Rassismus ist eine Haltung

Hunderttausende protestierten in den USA und auf der ganzen Welt nach dem Mord an den US-Amerikaner George Floyd. Doch auch in Europa ist Rassismus in den Köpfen der Menschen verbreitet, sagt Seelsorger Chika Uzor. Durch die Bewegung #BlackLivesMatter erhofft er sich Veränderung.

INES SCHABERGER führte das Gespräch mit Chika Uzor für den „Gott und d’Welt“ Podcast.

allewelt September/Oktober 2020

Mit seinen Worten zieht Chika Uzor seine Zuhörenden in den Bann. Er kann erzählen wie kaum ein anderer. Der Doktor der Theologie und Familienberater wurde im Osten von Nigeria geboren und war als Kind während des Biafra-Bürgerkriegs drei Jahre auf der Flucht. Mit einem Stipendium kam er nach Innsbruck zum Theologiestudium. „In meinem Bild von Europa kam Rassismus nicht vor“, erzählt er. Das änderte sich rasch, auch wenn er die Erfahrungen, die er seither persönlich mit Rassismus machen musste, „an einer Hand abzählen“ kann. Heute begleitet der 59-Jährige Flüchtlinge und Migranten als Seelsorger in St.Gallen (CH).

| Der gewaltsame Tod des US-Amerikaners George Floyd hat seine Welle der Entrüstung ausgelöst. Wie ging es Ihnen, als Sie davon hörten?

Es war entsetzlich. Als ich die Bilder sah, überkam mich ein Ohnmachtsgefühl. Was muss in einem Polizisten vorgehen, dass er mit so einem Hass und einer Kaltblütigkeit auf einen anderen Menschen zugeht und die Unterdrückung eines anderen braucht, um sich wohlzufühlen? Ist es etwa ein krankhaftes Minderwertigkeitsgefühl? Warum ist die braune Hautfarbe für rosarot-häutige Menschen so eine Bedrohung? Wir Menschen sind doch gleich. Wenn ich Blut spende, sieht man nicht, ob ich schwarz oder weiß bin.

| Es ist ja nicht das erste Mal, dass ein Schwarzer in Polizeigewahrsam starb …

Die Geschichte Europas und der USA mit der Sklaverei und der Kolonialzeit basiert vielfach auf rassistischem Gedankengut. „Roots“ von Alex Haley und der Film „Amistad“ erzählen vom grauenvollen transatlantischen Sklavenhandel und dem unbeugsamen Lebenswillen und trotzigen Stolz der afrikanischen Seele mitten in einer hasserfüllten Welt des weißen Amerikaners. Exzessive Polizeigewalt ist nur die Spitze des Eisbergs, ein Hinweis auf das Ausmaß von Angst, Unsicherheit und Hass in der Gesellschaft. Auch hier in Europa sterben Schwarze in Polizeigewahrsam ohne Konsequenzen für die Polizisten.

| Sie selbst sind vor 35 Jahren von Nigeria nach Europa gekommen. Mussten Sie Erfahrung mit Rassismus machen?

In Innsbruck fuhr ich einmal im Bus und die Dame neben mir verließ demonstrativ ihren Platz. Ich dachte: „Wenn sie ein Problem hat, neben einem Afrikaner zu sitzen und es vorzieht, zu stehen… Ich bin nicht gewillt, ihr Problem zu meinem zu machen.“ Das Collegium Canisianum der Jesuiten in der Universitätsstadt Innsbruck war sehr bekannt, da hatte ich nicht mit Vorurteilen zu kämpfen. Doch einmal stritt ich mit meinem Professor, als er zum Thema „Einstellungen und Einstellungsänderung“ Studien aus den USA zitierte und beim Vergleich Schwarzer und Weißer immer wieder „Neger“ sagte. Nach einigen Wochen und Diskussionen zu diesem Thema hat sich der Professor dann entschuldigt. Ich bin froh, dass diese Bilder, auch zum Beispiel die „Zehn kleinen Negerlein“ immer weniger tradiert werden.

Einmal berichtete die Zeitung darüber, dass ich ein Gipfelkreuz in der Innerschweiz eingeweiht hatte. Dass ein Afrikaner das macht, war Marcel Strebel von der rechtsradikalen Patriotischen Front ein Gräuel. Zehn bewaffnete Skinheads und er suchten nach mir in der Pfarrei. Als sie mich nicht fanden, zündeten sie ein Holzkreuz an und schlugen die Schaufenster in dem Restaurant ein, wo ich gerne zu Mittag aß. Ich war zum Glück nicht da.

| Heute begleiten Sie Flüchtlinge und Migranten als Seelsorger in St. Gallen. Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Struktureller Rassismus existiert nicht einfach auf dem Papier, sondern ist eine Haltung, die diese Menschen zum Beispiel bei der Wohnungs- und Arbeitssuche oder Polizeikontrolle zu spüren bekommen. Meine Arbeit richtet sich an Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, Religions- und Glaubenszugehörigkeit. Es geht darum, den Menschen das Ankommen in der Schweiz zu erleichtern, Brückenbauer zu finden, welche ihnen Türen zum Leben am neuen Ort öffnen, ihnen zu signalisieren: Wenn ihr Unterstützung braucht, ist die Kirche für euch da. Mit englischsprachigen Gottesdiensten versuchen wir ihnen etwa zu helfen, einen Ort zu finden, an dem die Seele auftanken kann. Diese Menschen verlieren vielleicht ihre Aufenthalts- oder Arbeitsbewilligung, aber ihren Glauben kann ihnen niemand nehmen. Sie finden vielleicht keine Wohnung, aber in einer Kirche haben sie immer Platz.

| Was gibt Ihnen Kraft für Ihre Aufgabe?

Die Erfahrung, dass Menschen Großes aus dem machen können, was man ihnen gibt. Das Gebet. Und die Tatsache, dass viele Menschen bereit sind, anderen zu helfen – mit ihrer Zeit, ihrem Wissen, ihrem Geld. Insbesondere zu erleben, dass viele Einheimische, trotz offenkundigem Rassismus und der darauf basierenden Diskriminierung in ihrem Umfeld, ein sehr gutes Herz haben und bewahren.

Chika Uzor