Ein Körnchen Glück

Für ein kleines bisschen Gold schuften Männer, Frauen und Kinder in Burkina Faso in hunderten selbst gegrabenen Goldminen. Um zu überleben, klettern sie in unterirdische Tunnel und riskieren dabei ihr Leben. Die großen Gewinne des Goldbooms erzielen andere.

Text: Lena Hallwirth // Fotos: Simon Kupferschmied

Die rötliche Erde ist aufgewühlt, als wäre ein Meteoritenschauer über den Flecken Land hier im Norden Burkina Fasos niedergegangen. Dutzende kleine Krater durchziehen die Landschaft. Gesteinsbrocken und Erdhaufen bilden den Kraterrand. Jeder unachtsame Schritt bedeutet Lebensgefahr, denn in der Mitte jedes Kraters befindet sich ein tiefes Loch. Plötzlich taucht ein staubbedecktes Gesicht aus der Dunkelheit auf. Geschickt klettert der 15-jährige Aboubacar aus dem schwarzen, scheinbar bodenlosen Schacht und setzt sich zu den anderen Arbeitern auf den Boden. Heute haben sie kein Glück.

Das Erdreich, das sie in großen Säcken mit ihren bloßen Händen aus bis zu 25 Metern Tiefe ziehen, enthält kaum Gold. Die Männer sind enttäuscht, aber die Saison hat gerade erst begonnen. Jetzt, da die kurze Regenzeit vorüber und die Ernte eingeholt ist, versuchen sie in den vielen kleinen Goldminen der Gegend ihr Glück. Eine andere Arbeit gibt es nicht. Um sich und ihre Familien zu versorgen, müssen sie bis zur Erschöpfung und darüber hinaus in dem selbst gegrabenen Tunnelsystem nahe ihrem Dorf Namisgma arbeiten. An manchen Tagen sind die engen Tunnel, die stickige Luft und die gefährliche Arbeit nur im Drogenrausch erträglich.

Dabei haben die meisten hier einen anderen Beruf – als Kleinbäuerinnen und -bauern versorgen sie sich selbst. Doch die wiederkehrenden Dürren der letzten Jahre haben das Land ausgetrocknet, der Wind hat den fruchtbaren Boden abgetragen. Die mächtige Sahara breitet sich aus und nimmt den Menschen der angrenzenden Sahelzone die Lebensgrundlage.

DAS GOLD VON BURKINA FASO

Der Goldabbau in Burkina Faso boomt: 45,5 Tonnen Gold wurden im Jahr 2017 laut Bergbauminister Idani Oumarou alleine in offiziellen Minen abgebaut. Im vergangenen Jahr sollen es sogar 55 Tonnen gewesen sein. Damit hat sich die Goldproduktion des westafrikanischen Landes in nur zehn Jahren verzehnfacht und Burkina Faso zum viertgrößten Goldproduzenten Afrikas gemacht. 88 Prozent des burkinischen Goldes werden in die Schweiz exportiert. Die Landbevölkerung sieht von den Profiten nichts. Im Gegenteil: Internationale Konzerne tun alles, um keine Steuern zahlen zu müssen. Zudem zerstören die großen Minen landwirtschaftliche Flächen – die Menschen, die hier wohnen, werden umgesiedelt. Arbeitsplätze werden für die schlecht ausgebildete Bevölkerung kaum geschaffen.

Schnelles Geld

Obwohl es in diesem Jahr nach Langem wieder geregnet hat, ist schon jetzt klar: Die Ernte reicht nicht aus, um alle Menschen der Gegend das ganze Jahr über satt zu machen. Gehen die Vorräte zur Neige, müssen die Familien ihre Tiere verkaufen, um etwas Geld für Lebensmittel zu haben. „Fünf Jahre lang bin ich zur Schule gegangen, aber dann hatten wir kein Geld mehr für die ganzen Schulsachen“, erzählt Aboubacar und kratzt Dreck von seinem T-Shirt mit dem berühmten burkinischen Pop-Star.

