Kirche der Erzdiözese Wien – was ist dein „Why“

Vor mehr als 10 Jahren initiierte Kardinal Schönborn die erste sogenannte Diözesanversammlung der Erzdiözese Wien. Klar war: Kirche muss fit für die Zukunft werden. Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums des Erzbischofs von Wien blickt die Leiterin der Dienststelle APG Andrea Geiger zurück und zieht ein Resümee. 

von ANDREA GEIGER

allewelt November/Dezember 2020

Es war eine steile Ansage von Kardinal Christoph Schönborn am Ende der dritten Diözesanversammlung im Oktober 2010, zusammengefasst in drei Punkten, welchen Weg die Erzdiözese Wien einschlagen soll:

1. Mission first

2. Jüngerschaft

3. Strukturentwicklung

„Kirche von Wien – wozu bist du da? Was ist deine Mission, dein Auftrag?“ – Um das herauszufinden, sind wir eingeladen, uns auf die Lebensschule Jesu einzulassen, von ihm zu lernen. Was hat er gemacht? Und vor allem – wie hat er es gemacht? – Das ist Jüngerschaft! Oder um ein Wort aus dem Johannesevangelium zu zitieren: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13,35) Wenn wir uns darauf einlassen, werden sich auch Strukturen verändern (müssen). Kirche ist vor allem anderen die Gemeinde Jesu („damit wir Christus werden“) – alle gemeinsam für die Welt.

Andrea Geiger

ANDREA GEIGER

wurde 1970 in Vorarlberg geboren und lebt seit 1994 in Wien. Sie hat die Fäden bei diversen kirchlichen Großveranstaltungen gezogen, wie bei dem Internationalen Kongress Stadtmission, dem Mitteleuropäischen Katholikentag oder dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Österreich. Im Jahr 2002 initiierte sie außerdem die mittlerweile profilierte Aktion „72h ohne Kompromiss“. Seit 2008 leitet sie die Dienststelle APG der Erzdiözese Wien.

Marathon und Mission – gar nicht so weit auseinander?

Ein Jahr lang habe ich meinen Schwager beobachtet – sehr kritisch. Es fing mit seiner Ansage an, er wolle einen Marathon laufen, einen ganzen. Nun – mein Schwager war immer schon ein sehr sportlicher Mann. Aber 42,2 km zu rennen, ist auch für einen Hobbysportler eine knackige Herausforderung.

Ich muss gestehen, ich hatte keine Vorstellung davon, wie man sich auf einen Marathon vorbereitet. Aber das, was ich dann beobachtet habe, hat mir definitiv nicht Lust gemacht, mir auch so etwas vorzunehmen. Es hat mich auch nicht auf den Geschmack gebracht. Ich konnte so überhaupt nicht verstehen, wie man sich das antun kann. Ich fand, man muss nahezu masochistische Züge haben… vom (fast) täglichen Training – steigernd, Rückschläge, Tagebuch führen über Vitalwerte, Ernährung, geleistete Kilometer und Gesamtverfassung. Wieso macht man das??? So eine Quälerei!? Für mich war das ein unergründliches Rätsel.

Und dann bekam ich eines Tages ein Foto via WhatsApp: Mein Schwager über der Ziellinie. 42,2 km unter 4 Stunden. Mein erster Gedanke beim Anblick dieses Fotos – und bis heute: Warum bin ich noch nie auf die Idee gekommen, einen Marathon zu laufen? Das muss doch mit Abstand das überhaupt Allerbeste sein, was man tun kann!

Ich bin Kirche wie du

Welches Bild nimmt jemand auf, wenn er/sie einen Einblick in unsere Pfarre, in die Diözese, in die Kirche wagt? Sind wir im Trainingscamp oder haben wir eine Ahnung vom Ziel?

Da gibt es zum einen ein äußeres Erscheinungsbild: Die Optik unserer Bauten und Räume, die Eingangsbereiche von Kirchen und Pfarrräumen, Türschilder, Orientierungshinweise. Wenn ich hier das erste Mal davor stehe… welchen Eindruck macht das auf mich?

