Alte Orte, neue Kraft

Pilgern liegt im Trend – nicht nur in Europa. Als Priester sind Michael und Aloys in ihre Heimatpfarren zurückgekehrt, um für tausende Menschen aus vielen verschiedenen Ländern dazusein.

von LENA HALLWIRTH und KATHARINA BREINER

allewelt Mai/Juni 2020

Offen für alle – aus Tradition

Aloys Cambara

PILGERSEELSORGER

Alter: 53 Jahre

Wohnort: Muyaga, Burundi

Portrait von Aloys Cambara

Beinahe könnte man glauben, man befinde sich in einem alten Bibelfilm. Doch die tausenden Menschen, die sich auf dem kleinen Hügel im Osten Burundis versammelt haben, sind keine Komparsen. Eingewickelt in farbenprächtige Tücher oder schlicht in Jeans und Pullover haben sie sich frühmorgens auf den Weg in die Pfarre Muyaga gemacht. Nun sitzen sie auf großen Steinen, kleine Kinder auf dem Schoß, die meisten aber stehen und versuchen, die Worte des Predigers zu hören oder einen Blick auf das Geschehen rund um den Altar am Fuße des Hügels zu erhaschen. Dann kommt Bewegung in die Menschenmasse. Unterstützt von ein paar Pfadfindern und zahlreichen Ministrantinnen und Ministranten klettert Aloys Cambara die Anhöhe hinauf und steht jetzt mitten unter den Menschen. In der Hand hält er einen silbernen Kelch, aus dem er den Gläubigen die Kommunion spendet. Pater Aloys ist Priester an einem außergewöhnlichen Ort: Es ist der Ort der ersten Messfeiern und der ersten Taufe Burundis. Knapp zwei Drittel der Menschen gehören dem katholischen Christentum an – von Muyaga aus verbreitete es sich vor 122 Jahren über das kleine ostafrikanische Land.

Pater Aloys ist stolz auf die Geschichte seiner Pfarre. Enthusiastisch erzählt er vom Leben der ersten Missionare, während er zu den Gräbern der Niederländer führt. Wie die ersten burundischen Christen wurde auch er in Muyaga getauft. Nie hätte er gedacht, hier einmal selbst als Priester zu dienen. Mittlerweile fühlt er sich sehr wohl mit den vielen Menschen, die von überall her nach Muyaga pilgern. Nicht nur für katholische Christinnen und Christen hat dieser Ort eine besondere Anziehungskraft, auch Protestanten, Angehörige diverser Freikirchen und Muslime beten hier. Pater Aloys heißt sie alle willkommen, auch das gehört für ihn zur Tradition Muyagas: „Die ersten Missionare haben diesen Ort schließlich dem Allerheiligsten Herzen Jesu gewidmet und das Herz Jesu ist offen für die ganze Welt. Es berührt alle Menschen, denn Gott liebt jeden Mann, jede Frau und jedes Kind.“ Wenn ihm der Trubel zu viel wird, steigt auch er auf den Hügel, um Jesus seine Sorgen anzuvertrauen und im Gebet neue Kraft zu schöpfen.

Dienen zwischen Pilgern und Einsatzfahrzeugen

Michael Staberl

PILGERSEELSORGER

Alter: 49 Jahre

Wohnort: Mariazell, Österreich

Noch herrscht Ruhe rund um die rot-weiße Basilika von Mariazell. Die Pilgersaison im größten Wallfahrtsort Österreichs beginnt erst in einigen Wochen. Trotzdem, ganz alleine ist man hier, mitten in den steirisch-niederösterreichischen Alpen, selten. Seit über 860 Jahren pilgern Menschen schon zur Marienstatue der Magna Mater Austriae, der großen Mutter Österreichs. Die Pilgerinnen und Pilger kommen aus Österreich, Ungarn, Tschechien, der Slowakei und vielen anderen Ländern. Von Anfang an waren es Mönche aus dem Benediktinerstift St. Lambrecht, die sich um die Wallfahrenden gekümmert haben. Pater Michael Staberl folgt dieser Tradition. Seit vier Jahren ist der gebürtige Mariazeller Superior in seinem Heimatort: „Ich bin in meiner Position hauptsächlich mit organisatorischen und verwaltungstechnischen Aufgaben beschäftigt. Aber ich darf jeden Tag vielen beeindruckenden Menschen begegnen. Das ist etwas Besonderes.“ Vom Staatschef bis zum Kardinal sei alles dabei. Eines tut dem blonden Benediktiner jedoch leid: Diese Begegnungen sind meist sehr kurz. Umso größer ist die Herausforderung für ihn, jeder Pilgergruppe ein besonderes Willkommen zu bereiten. Oft hat er dafür nur fünf Minuten Zeit. Ein paar Worte des Willkommens, ein Segen und dann kommt schon die nächste Gruppe und will betreut werden.

Ohne Unterstützung könnte sich Pater Michael nicht um die tausenden Pilger kümmern. Fünf Mitbrüder aus seinem Heimatkloster St. Lambrecht unterstützen ihn das ganze Jahr über. Gemeinsam leben sie so auch in Mariazell die klösterliche Routine und benediktinische Gastfreundschaft. In der Hochsaison kommen zusätzlich noch Priester aus ganz Österreich, Ungarn, aber auch Polen oder Indien, um auszuhelfen. Pater Michael Staberl schätzt diese Vielfalt und Buntheit der Kirche, die er durch seinen Dienst erlebt: „Wir fragen die Menschen nicht, ob sie konservativ oder modern, katholisch oder protestantisch sind. Bei der Muttergottes haben alle Platz.“ Braucht Pater Michael eine Auszeit, zieht er sich auf einen der Berge rund um Mariazell zurück und genießt die Natur. Manchmal tauscht er seinen schwarzen Habit gegen Helm und blaue Dienstkleidung der Freiwilligen Feuerwehr. Der Benediktiner ist nämlich auch Landesfeuerwehrseelsorger – wann immer es möglich ist, rückt er gemeinsam mit seinen Kameraden aus. Für die Menschen da zu sein, ist seine Berufung.

Michael Staberl