„Später hätte ich dann wieder hingehen sollen, aber ich wollte nicht“, sagt er. Seither arbeitet er in der Goldmine. Tag für Tag klettert er den engen Schacht hinunter, füllt die mitgebrachten Säcke mit Erde und bindet sie an ein Seil. Auf sein Zeichen befördert ein Kollege die Säcke zutage. Anschließend werden die kleinen Goldkörner aus der Erde gewaschen, zu kleinen Klumpen geschmolzen und am Markt der nächsten Stadt verkauft. An guten Tagen verdient Aboubacar weniger als umgerechnet drei Euro. „Die Arbeit ist sehr hart, aber ich will Geld verdienen, um Tiere und ein Moped kaufen zu können“, sagt der schmale Bub verlegen.

„Die Kinder stellen sich vor, dass man in den Goldminen schnell viel Geld verdienen kann – viel schneller als wenn sie in die Schule gehen würden“, erzählt Pater Charlemagne Sawadogo, der als Seelsorger für die in den Minen Arbeitenden da ist. Besonders die etwa 200 Kinder, die in den Goldminen um Namisgma arbeiten, liegen ihm am Herzen. „Bildung hält ein ganzes Leben lang, aber das Geld, das sie in den Minen verdienen, ist gleich wieder aufgebraucht und die Menschen bleiben arm“, so der Priester.

Regelmäßig fährt er mit seinem weißen Jeep über die staubige Straße nach Namisgma. In langen Gesprächen versucht er die Kinder und ihre Eltern von der Wichtigkeit einer guten Schulbildung zu überzeugen. „Es gibt kein Erfolgsrezept. Ich muss auf jede Person anders eingehen, sie kennenlernen und Vertrauen aufbauen. Ich fühle mit den Menschen mit. Sie leiden, aber sie sind nicht alleine mit ihrem Leid, ich bin bei ihnen. Dadurch hören sie auch auf mich, wenn ich ihnen einen Rat gebe.“

GOLDREICHTUM: FLUCH ODER SEGEN?

Viele rohstoffreiche Staaten bleiben dennoch arm. Sie leiden unter dem sogenannten „Rohstoff-Fluch“, wie es Wirtschaftswissenschaftler in den 1990er Jahren formulierten. Demnach führt ein Rohstoffboom dazu, dass sich die Währung verteuert und andere Wirtschaftszweige verkümmern. Burkina Faso ist vom Wert des Goldes auf dem Weltmarkt abhängig: Fällt der Goldpreis, fallen auch die Staatseinnahmen. Bisherige Versuche, die Goldindustrie zu besteuern, haben nichts gegen diese Abhängigkeit ausrichten können, folgern Forschende der burkinischen Universität Ouagadougou. Die Zukunft wird davon abhängen, ob die Erträge der Goldindustrie in die Bildung der Bevölkerung und den Aufbau anderer Wirtschaftszweige investiert werden.

Ein schleichender Tod

Salmata hat auf Pater Charlemagne gehört. Seit zwei Jahren geht die 17-Jährige wieder zur Schule. Die Kirche vor Ort übernimmt die Kosten dafür. Davor hat Salmata das Gold aus der zutage geförderten Erde gewaschen und Essen an die anderen Arbeiterinnen und Arbeiter der Mine verkauft. „Kinder sollten nicht in den Goldminen arbeiten, es ist kein guter Ort für sie. Man wird oft krank oder bekommt kranke Hände“, sagt das Mädchen.

Was Salmatas Hände krank gemacht hat, bringt vielen Goldwäscherinnen und -wäschern den Tod. Um die kleinen Goldkörnchen von der Erde zu trennen, wird dem Waschwasser Quecksilber beigemengt. Das flüssige Schwermetall verbindet sich mit den Goldpartikeln und sinkt auf den Boden der Plastikkübel, in denen das Gold gewaschen wird. Anschließend wird die Verbindung erhitzt, wobei das hochgiftige Quecksilber verdampft und reines Gold übrig bleibt.

Eigentlich ist diese Praxis verboten, denn langfristig können die giftigen Dämpfe zu Gliederschmerzen, Lähmungen, Angstzuständen, Psychosen und schließlich zum Tod führen. Kontrolliert werden die kleinen, inoffiziellen Minen aber kaum, berichtet Pater Charlemagne. Wer nicht weiß, was die nächste Woche bringt, für den ist die Zukunft weit weg. Das giftige Quecksilber tötet langsam, einen Atemschutz oder Handschuhe trägt hier niemand. Eine andere Gefahr lässt sich nicht so leicht verdrängen: Vor vier Jahren stürzte ein Teil des Tunnelsystems der Goldmine von Sirguin – etwas weiter im Landesinneren – ein. Zwei Männer starben unter den Erdmassen. Abgehalten hat das den heute elfjährigen Moussa nicht.

