Die Christen in Indien leben in täglicher Angst

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Christen in Indien leben in Angst

Weder die Regierung noch die Justiz schützen schützen die Christen in Indien Kandhamals, im Bundesstaat Odisha vor den gewaltbereiten Hindu-Fanatikern.

Der Journalist Stephan Baier und der Fotograf Andy Spyra besuchten im November 2016 die von Hindu-Fanatikernnbedrängten Christen im Bundesstaat Odisha in Indien. Sie erlebten Gläubige, die – vom Staat im Stich gelassen – ihre Hoffnung allein auf Gott setzen.

Kirche in Kandhamal

AUSGEGRENZT UND VERGESSEN

 In Odisha sind die Christen eine kleine, bedrängte Minderheit. Sie sind den Gewalttaten hinduistischer Fanatiker schutzlos ausgeliefert, weil sie nicht auf den Schutz der Justiz und der Behörden hoffen können. Auch die Medien nehmen vom Leid dieser Menschen kaum Notiz. Nur einige mutige Priester kümmern sich um die armen Christen in Kandhamal. Anders ist die Situation im Süden Indiens, in Kerala, weil dort sind die Christen viel zahlreicher. Und sie sind stolz auf ihre apostolische Tradition: Der Apostel Thomas soll im Jahr 52 nach Indien gekommen sein und 20 Jahre später starb er hier den Märtyrertod. Insgesamt leben knapp 20 Millionen Katholiken in den 168 Diözesen Indiens. Die Christen insgesamt stellen etwa 2,3 Prozent der Bevölkerung.

Christliche Minderheiten sind in Indien Opfer von Gewalt

Pittoresk liegt das Dorf Tiangia mitten im Dschungel, zwischen Seen und Reisfeldern. 170 katholische und 150 evangelische Familien leben in dieser zersiedelten Gemeinde mit 700 Hindu-Familien. Früher harmonisch, doch 2008 wurde das Dorf überfallen. Die Kirche wurde niedergebrannt, sieben Christen ermordet. „Auch die Verfolgung gehört zur Vorsehung, denn sie stärkt uns im Glauben“, sagt eine zierliche Frau, die mit dem Tod bedroht wurde, weil sie sich weigerte, zum Hinduismus überzutreten. Ihre Tochter trat ins Kloster ein. Weiters stammen sieben Priester und zehn Nonnen aus Tiangia. „Hier ist ein Hotspot der Berufungen“, sagt Pater Manoj strahlend und stolz.

Viele Christen im Kandhamal-Distrikt des Bundesstaates Odisha (früher Orissa) in Indien sind überzeugt:

“Die Gewalttäter werden von der Regierung nicht nur ermutigt, sondern auch bezahlt.”

Der radikale Hinduismus, der sich gegen religiöse Minderheiten wendet, hat in Indiens Politik derzeit das Sagen. Auch in der Justiz, wie dieser Fall zeigt: Der seit Jahrzehnten von radikalen Hinduisten geschürte Hass gegen Christen eskalierte zu blutiger Gewalt, als ein Hindu-Hassprediger, Swami Laxmanananda Saraswati, im August 2008 ermordet wurde. Obwohl sich die Naxaliten, maoistische Terroristen, zu der Bluttat bekannten, richteten sich die hinduistischen Racheakte gegen die Christen.

Verzweiflung über die aussichtslose Lage

Sieben arme christliche Männer wurden willkürlich verhaftet und sitzen seither für den Mord im Gefängnis. Ihre Frauen sind verzweifelt, wissen nicht, wie sie ihre Familien durchbringen sollen. Unter Tränen erzählt eine von ihnen, wie ihr Mann abgeführt wurde. Ihre Nachbarin, Mutter von fünf Kindern, weiß, dass auch Kirchenvertreter, die sich für ein ordentliches Gerichtsverfahren einsetzen, in Schwierigkeiten geraten. „Seit damals haben wir Angst vor allen Hindus“, schluchzt die Frau. Ob sie im Berufungsverfahren auf Gerechtigkeit zu hoffen wagt? „Nur Gott kann uns helfen!“, sagt sie.

