube, der so viel ausspart und auf der Strecke bleiben lässt. Oder wie viel von den Orten, an die Sie dieses Magazin, die „allewelt“, führt, lesen Sie anderswo? Dort geht es meist nur um die eine Welt, die von Europa, Amerika, dem Westen eben. Ja, es ist die Welt, in der wir leben. Doch gerade die lässt sich erst begreifen, wenn man auch die andere kennt. Denn am Ende gibt es nur eine ganze – „allewelt“ eben.

„Auf diese Weise nährt man Desillusionierung und Hoffnungslosigkeit, und dies stärkt weder die Solidarität noch die Großzügigkeit.“

Papst Franziskus

Afrika „verkauft“ sich nicht

Aber Afrika, Asien, Armut und Elend, solche Themen „verkaufen“ sich nicht, heißt es in der Branche gern. Gleiches gelte auch für den Glauben, der medial ebenso zur Randspalte verkümmert ist. Ich bezweifle beides. „Die zunehmend globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu Geschwistern“, zitiert Papst Franziskus seinen Vorgänger Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“. Sie ist das weiseste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Medial debattierte man statt seinen Inhalten bezeichnenderweise lieber nur die Frage, ob sich das Kirchenoberhaupt nicht im Titel vergriff und die Schwestern vergaß.

Die „Diktatur verborgener Interessen“

Was sich in Wahrheit nicht „verkauft“, ist Ausweglosigkeit, eine Geschichte, die einen ratloser zurücklässt als man es zuvor war. „Auf diese Weise nährt man Desillusionierung und Hoffnungslosigkeit, und dies stärkt weder die Solidarität noch die Großzügigkeit“, schreibt Papst Franziskus, „so funktioniert die unsichtbare Diktatur der eigentlichen verborgenen Interessen, welche die Ressourcen beherrschen wie auch die Meinungsbildung und das Denken bestimmen.“

Die „allewelt“, für die ich fortan arbeiten darf, ist das Kontrastprogramm dazu. Sie führt zu verborgenen Geschichten, an Plätze fernab der vielen Kameras, sie dringt vor zu Menschen, die meist keine Stimme haben und schon gar keinen Instagram-Account. Ja, es sind die Armen und Ausgebeuteten, die Abgedrängten und Ausgestoßenen, um die es geht.

Man kann diese Menschen ausblenden, sie nicht vorkommen lassen, einfach so tun, als gäbe es sie nicht. Oder stattdessen die tieferen Gründe für ihre Lage darlegen und jene zeigen, die ihnen helfen, hinschauen, zuhören, sich für sie aufopfern und als Christinnen und Christen barmherzig handeln. Solche Menschen lindern Leid und geben Hoffnung, sie inspirieren und lassen einen selbst anders auf die eigene Welt blicken. Auch sie mögen nicht die Antworten auf alle Fragen unserer immer unübersichtlicher werdenden Welt besitzen. Aber sicher mehr als jene, die gerne vorgeben, sie zu haben.