Etwa zur selben Zeit kletterte er zum ersten Mal in die Mine hinab. „Ich bin vielleicht jung, aber ich kann für meine Familie sorgen“, sagt der Bub mit trotzigem Stolz in der Stimme. Er leistet einen wichtigen Beitrag zum Einkommen seiner 14-köpfigen Familie. „Aber es gibt auch Tage, an denen wir nichts verdienen“, ergänzt Moussas Kollege. „Dann kostet das Benzin für den Transport der Erde mehr als das Gold in der Erde wert ist und wir müssen uns Geld leihen“, fährt er fort, während er einen langen Schlauch aus Plastikfolie am Eingang eines Schachts befestigt.

KINDERARBEIT IN INOFFIZIELLEN MINEN

Wie viele Kinder genau in den schätzungsweise über 700 selbst gegrabenen Goldminen Burkina Fasos arbeiten, weiß niemand. In den Minen, die nicht vom Staat kontrolliert werden, werden etwa 9,5 Tonnen Gold pro Jahr geschürft und über Nachbarländer wie Togo außer Landes gebracht. „Manchmal scheucht die Polizei die Kinder aus den Minen, aber die kommen natürlich wieder“, so Pater Charlemagne Sawadogo von der Diözese Ouhigouya. „Wenn die Familien nichts zu essen haben, dann müssen die Kinder in den Minen arbeiten.“ Die Polizei wisse, dass sie keine Alternative zu der gefährlichen Arbeit in den Minen anbieten könne. Deshalb drücke sie meist beide Augen zu, so der Seelsorger.

Aboubacar Ouedraogo

„Fünf Jahre lang bin ich zur Schule gegangen, aber dann hatten wir kein Geld mehr.“

Aboubacar Ouedraogo, 15 Jahre

„Kinder sollten nicht in den Goldminen arbeiten, es ist kein guter Ort für sie.“

Salmata Savadogo, 17 Jahre

„Ich fühle mit den Menschen mit. Sie leiden, aber sie sind nicht alleine mit ihrem Leid, ich bin bei ihnen.“

Pater Charlemagne Sawadogo

Den Minen entkommen

Das andere Ende des Schlauchs lässt er in die Tiefe gleiten. Schnell wird deutlich wozu: Ein Windstoß bauscht das Plastik auf und versorgt die Menschen im Inneren der Mine mit Sauerstoff. Geht kein Wind, müssen die Kinder Luft in den Schlauch und damit in die Mine fächeln. „Wenn ich einen anderen Job machen könnte, würde ich sofort wechseln“, sagt einer der umstehenden Arbeiter und sein Blick streift die Buben. Der Mann war einer der ersten, die hier Gold gefunden haben. „Früher gab es in der Nähe eine offizielle Goldmine. Ich war mir sicher, wenn ich dem Wasserlauf folge, finde ich Gold.“ Sein Plan ging auf – dank des Goldes muss seine Familie nie hungern und auch Medikamente für den Krankheitsfall kann er sich leisten. Seine fünf Kinder besuchen die Schule, das ist ihm wichtig. „Ich will nicht, dass meine Kinder hier im Boden nach Gold graben müssen, sie sollen gute Arbeitsbedingungen haben“, sagt er.

63 Mädchen und Buben der Gegend sind mit der Unterstützung der Kirche der gefährlichen Arbeit in den Goldminen entkommen. In einem Ausbildungszentrum in der Stadt Tougouri werden Minenarbeiterinnen und -arbeiter zwischen elf und 17 Jahren etwa zu Tischlern, Schneiderinnen, Webern oder Malerinnen ausgebildet. Zum Abschluss erhalten sie Werkzeug geschenkt und können so in ein besseres Leben starten – ein Leben, das nicht von ein paar Körnchen Gold in der staubigen Erde abhängen soll.

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