Einen Anwalt können sich die Familien nicht leisten, deshalb kämpft für ihre Anliegen Dibakar Parichha, ein Priester der Diözese Bhubaneswar, der Jurist ist und als Rechtsanwalt am Hohen Gerichtshof zugelassen ist. Er und seine Mitstreiter in der „Citizen for Human Dignity & Developement Alliance“ (CHDDA) setzen sich für die Opfer von Gewalttaten ein und appellierten für die unschuldig Inhaftierten an die nächste Instanz. Parichha hat seit Beginn der Regierung von Narendra Modi mehr als 500 Übergriffe gegen Christen registriert. Dazu zählen vor allem „Re-Konversionen“, bei denen Christen gezwungen werden, ihre Bibel zu verbrennen, Kuhdung zu trinken und sich zum Hinduismus zu bekennen. „Die gewalttätigen Gruppen fühlen sich durch die Modi-Regierung ermutigt“, sagt der Priester. „Sie wissen, dass sie alles machen können, weil ihnen nichts passieren wird.“

Leben außerhalb des Kastensystems

Die CHDDA wird von Missio unterstützt und präsentiert eine erschütternde Statistik: 450 Dörfer sind von Hindu-Fanatikern angegriffen worden und dabei wurden 5.600 Häuser, 395 Gebetsstätten und 42 Schulen zerstört. 28.000 Christen leben bis heute in Flüchtlingslagern, weil sie nicht mehr in ihre Dörfer zurückkehren können. CHDDA bildet Dorfsprecher, Menschenrechtler und Rechtsberater aus, um die christliche Minderheit in ihren Rechten zu stärken. Doch die Christen in Kandhamal sind arm und ausgegrenzt: 55 Prozent gehören den Dalits an, den „Unberührbaren“ und die übrigen 45 Prozent den Adivasi, indigenen Stämmen – sie alle stehen außerhalb des Kastensystems, das Indien prägt.

Wenn Angehörige zu einer niedrigen Kasten gehören, werden sie deshalb vielfach nicht als gleichwertige Menschen betrachtet“, meint eine seiner Mitarbeiterinnen. Ein hinduistischer Menschenrechtsaktivist berichtet, dass er wird beschimpft und bedroht wird, weil er mit Christen zusammenarbeitet. Nur etwa fünf bis 15 Prozent der Hindus seien radikal: „Die Zahl der Gemäßigten ist viel größer, aber sie sind zersplittert, nicht geeint.“ Dass sich die Fanatiker seit Modis Amtsantritt sicherer fühlen, habe einen Grund: Modis Regierungspartei BJP sei eine „Nazi-Partei“,weil sie den säkularen Charakter Indiens abschaffen wolle.

„Die radikalen Hindus fühlen sich von der Modi-Regierung unterstützt.“

Dibakar Parichha, Priester der Diözese Bhubaneswar
Shibani Behera

„Auch jetzt werden christliche Frauen und Mädchen vergewaltigt.“

Shibani Behera, Lehrerin

Wer verhilft ihnen zu ihrem Recht? Frauen, deren unschuldige Männer willkürlich inhaftiert wurden; Familien, die in ständiger Angst vor neuen Überfällen fanatischer Hindugruppen leben und ein Priester, der die Wehrlosen vor Gericht vertritt.

Indien solle zum reinen Hindu-Staat werden, so der Aktivist, der selbst Hindu ist. Pater Ajaya kann das belegen: In Odisha habe es seit 1967 ein Gesetz gegen Konversionen gegeben, „aber 40 Jahre lang gab es nicht eine einzige Verurteilung aufgrund dieses Gesetzes – bis 2008“. Jetzt richte es sich gegen die christliche Mission, weil die hinter der Regierungspartei stehenden Ideologen glauben, dass die christliche Mission den Charakter Indiens zerstöre. Die indigenen Adivasi dagegen seien den Missionaren dankbar, „denn erst die Christen ermöglichten ihnen den Zugang zu Bildung“.