Und der meist zweite Eindruck: Welchen Menschen begegne ich hier? Begegne ich überhaupt Menschen? Wenn jetzt jemand seine Nase an unsere Fenster drückt… Was sieht er/sie? Weckt das, was er/sie sieht, das Bedürfnis nach mehr? – „Ich will da unbedingt rein! Ich will da dabei sein!“

„Aber Kirche, das sind doch in erster Linie Menschen, Frauen und Männer, Kleine und Große, Dicke und Dünne, … – und nicht einfach nur ein Ort oder ein Gebäude.“

Andrea Geiger

Der nächste Einblick kommt dann, wenn jemand sich uns nähert. Was bekommt jemand mit, wenn er/sie unsere Gespräche hört… am Kirchplatz, beim Pfarrkaffee, in Sitzungen, Besprechungen, … reden wir miteinander oder übereinander? Wie ist die Grundmelodie unserer Gespräche – aufbauend oder abkanzelnd, mürrisch oder liebevoll? Finden wir jeden rostigen Nagel im Heuhaufen unserer Nachbarn und Glaubensgeschwister oder heben wir wertvolle Kräuter?

In unseren Gottesdiensten feiern wir Gott, den Großen, den behutsam Gegenwärtigen, den unendlichen Liebhaber des Lebens, der uns zärtlich in die Arme nimmt und uns durch sein Menschwerden gezeigt hat – Es ist möglich! – die Liebe und das Leben sind stärker, herzliche Großzügigkeit bringt Leben in Fülle für alle…

Was wäre, wenn das, wovon wir reden, spürbar wird? Wenn die großen Worte der Verkündigung wie Liebe, Gnade, Frieden, Freude, Gott mit uns, Gott rettet … erfahrbar werden? Wenn Menschen so, wie sie sind (und nicht, wie wir sie gerne hätten), einfach dazugehören dürfen. Und wenn das, was unsere Verkündigung/unser Evangelium ist, hilfreich für ein gutes, erfülltes Leben ist. Aber dafür muss es auch verständlich sein. Geben wir in unseren alltäglichen Begegnungen Zeugnis von der behutsamen Gegenwart, von der verschwenderischen Schönheit Gottes – innerlich wie äußerlich?

Kardinal Schönborn

Kirche von Wien oder noch besser Kirche für Wien

Das sind doch in erster Linie Menschen, Frauen und Männer, Kleine und Große, Dicke und Dünne, … – und nicht einfach nur ein Ort oder ein Gebäude. Eine wesentliche Leitfrage dabei ist immer: „Spüren die Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, dass wir Christinnen und Christen sind? Woran merken sie es? Wird Evangelium, Frohe Botschaft erfahrbar, wenn jemand uns begegnet? – Wir haben wohl noch viel zu lernen und zu entwickeln…

Kardinal Schönborn hat mit seiner programmatischen Ansage vor zehn Jahren Bezug genommen auf sein „Bischofsmotto“, seinen Wahlspruch als Bischof aus dem Johannesevangelium „Euch aber habe ich Freunde genannt.“ (Joh 15,15) Es ist die Grundmelodie seines Lebens als Christ und seines Wirkens als Bischof: Aus seiner Freundschaft mit Christus heraus, Menschen diese erfüllende und befreiende Freundschaftsbeziehung gleichermaßen zu eröffnen und sie behutsam hineinzubegleiten.

Möglicherweise haben wir hin und wieder die Reihenfolge umgedreht, drängen die Strukturfragen an erste Stelle. Manchmal vertauschen wir die Bedeutung von Form und Inhalt, droht der rote Faden verloren zu gehen… Auch wenn wir über weite Teile eine alt und langweilig gewordene Kirche sind, müde geworden des ewigen Anfangens, steht über uns nicht nur die Zusage unseres Freundes und Meisters Jesus: „Ich bin mit euch allezeit!“, sondern auch sein Auftrag: „Jüngert (macht zu meinen Freunden und Lehrlingen) alle Völker (Frauen und Männer), indem ihr sie tauft und lehrt mit mir zusammen zu sein (nach Mt 28,19f), denn Rettung, Erlösung, Befreiung, Heil (für jeden Menschen) sind mein „why“.

Mission heißt, herauszufinden, was Gott gerade tut, um sich dann daran zu beteiligen.