Theorie und Praxis vereint

Seit 1949 hat die Kommunistische Partei Chinas den riesigen Staat fest in ihrer Hand. Religionsgemeinschaften, besonders christliche, werden unterdrückt und sogar verfolgt. Pater Aloisius Gutheinz kennt die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte aus eigener Hand und setzt sich für die Menschen ein, die keinen Platz in der Gesellschaft haben.

Interview von KATHARINA BREINER

allewelt November/Dezember 2019

„Luis, du gehst nach China!“ Diesen Satz höre er heute noch genau so, wie vor 67 Jahren, sagt der gebürtige Tiroler. Dass es den Aufbruch in eine zweite Heimat bedeute, wusste er damals noch nicht. Mittlerweile lebt Pater Luis (wie er sich selber nennt) seit beinahe 60 Jahren in Taiwan. Neben seiner Lehrtätigkeit an der Katholischen Fu Jen-Universität in Taipeh, kümmert sich der Jesuitenpater um Leprakranke, auch am Festland China.

| Pater Luis, Sie sind jetzt schon so lange in Ostasien. Welche Veränderungen haben Sie in den vergangenen Jahrzehnten erlebt?

Zuerst muss ich da die gesamte industrielle Entwicklung nennen. Das ist etwas, das in Europa vielleicht nicht so spürbar, in Taiwan und auch auf dem Festland China aber ein riesiger Entwicklungsschritt war. Wie wir heute sehen, hat das natürlich vor allem wirtschaftlich enorm viel verändert. Erst letzten Monat habe ich wieder festgestellt, wie gewaltig dieser Wirtschaftsaufschwung in China ist: Auf den großen, breiten Straßen fahren moderne Elektromopeds, die Stadtbilder sind geprägt von Neubauten egal, ob im Norden oder im Süden des Landes. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, bei fast 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern braucht es neue Wohn- und Arbeitsflächen.

Eine zweite große Sache ist die politische Öffnung des Landes. Als ich 1961 nach Taiwan kam, war es Ausländern strengstens verboten auf das chinesische Festland zu reisen. Ich durfte nur in die Städte Guangzhou, Peking und Shanghai. Mittlerweile ist das anders. Mit meinem taiwanesischen Pass kann ich ohne große Problem einreisen. Allerdings sage ich nicht: Ich bin Priester oder Jesuit, sondern Sozialarbeiter oder Tourist. Die geheime Staatspolizei weiß ohnehin, dass ich katholischer Priester bin und verfolgt alle meine Schritte.

| Die katholische Kirche in China ist gespalten in die papsttreue Untergrundkirche und in die regierungstreue Seite. Wie sehen Sie das Abkommen zwischen der chinesischen Regierung und dem Vatikan (September 2018)?

Dieses provisorische Abkommen wurde, wie ich kürzlich erfahren habe, nie öffentlich in China kommuniziert. Es ist wichtig zu betonen, dass es in der Vereinbarung nicht um das ganze kirchliche Leben der chinesischen Katholiken geht, sondern rein um die Ernennung der Bischöfe. Ich sehe das Ganze als einen Schritt in die richtige Richtung. Allerdings braucht es von chinesischer Seite mehr Respekt für rein religiöse Aktivitäten, sonst kann sich nichts verändern. Leider möchte der Präsident Chinas, Xi Jinping, zurzeit die ganze chinesische katholische Kirche total unabhängig machen von der großen Weltkirche. Außerdem sagen aktuelle Berichte, dass die Verfolgung von Christen in einzelnen Gebieten Chinas weitergeht. Da hat sich noch nichts zum Positiven geändert.

| Sie sagen, dass es nach wie vor Christenverfolgung gibt. Wie sieht das Leben der Katholikinnen und Katholiken in China jetzt wirklich aus?

Ich spreche aus der Perspektive eines Ausländers und wie schon gesagt, erhalte ich als Missionar keine Einreiseerlaubnis. Es geht nur unter dem Deckmantel der Sozialarbeit oder als Besucher von Freunden, also als Tourist. Dann hängt es tatsächlich stark von der lokalen katholischen Gemeinde ab. Je nachdem wie gut sie mit den Regierungsbehörden zurechtkommt, hat man mehr oder weniger Freiraum. So lange ich mich zurückhalte, bleiben auch die Behörden ruhig. Im Gespräch mit verschiedenen Bischöfen ist mir die Wichtigkeit dieser Regionalität aufgefallen: „Das, was in Peking passiert, ist für uns weit weg. Es betrifft uns kaum.“

| Das Abkommen zwischen dem Vatikan und der chinesischen Regierung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wie sehen Sie die Zukunft Chinas?

Das chinesische Volk hat eine gesunde Lebenseinstellung und will nach dem Urbedürfnis der menschlichen Natur seinen Freiraum. Gegen diese menschliche Kraft kann keine politische Kraft auf lange Zeit ankämpfen. Wir als katholische Kirche müssen die Menschen dabei unterstützen, diesen Weg der Freiheit zu gehen, ihnen eine gute Wertordnung mitgeben. Ich darf auch Früchte unseres Einsatzes sehen. Die chinesische Regierung hat in den letzten Jahren viel investiert, um unsere Lepra-Dörfer zu modernisieren und den Betroffenen mehr Rechte zu geben. Das stimmt mich zuversichtlich.

Pater Alosius Gutheinz