Zwischen Wut und Hoffnung

Wirtschaftskrise, Korruption, Covid-19 und dann die Explosion in Beirut: Der Libanon steht vor dem Zusammenbruch. Bischof Mounir Khairallah hilft, wo er kann. Warum die Kirche die Forderungen der Bevölkerung unterstützt und er seine Hoffnung auch auf Europa setzt, verrät er im Interview.

Interview von INES SCHABERGER

allewelt November/Dezember 2020

Es sind erschütternde Fotos, die der maronitische Bischof Mounir Khairallah über Whatsapp schickt: Ein völlig zerstörter Hafen von Beirut, zerfetzte Häuser, eine Kirche, die man fast nicht mehr als solche erkennt, weil die Bänke kreuz und quer durch den Raum geschleudert wurden. „Am Tag nach der Explosion kamen wir mit unserer Jugend nach Beirut, um zu helfen“, sagt der 57-Jährige. Die Fotos zeigen, wie junge Erwachsene Schutt wegräumen und Gottesdienst in der einigermaßen reparierten und geputzten Kirche feiern. Ihren Tatendrang und ihre Wut versteht der Bischof gut.

| Sie führen eine Art öffentliches Tagebuch, in dem Sie die zurückgetretene Regierung und die korrupten Politiker im Libanon kritisieren. Wie gefährlich ist das, was Sie tun?

Gefährlich ist es nicht, aber schwierig, weil sich die politische Klasse nicht verändern will. Sie ist, entschuldigen Sie den Ausdruck, wie die Mafia. Nicht nur unsere Regierung, sondern die ganze politische Elite ist korrupt, seit 30 Jahren. Die Oktoberrevolution 2017 forderte einen radikalen Neuanfang im Libanon. Die Kirche steht hinter der Jugend und der Revolution! Wir wollen eine Veränderung im Libanon.

| Beirut war bekannt als das „Paris des Nahen Ostens“. Was ist passiert, dass die Korruption überhandnahm?

Die politische Elite ist der Grund dafür. Sie dient nicht den Menschen, sondern ihren eigenen Interessen.

| Zur Korruption, zur Wirtschaftskrise und dem Coronavirus kam nun auch noch die Explosion in Beirut…

Wir haben schon viele Krisen im Libanon erlebt. Infolge der Wirtschaftskrise haben viele Libanesen kein Geld mehr auf dem Konto. Mit dem Coronavirus wurde unser Leben noch schwieriger. Durch die Explosion in Beirut können wir nicht mehr weitermachen. Viele Libanesen haben alles verloren, was sie hatten. Doch wir haben unseren Glauben. Er ist sehr stark in den Menschen! Die libanesischen Christen und Muslime wollen die Situation ändern – durch ihren Glauben und ihre Hoffnung.

| Die Hälfte der Menschen im Libanon lebt unter der Armutsgrenze. Was tut die Kirche, um den Menschen zu helfen?

Erstens bleiben wir nah bei den Menschen, „in ihrer Nähe“, wie Papst Franziskus sagt. Zweitens müssen wir den Menschen helfen mit dem, was wir haben. Die Caritas Libanon ist in Beirut aktiv und hilft Christen wie Muslimen gleichermaßen. Drittens versuchen wir langfristig etwas durch Bildung zu verändern. Viele muslimische Familien schicken ihre Kinder in unsere Schulen, weil sie wissen, dass unser Bildungssystem auf christlichen und menschlichen Werten beruht.

| Können Sie garantieren, dass das gespendete Geld auch bei den Menschen ankommt?

Die Menschen haben jedes Vertrauen in die Politiker verloren. Doch die Nichtregierungsorganisationen leisten großartige Arbeit. Wir müssen die internationale Hilfe mit den vielen NGOs koordinieren. Unsere Jugendlichen unterstützen als Freiwillige die Pfarre „St. Antonius von Padua“ in Beirut. Wir sehen das als eine geistliche, soziale und menschliche Mission.

| Ist der französische Präsident Emmanuel Macron derjenige, der den Libanon retten wird?

Ja. Da sind wir uns sicher. Er und der Papst sind die konstante Realität in der Geschichte des Libanon. Sie haben uns immer geholfen, den Libanon zu retten, seit Hunderten von Jahren. Jetzt haben wir volles Vertrauen in ihre Initiative. Wenn ich Frankreich sage, dann meine ich Europa, weil Europa solidarisch mit dem Libanon ist.

| Was wünschen Sie sich für den Libanon und seine Menschen?

Tausende Menschen kamen nach der Explosion nach Beirut, um zu helfen. Die Solidarität, die wir gerade erleben, gibt uns Hoffnung, dass wir nicht nur Beirut wieder aufbauen können, sondern den ganzen Libanon. Der Libanon soll wieder zum Botschafter für Frieden und Verbundenheit werden – für die ganze Welt.

MARONITISCHE KIRCHE

Die maronitische Kirche ist eine mit Rom unierte katholische Ostkirche und zählt nach vatikanischen Angaben rund 3,1 Millionen Mitglieder auf der ganzen Welt. Im Libanon lebt die größte maronitische Gemeinde mit rund einer Million Gläubigen. Mounir Khairallah ist seit acht Jahren Bischof der Diözese Batrun im Norden des Libanons.

Bischof Mounir Khairallah

© Jessie Kohn