Wissen wachsen lassen

Im tropischen Burundi gedeihen unzählige Obst- und Gemüsearten, trotzdem leidet jedes zweite Kind an Mangelernährung. Mit Sonnenblumen, Sekt und Nudeln kämpft ein Priester gegen den Hunger. Neue Ideen sollen Familien helfen, sich in unsicheren Zeiten selbst zu helfen.

Text: Lena Hallwirth // Fotos: Simon Kupferschmied

allewelt Jänner/Februar 2020

Ächzend hievt sich der weiße Kleinbus den Weg hinauf. Immer wieder nimmt der Fahrer Anlauf, schafft es ein paar Meter weiter, dann graben sich die Räder wieder in die rötliche Erde und spritzen Schlamm ins Gebüsch. Mit einem Ruck schafft er es schließlich doch, die Fahrt kann mit ein paar zusätzlichen Kratzern im Lack weitergehen. Alexandrine Nkezinana zeigt sich unbeeindruckt. Gelassen sitzt sie in ihrem Sonntagskleid am Fenster und stützt sich am Vordersitz ab, um mit dem Kopf nicht an die Scheibe zu schlagen. Sie weiß, wie schwer es ist, in Burundi voranzukommen. Heute ist für sie deshalb ein besonderer Tag. Die Reise geht in die 150 Kilometer entfernte Provinz Kirundo, nahe der Grenze zu Ruanda. „Ich habe nicht oft die Möglichkeit, so weit weg zu reisen und bin sehr gespannt, was ich Neues erfahren werde“, sagt die 29-Jährige.

Illustrierte Weltkarte von Burundi

Hauptstadt: Gitega

Amtssprachen: Kirundi, Französisch, Englisch

Einwohner: 11,8 Mio. (Schätzung 2018)

Fläche: 27.834 km²

Währung: Burundi-Franc (BIF)

Religion: Katholiken (62%), Protestanten (5%), Muslime (10%), afrikanische Religionen (23%)

Kahle Hügel in den Tropen

Alexandrine lebt in Busoro, einem Dorf im Osten des zentralafrikanischen Landes. Zwischen bewaldeten Bergen – das Ergebnis eines Wiederaufforstungsprogramms – leben hier vor allem Kinder. Das ist nichts Ungewöhnliches in Burundi, wo auf etwa einem Drittel der Fläche Österreichs rund zwölf Millionen Menschen leben. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, kaum jemand wird älter als 65. In Busoro gibt es eine Kirche, ein Waisenhaus, eine Volksschule, einen kleinen Frisörladen und natürlich einen Platz zum Fußballspielen. Morgens vor der Schule holen die Kinder Wasser in gelben Kanistern von den beiden Entnahmestellen im Dorf. Viele von ihnen haben fünf und mehr Geschwister. Oft lebt ein Teil der Kinder bei den Großeltern oder anderen Verwandten. Am Markttag, wenn etwaige Überschüsse von den Feldern und aus den Gärten verkauft werden, kommen alle zusammen.

Doch viele Familien haben nichts, was sie verkaufen könnten. Ihre größte Sorge ist es, mit dem auszukommen, was sie für den Eigenbedarf ernten. Das wurde in den letzten Jahren immer schwieriger. Besonders hier, im Nordosten des tropischen Landes, fällt seit einigen Jahren zu wenig Regen. In anderen Monaten führen Überflutungen dazu, dass die ohnehin ausgelaugten Böden weitere Nährstoffe verlieren und weggeschwemmt werden. Die hohe Bevölkerungsdichte hat die Wälder gefährlich schrumpfen lassen. Wo früher dichte Regenwälder dafür sorgten, dass der Boden feucht und fruchtbar bleibt, fährt der weiße Kleinbus heute vorbei an Feldern, kahlen Hügeln und dichtem Gesträuch. Jahrzehnte eines immer wieder aufflammenden Bürgerkriegs zwischen Hutu und Tutsi haben hunderttausenden Menschen das Leben gekostet und die Wirtschaft des Landes zugrunde gerichtet. Bis heute ist die politische Lage alles andere als stabil. Die hohe Verschuldung, Misswirtschaft und Korruption verhindern dringend notwendige Investitionen, etwa in die Infrastruktur des Landes.

Porträt von Alexandrine Nkezinana

Ich habe nicht oft die Möglichkeit, so weit weg zu reisen und bin sehr gespannt, was ich Neues erfahren werde.”

