Wenn Teilen dem Leben Reichtum gibt

Pfarrpartnerschaften: Anton Stadler aus der Grazer Pfarre St. Andrä hatte vor 25 Jahren ein Schlüsselerlebnis bei einer Afrika-Reise. Seitdem stellt er Hilfsprojekte in armen Ländern auf die Beine.

allewelt November/Dezember 2020

Eine einzige Reise vor 25 Jahren hat sein Leben verändert: 1995 ist der Grazer Anton Stadler nach Südafrika und Simbabwe gereist. Er war von der dortigen Armut so erschüttert, dass er nach seiner Rückkehr in seiner Pfarre St. Andrä den „Arbeitskreis Weltkirche“ gründete, um Menschen in aller Welt zu helfen.

„Ich erinnere mich noch an die vielen Obdachlosen am Bahnhof in Bulawayo, einer Stadt in Simbabwe. Die haben in Plastikverschlägen gehaust“, erzählt der pensionierte Lehrer. Das war für ihn ein Schlüsselerlebnis: „Für mich war klar: Diesen Menschen muss ich helfen.“

Gesagt, getan: Das erste Projekt war der Bau des „Home of Peace“, ein Heim für Obdachlose. Geblieben ist es im Laufe der Jahre aber nicht bei dem einen Projekt: Sein „Arbeitskreis Weltkirche“ unterstützte Kindergärten in Südafrika, Bildungseinrichtungen und Kirchenbauten in Tansania oder Schulprojekte für Müllkinder auf den Philippinen.

Monika Ségur Cabanac

„Ich bin immer wieder berührt, welch ein großes Herz die Österreicherinnen und Österreicher haben.“

Monika Ségur-Cabanac, Projektmanagerin Pfarrpartnerschaften

Schattenseiten der Gesellschaft

Der Grund für sein Engagement: „Ich kenne Armut. Meine Mitstreiter und ich sind zum Teil im Zweiten Weltkrieg oder in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Ich komme aus einer ganz armen Familie, wir hatten wenig, obwohl mein Vater Akademiker war. Bei meinen vielen Reisen habe ich dann weltweit die Schattenseiten unserer Gesellschaft gesehen. Ich bin dankbar, dass es uns so gut geht.“

Unterstützung erhält Stadler von Missio Österreich. Dort gibt es das Service „Pfarrpartnerschaften“. Dabei werden Pfarren in Österreich bei ihrem sozialen Engagement unterstützt. Die Pfarren profitieren von der langjährigen Erfahrung von Missio in diesem Bereich – von der Finanzierung eines inhaltlich entwickelten Projekts bis hin zur Kontakterstellung mit Pfarren in armen Ländern, um ein Projekt auf die Beine zu stellen.

Pfarren mit steigendem Interesse

In den vergangenen Jahren konnte Monika Ségur-Cabanac, die Verantwortliche für Pfarrpartnerschaften bei Missio, ein steigendes Interesse seitens der Pfarren am Angebot beobachten: „Es gibt einfach ganz viele engagierte Menschen in Österreich. Ich bin immer wieder berührt, welch ein großes Herz die Österreicherinnen und Österreicher haben.“

Ihre Arbeit bezeichnet Ségur-Cabanac nicht nur als Beruf, sondern als Berufung. Sie leitet selbst eine Pfarrpartnerschaft in ihrer Pfarre Dornbach in Wien. „Wir haben im vergangenen Jahr ein dreijähriges Landwirtschaftsprojekt in Burundi begonnen. Die meisten Gelder wurden bereits im ersten Semester benötigt, deshalb hat Missio die Gelder vorfinanziert und wir konnten zur richtigen Jahreszeit starten. Zwischenzeitlich haben wir das Projekt dann in unserer Pfarre vorgestellt und Spenden gesammelt.“

Anton Stadler

„Wenn man nur einem Menschen geholfen hat, dann war das Leben schon lebenswert.“

Anton Stadler

WAS ICH NIE VERGESSEN WERDE:

In Bulawayo, einer Millionenstadt, die im Südwesten von Simbabwe liegt, begegnete ich vor 24 Jahren am Bahnhofsgelände einer für mich schrecklichen Armut. Aus Plastiksäcken behelfsmäßig aufgestellte Einzelbehausungen, aus denen es nach Urin und anderen Ausscheidungen roch, sah ich Männer, Frauen und Kleinkinder, die darin in unvorstellbarem Dreck wohnten. Bei einer dieser „Unterkünfte“ fragte ich, ob ich eintreten darf. Ein alter, in Lumpen gekleideter Mann, erlaubte mir einzutreten. Seine auf mich gerichteten Augen wollten sagen: „Mein Freund, du siehst, in welchem Elend ich hause, jedoch habe ich die gleiche Würde wie du.“ Das war für mich das Schlüsselerlebnis, etwas gegen diese hässliche Armut zu tun.

Ein alter Buschmann unterwegs in Simbabwe antwortete auf die Frage nach seinem Alter: „Ich bin so alt wie meine Enttäuschungen und so jung wie meine Hoffnungen.“ Nach diesem Motto wollen wir unseren Weg in Afrika fortsetzen.

Projekte und Menschen finden zueinander

Den Pfarrprojekten sind keine Grenzen gesetzt, sei es bei der Unterstützung von Missionarinnen und Missionaren, der Errichtung von Schulen oder dem Ausbau der Grundversorgung in armen Dörfern. „Unsere Erfahrung ist, dass das Projekt selbst zu den Menschen findet: Erst durch eine menschliche Beziehung entsteht das Interesse an einer konkreten Region in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Dann möchte man aktiv werden“, weiß Ségur-Cabanac. Auch bei Anton Stadler war es so. Aktuell beschäftigt sich der 72-Jährige wieder mit seinem allerersten Projekt, dem „Home of Peace“. Die Menschen in dem Obdachlosen-Heim sind durch die Coronavirus-Pandemie schwer gezeichnet. Es gibt kaum leistbare Lebensmittel, geschweige denn dringend benötigte Medikamente. Stadler versucht nun, von Österreich aus Unterstützung in die Wege zu leiten.

Er ist sich bewusst, dass sein Engagement viel Zeit in Anspruch nimmt und Entbehrungen mit sich bringt: „Man muss ständig mit den Leuten vor Ort in Kontakt bleiben, man muss auch teilen. Teilen heißt, es muss auch manchmal wehtun. Man muss einen entsprechenden Beitrag leisten und verzichten können.“ Aber das ist es ihm wert: „Ein Einzelner wird die Welt nicht verändern. Aber wenn man nur einem Menschen geholfen hat, dann war das Leben schon lebenswert.“

PFARRPARTNERSCHAFTEN

In vielen Pfarren besteht der Wunsch, Menschen in den armen Ländern zu helfen. Aus diesem Grund hat Missio Österreich die Idee einer Pfarrpartnerschaft entwickelt. Durch die weltweite Vernetzung mit kirchlichen Partnerinnen und Partnern sind die Päpstlichen Missionswerke den Menschen in den Ländern des Südens ganz nahe und kennen die Nöte vor Ort. Missio Österreich stellt ihre Erfahrungen in der Projektarbeit zur Verfügung und will Austausch schaffen, von hier zu dort und von dort zu hier.

Pfarrpartnerschaften
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