Ein reiches armes Land

Das kleine afrikanische Land ist reich an Farben, Klängen und Naturschönheiten. Besonders reich ist es an Menschen, die sich trotz Jahrzehnten des Bürgerkriegs und andauernder Unsicherheit ihre Lebensfreude bewahren.

unterwegs mit LENA HALLWIRTH // Fotos: SIMON KUPFERSCHMIED

allewelt Jänner/Februar 2020

Medienarbeit mit Hindernissen

Etwas betreten sitzen wir vor dem Mann mit dem dicken Bauch und den glänzenden Lederschuhen, während er über sein Land schwadroniert. Es ist der Gouverneur einer burundischen Provinz, der in einem voluminösen Ledersessel vor uns thront. Und es ist unser dritter Besuch dieser Art innerhalb weniger Tage. Das Schema ist immer dasselbe: Reisen wir in eine neue Provinz, treffen wir zuallererst den Bischof. Mit ihm besuchen wir den jeweiligen Gouverneur oder die Gouverneurin. Der Bischof schildert unsere Reisepläne, die zuvor bereits schriftlich an das Gouvernement geschickt werden mussten. Ich gebe mich nicht als Journalistin zu erkennen. Dennoch wird uns der seit langem geplante Besuch eines Flüchtlingscamps verboten, aber auch einzelne Gassen einer Kleinstadt sind für uns tabu. Seit dem Putschversuch im Jahr 2015 gibt es kaum noch unabhängige Medien. Wer nicht positiv über die Regierung berichtet, gilt als Feind des Volkes. Viele Journalistinnen und Journalisten verließen das Land, das auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 159 von 180 steht.

Hauptstadt: Gitega

Einwohner: 11,8 Mio. (Schätzung 2018)

Fläche: 27.834 km²

Bevölkerung: Burundi ist eines der Länder mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Leben in Österreich 106 Menschen auf einem Quadratkilometer, so sind es in Burundi 399. Kirundi ist die Muttersprache der meisten Menschen im Land – eine Besonderheit, denn in vielen Staaten des Kontinents werden jeweils mehrere afrikanische Sprachen gesprochen.

Religion: Unter deutscher und belgischer Kolonialherrschaft etablierte sich das Christentum in Burundi. Heute bekennen sich Schätzungen zufolge zwischen 62 und über 85 Prozent der Menschen dazu. Evangelikale Freikirchen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit.

Hals- und Beinbruch!

Egal, ob es das Heu für die Tiere, eine Ladung Hühner oder ganze Baumstämme sind – in Burundi werden viele Waren mit dem Rad transportiert, es ist eines der wichtigsten Transportmittel. Dabei besteht das Land aus unzähligen Hügeln. Ein paar junge Männer zeigen die wohl waghalsigste Art der Fortbewegung in dieser Landschaft: Bergab treten sie in die Pedale, bergauf halten sie sich an einem der großen Sattelschlepper fest und lassen sich von den tonnenschweren Riesen, von denen viele in einem bedenklichen Zustand sind, hinaufziehen. Immer wieder fahren wir an Verkehrsunfällen vorbei.

Bier trinken mit dem Strohhalm

Das Gebräu in dem großen Plastikkübel vor mir sieht nicht aus, als wäre es genießbar, es sieht nicht einmal aus, als wäre es flüssig. Mit einem langen Strohhalm durchsteche ich die Kruste des bräunlichen Breis und sauge vorsichtig daran. Das traditionelle Bier wird in Burundi aus Bananen gemacht, die mit Wasser und Gras gemischt und anschließend zum Fermentieren im Boden eingegraben werden. Es wurde hier schon lange, bevor die Europäer ihre eigene Bierbrautechnik einführten, getrunken. Sein Erscheinungsbild ist gewöhnungsbedürftig, der Geschmack aber angenehm süß und fruchtig.

1996: In diesem Jahr gewann Burundi Gold

Nicht nur für den Mittel- und Langstreckenläufer Vénuste Niyongabo war es der erste olympische Wettkampf – es war das erste Mal überhaupt, dass Burundi an den Olympischen Sommerspielen teilnahm. Am 3. August siegte Niyongabo im 5.000-Meter-Lauf.

„Wo es Regeln gibt wie im Sport, dort herrscht Respekt, und wo man einander respektiert, dort gibt es Frieden.”

Vénuste Niyongabo

Tanzend durch den Sonntag

Vor der Kirche im Dorf Busoro hat sich eine lange Schlange gebildet. An ihrem Ende bereiten sich rund 50 Kinder in farbenfrohen Gewändern auf ihren großen Auftritt bei der heutigen Sonntagsmesse vor. Auf ihren Köpfen tragen sie bunte Stoffblumen, um die Fußgelenke klingeln kleine Schellen. Mehr als drei Stunden lang werden sie den Altarraum tanzend mit Leben füllen und die Kirche dabei mit unzähligen duftenden Blütenblättern schmücken. Es ist nur der Beginn der Feierlichkeiten anlässlich unseres Besuchs, die noch bis zum Sonnenuntergang dauern werden. Nach der langen Messe, die dank der unermüdlichen Tänzerinnen und Tänzer wie im Flug vergeht, ziehen hunderte Menschen in den Pfarrhof ein. Ein DJ und ein Moderator sorgen für gute Musik und noch bessere Laune.

Nachdem ein paar Gruppen vor einer Art Ehrentribüne uns Gäste und die anwesenden Kirchenoberen mit ihren Tanzkünsten begeistert haben, gibt es bald kein Halten mehr. Alte Menschen, Teenager, Frauen mit ihren Babys auf dem Rücken und kleine Kinder tanzen zusammen zu den basslastigen, modernen Klängen. Ihre Lebensfreude und ihre Begeisterung sind ansteckend. Da fordert mich eine Ordensfrau zum Tanzen auf und gemeinsam mischen wir uns in die bebende Menge. Dass Menschen aller Altersgruppen so ausgelassen miteinander tanzen und feiern, kenne ich aus Österreich nicht und vermisse es schon jetzt.

Lena Hallwirth beim Tanzen

Lena Hallwirth

In Burundi durfte die allewelt-Redakteurin ein Stück weit in den Alltag der Menschen des kleinen Dorfes Busoro eintauchen und hat sich dort sehr wohlgefühlt.