Berufen

Nathanaela und Assumpta tun, was für viele kaum vorstellbar scheint: Sie setzen sich als Ordensfrauen für Menschen ein und wachsen dabei über sich selbst hinaus.

von MARKUS ANDORF und LENA HALLWIRTH

allewelt Jänner/Februar 2020

Mit und für Menschen arbeiten

Nathanaela Gmoser

ORDENSFRAU

Alter: 32 Jahre

Wohnort: Wien, Österreich

Schwester Nathanaela Gmoser

Ruhig und mit einem Lächeln im Gesicht setzt sich Schwester Nathanaela mit einer jungen Frau an einen runden Holztisch. Sofort beginnt die Frau zu erzählen. Schwester Nathanaela hört ihr aufmerksam zu. In die sogenannte Gesprächsinsel kommen Menschen, die einsam sind, nicht weiterwissen oder einfach nur mit jemandem reden möchten. Schwester Nathanaela Gmoser vom Orden der Benediktinerinnen der Anbetung arbeitet seit drei Monaten als hauptamtliche Seelsorgerin in der Gesprächsinsel im 1. Wiener Gemeindebezirk. „Zuallererst darf ich den Menschen, die hierherkommen, mein offenes Ohr anbieten. In einem nächsten Schritt vermitteln wir auch konkrete Hilfe und überlegen gemeinsam mit den Menschen, was sie brauchen“, sagt die Ordensfrau. Ihr liegt die Arbeit mit Menschen sehr am Herzen. Vor ihrer aktuellen Aufgabe hat sie in der klostereigenen Einrichtung St. Benedikt für Kinder mit besonderen Bedürfnissen als Gruppenleiterin gearbeitet. Wie auch damals in der Kindergruppe erlebt Schwester Nathanaela ihren Alltag in der Gesprächsinsel oft als herausfordernd, er bringt sie an ihre Grenzen. „Ich bin mit schwierigen Lebenssituationen und existenziellen Problemen von Menschen konfrontiert. Da hilft es mir sehr, dass ich als Ordensfrau ein geregeltes Gebetsleben habe und immer wieder quasi automatisch in die persönliche Begegnung mit Jesus komme“, sagt die 32-Jährige. Es gehört zum Charisma der Benediktinerinnen der Anbetung, dass die Schwestern sich in einem sozialen Beruf engagieren und gleichzeitig intensiv die Anbetung pflegen.

„Diese Kombination ist sehr heilsam – gerade, wenn ich nach einem anstrengenden Tag aus der lauten und hektischen Innenstadt nach Hause komme und einfach in der Stille unserer Kapelle meinen Tag vor Jesus bringen kann.“ Ausgesucht hat sich Schwester Nathanaela ihren Job in der Gesprächsinsel nicht, ihre Oberin hat sie auf die Ausschreibung hingewiesen: „Da habe ich gemerkt: Jesus ruft mich in diese Aufgabe.“ Die junge Ordensfrau sehnt sich danach, für die Menschen, die mit Anliegen kommen, bedingungslos da zu sein. Ob ihr das immer so gelingen wird, weiß sie noch nicht. Aber sie wird es versuchen – jeden Tag aufs Neue.

Dienen und Führen

Assumpta Shwe

ORDENSFRAU

Alter: 50 Jahre

Wohnort: Yangon, Myanmar

Vorsichtig lächelt Schwester Assumpta Shwe in die Kamera. Eigentlich ist ihr die Aufmerksamkeit zu viel. Seit sie vor sechs Monaten zur Generalsekretärin der myanmarischen Ordenskonferenz ernannt wurde, gehören aber auch Pressetermine zu ihrem Arbeitsalltag. Beruflich Verantwortung zu übernehmen, ist ihr nicht fremd. Bereits kurz nach ihrem Eintritt in den Orden der Good Shepherd Sisters übernahm die damals 26-Jährige die Leitung eines Ausbildungszentrums mit mehr als 100 Lehrlingen. Danach arbeitete sie mit Straßenkindern, „aber jetzt arbeite ich zum ersten Mal mit Führungskräften zusammen“, lacht Schwester Assumpta nervös. Sie werde wie immer ihr Bestes geben. Das tun gläubige Frauen in ganz Myanmar. „Sie beten gemeinsam den Rosenkranz, besuchen die Kranken und kochen bei Kirchfesten für die ganze Gemeinde. Sie tun wirklich alles für die Kirche“, erzählt die Ordensfrau. Nur das Wort und die Leitung überlassen sie lieber den Priestern – das möchte Schwester Assumpta ändern. In Zukunft soll es in allen 16 Diözesen verschiedene Bildungsprogramme geben, um besonders Frauen zu stärken.

„Priester und Ordensmänner sind wichtig, genauso wichtig wie Frauen, und die können ebenso führen“, ist sie überzeugt. Die Frau, die Schwester Assumpta in die katholische Kirche führte, war ihre Großmutter. Sie war die erste Christin der Familie. In ihrer Jugend waren es Ordensfrauen, die in der Dorfkirche Religion unterrichteten und Schwester Assumpta von einem Leben für Gott und die Menschen träumen ließen. Mit 15 Jahren zog sie ins Kloster, um sich den Alltag der Schwestern aus der Nähe anzusehen. Hier lebten auch Mädchen, die von zu Hause weggelaufen waren. „Sie waren nirgends willkommen, doch die Schwestern haben jedem Mädchen auf ihre Weise geholfen. Das hat mich sehr beeindruckt, das wollte ich auch machen“ – nächstes Jahr feiert sie ihr 25. Jubiläum als Ordensfrau. Zweifel, ob dieses Leben das richtige für sie ist, habe sie nie gehabt. „Ich war von Anfang an so erfüllt von meiner Mission“, sagt Schwester Assumpta. Mit ihrem Einsatz für die zwölf Männer- und 25 Frauenorden im Land möchte sie christliche Nächstenliebe für möglichst viele Menschen in Myanmar erfahrbar machen.

Schwester Assumpta Shwe