Alexandrine Nkezinana

Der Sämann

Viele Straßen sind in einem desolaten Zustand, Post kommt oft nicht an und obwohl immer mehr Menschen ein Handy besitzen, gibt es in der „Schweiz Afrikas“, wie das bergige Burundi auch genannt wird, vielerorts keinen Internet- oder Handynetzempfang. Das macht es nicht nur für Menschen und Waren schwer, von A nach B zu kommen, auch Wissen verbreitet sich nur langsam. Doch gerade hier, wo sich über 90 Prozent der Menschen als Kleinbäuerinnen und Kleinbauern selbst versorgen, ist landwirtschaftliches Fachwissen überlebenswichtig. Hier setzt das Landwirtschaftszentrum Mutwenzi an, das von Abbé Gérard Ngendahayo geleitet wird. Strahlend steht der Priester mit dem graumelierten Haar und den Grübchen in den Wangen vor einem flachen Backsteingebäude und begrüßt Alexandrine und ihre Mitreisenden herzlich.

Zufrieden führt er über das Gelände seiner Schule, die erbaut wurde, als die Gewalt im Land im Jahr 1995 einen weiteren traurigen Höhepunkt erreichte. In einem großen Raum häufen sich die Reste der letzten Sonnenblumenernte. Alexandrine nimmt eine Handvoll Sonnenblumenkerne und betrachtet sie interessiert. Dann zeigt Abbé Gérard auf eine große blaue Maschine und erklärt, wie aus den Kernen Öl gewonnen wird. „In Busoro baut kaum jemand Sonnenblumen an“, erzählt Alexandrine. „Ich wusste nicht, dass man daraus Öl gewinnen kann – das möchte ich bei uns auch versuchen.“

Honig und Sonnenschein

Viele junge Menschen in Burundi haben kein eigenes Land und keine Zukunftsperspektive. Für sie hat Abbé Gérard in Mutwenzi einen eigenen Imkerei-Lehrgang eingerichtet. In zwei intensiven Monaten lernen sie für Bienenvölker zu sorgen, Bienenstöcke nach traditioneller Art aus natürlichen Materialien aus der Umgebung zu echten, moderne Bienenstöcke zu bauen und Honig zu ernten. Damit lässt sich gut Geld verdienen. Auch eine Werkstätte für kleine Fotovoltaik-Anlagen gibt es in Mutwenzi. „Heute brauchen alle ein Handy, aber sie haben keinen Strom, um es aufzuladen oder um Licht in ihren Häusern zu haben. Bei uns lernen sie, wie sie so eine Anlage selbst bauen“, erklärt Abbé Gérard.

Die Wissensträgerin

Schon einmal hat die zweifache Mutter neue Ideen in das kleine Busoro gebracht. Bei einem Besuch bei Verwandten in einer anderen Provinz lernte sie, Schwammerln zu züchten. Zurück im Dorf suchte sie nach Mitstreiterinnen und gründete mit fünf weiteren Frauen eine Kooperative. Mit Unterstützung der österreichischen Pfarre Dornbach, die mit Busoro über eine Pfarrpartnerschaft verbunden ist, konnte ein kleines Haus für die Schwammerl-Zucht gebaut werden. Im feuchten Halbdunkel ernten die Frauen nun bis zu 35 Kilogramm Pilze im Monat – ein beliebtes und nährstoffreiches Produkt mit hoher Gewinnspanne. Das Geld, das sie so verdienen, sparen die Frauen und geben sich gegenseitig kleine Kredite. „Mein Traum ist es, dass wir bald so viel Geld in der Kasse haben, dass wir Ziegen, Schweine und ein gemeinsames Stück Land kaufen können“, schildert Alexandrine enthusiastisch.

Auch ihren heutigen Besuch des Landwirtschaftszentrums hat die Pfarre Dornbach ermöglicht. Abbé Gérard führt in den nächsten Raum, wo er ein paar unscheinbare Nudeln in einem Plastiksackerl hochhält. Doch diese Nudeln haben es in sich: Dem Teig wurde Mehl aus Sorghumhirse beigemengt, das macht die Nudeln sehr nahrhaft. „Sorghumhirse ist sehr reich an Eiweiß, aber sie schmeckt ganz anders als etwa die Bohnen, die hier viel gegessen werden. Also haben wir nach Möglichkeiten gesucht, damit Sorghumhirse von den Menschen besser angenommen wird“, erklärt Abbé Gérard. Als Priester ist er im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute weit gereist und hat, genau wie Alexandrine, Wissen zurückgebracht und umgesetzt. Bei einem Besuch in Westafrika erzählte ihm ein Ingenieur, wie aus Ananas Sekt gemacht werden kann. Seither knallen im Landwirtschaftszentrum Mutwenzi die Korken.