Die Christen in Kandhamal leben in Angst

Begonnen hat ihr Leidensweg am Heiligen Abend des Jahres 2007. Mit Äxten und Gewehren stürmten Hindu-Fanatiker die Dorfkirche, zündeten Häuser an und blockierten die Straßen mit gefällten Bäumen. „Wir waren gerade in der Weihnachtsliturgie. Voll Angst rannten wir davon, und sie zerstörten unsere Kirche“, erzählt Kamal Kumaldinal aus Barakhama, einem christlich geprägten Dorf in Kandhamal. “Dann sind Polizisten gekommen und haben den Mob noch ermutigt. 500 Wohnhäuser wurden geplündert und verwüstet, eine alte Frau kam zu Tode und deshalb mussten die Dorfbewohner drei Tage ohne Essen im Dschungel verbringen, bevor sie sich zurück ins Dorf wagten” erzählt Kamal weiter. Die größten Ausschreitungen sind vorüber, aber die Rechtlosigkeit bleibt. Und die Angst auch: „Sie können uns jederzeit attackieren. Aber wir sind bereit, unser Leben für Christus zu geben!“

“Zwei Mal hat man unser Dorf attackiert” erzählt ein Mann im „St. Pauls Minor Seminary“. Ein Hindu-Fanatiker sei von einem herabfallenden Kreuz erschlagen worden, als er gerade die Kirche abfackelte. Daraufhin beschuldigten die Behörden die Christen, den Mann getötet zu haben und einige von ihnen wurden dabei eingesperrt. „Wir verloren unsere Häuser und alles Eigentum. Viele Kinder gehen aus Angst nicht zur Schule“, klagt er. „Wir kämpfen ums Überleben!“ Der Dorfsprecher macht aus seiner Verzweiflung keinen Hehl: „Diesmal haben sie unsere Häuser zerstört. Die können wir wieder aufbauen. Nächstes Mal werden sie uns töten.“ Die Attacken zwischen Dezember 2007 und August 2008 kosteten mehr als hundert Christen in der Region das Leben.

Der friedliche Schein trügt

Ähnliche Gewalttaten sind derzeit nicht wahrnehmbar, doch der friedliche Schein trügt: „Wenn wirklich Frieden wäre, müsste keiner von uns in Angst leben, jedoch das ist nicht der Fall.“ Immer wieder kommt es zu Übergriffen: Da werden christliche Frauen im Wald vergewaltigt, da werden Dorfbewohner zur „Rückkehr“ zum Hinduismus gezwungen, da werden Einzelne angegriffen und misshandelt. Deshalb nimmt sich die Lehrerin Shibani Behera der Vergewaltigungsopfer an. „Ein Hauptziel der Attacken war, Frauen und Mädchen zu vergewaltigen und damit zu entwürdigen“, sagt sie.

Über holprige Straßen geht es weiter durchs satte Grün der Kandhamal-Region. Die Kirche von Gunjibadi, einem kleinen katholischen Dorf, wurde 2008 niedergebrannt. Deshalb haben sich vertriebene Christen mehrerer Konfessionen ein paar Kilometer weiter eine Siedlung gebaut. Keine geteerte Straße führt hierher. „Verheißenes Land“ nennen sie ihre Siedlung ganz biblisch, doch die meisten wollen zurückkehren in ihre Dörfer. In ihrer „Union Church“ feiern Baptisten, Protestanten und Katholiken ihre Gottesdienste. Hier erzählt Ludiadigal, was sie 2008 erlebte: Ihr Mann, ein Pastor, war bei Bekannten, als 500 Hindu-Fanatiker den Ort stürmten und die Häuser niederbrannten. Als sie ihren Mann fanden, töteten sie ihn mit Äxten und Messern und den Leichnam zündeten sie an. Viele Witwen hätten nicht einmal die Leiche ihres Mannes bekommen. Sie weiß:„Niemand hilft uns. Nur in Gott ist unsere Stärke.“

2018-10-02T17:41:55+00:00