Ananas wächst gut im tropischen Klima. Landwirtinnen und Landwirte können die Früchte nun nach Mutwenzi bringen und werden dafür über dem Marktpreis entlohnt. Im Zentrum werden sie zu Sekt verarbeitet und gewinnbringend verkauft – die Einnahmen kommen der Ausbildung junger Männer und Frauen zugute. Hunderte haben sich für den umfassenden Landwirtschafts-Lehrgang beworben, doch nur 29 konnten genommen werden. In den zwei Monaten, in denen sie im Zentrum leben, lernen sie, einen Kompost anzulegen, mit Viehmist zu düngen, den Boden mithilfe von Mischkultur fruchtbar zu halten und Tiere so zu füttern und zu pflegen, dass sie gesünder sind und mehr Milch geben. Auch Unternehmensführung und Familienplanung stehen auf dem Stundenplan.

Pfarre für Pfarre

„Unsere Pfarrpartnerschaft mit der Pfarre Dornbach in Wien hat das Leben unserer Pfarre hier in Burundi nachhaltig verändert“, schreibt Abbé Melchior Busabusa von der Pfarre Busoro. In vielen Gemeinden besteht der Wunsch, Menschen in Not nachhaltig zu helfen. Mit unserer langjährigen Erfahrung in der Projektarbeit unterstützt Missio Österreich Pfarren dabei, gemeinsam mit unseren kirchlichen Partnerinnen und Partnern vor Ort ein konkretes Projekt in Afrika, Asien oder Lateinamerika umzusetzen. Dabei geht es vor allem darum, voneinander zu lernen und in lebendigem Austausch mit der Partner-Pfarre zu stehen. Weitere Informationen: www.missio.at/pfarrpartnerschaften

Ein Versprechen

Anschließend kehren sie für drei Monate in ihre Dörfer zurück und versuchen, das neue Wissen praktisch umzusetzen. Mitarbeiter des Zentrums besuchen die Jungbauern und Jungbäuerinnen zu Hause, helfen bei Problemen und kontrollieren, ob sie ihr Versprechen halten. Denn wer in Mutwenzi ausgebildet wird, verpflichtet sich, sein Wissen an mindestens zehn Menschen weiterzugeben. Nach einem weiteren Monat im Zentrum werden die Absolventinnen und Absolventen für eineinhalb Jahre begleitet. Wer seine Landwirtschaft in dieser Zeit am meisten verbessert, bekommt einen Preis.

So wie Jean Marie Hicuberundi – für den ersten Platz erhielt er eine Kuh. „Früher haben meine Bananen kaum etwas gewogen, jetzt ist meine Ernte viel größer“, sagt er, während er voll Stolz durch seinen Bananenhain führt. Seine fünf Kinder haben genug zu essen und sind gesund. Auch ihre Schulsachen kann er sich jetzt problemlos leisten. Die Überschüsse reichen sogar, um seine Alma Mater, das Landwirtschaftszentrum Mutwenzi, finanziell zu unterstützen.

Mein Traum ist es, dass wir bald so viel Geld in der Kasse haben, dass wir Ziegen, Schweine und ein gemeinsames Stück Land kaufen können.”

Alexandrine Nkezinana

Von seinem Erfolg träumen viele Menschen in Busoro. Zurück im Dorf hört man schon von weitem ein dumpfes Schlagen. Mit Macheten hacken Alexandrine und andere Männer und Frauen abgeerntete Bananenpflanzen in kleine Stücke. Anschließend werden sie gemeinsam mit anderen landwirtschaftlichen Abfällen in tiefen Erdlöchern aufgeschichtet. Der Kompost, der hier entsteht und dem ganzen Dorf nützen soll, wird dafür sorgen, dass das neue Wissen bald saftige Früchte trägt.

Lena Hallwirth bei einem Interview

Besuch vor Ort

In den Bergen Burundis durfte Missio-Redakteurin Lena Hallwirth drei Tage lang in den Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner eines kleinen Dorfes eintauchen. Gemeinsam mit der jungen Landwirtin Alexandrine besuchte sie eine ganz besondere Landwirtschaftsschule.