Geld ist nicht alles

Lucia Trostberger hat im Rahmen ihres Volontariats Kindern mit Behinderung geholfen und kehrte mit wertvollen Erkenntnissen nach Österreich zurück.

allewelt Jänner/Februar 2020

Nächstenliebe ist für die 23-jährige Lucia Trostberger das oberste Gebot: Anderen Menschen zu helfen, ist für die Krankenpflegerin aus Tirol nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Das hat sie auch ganz stark während ihrer zwölf Wochen in Äthiopien gemerkt. Dort hat sie von Anfang März bis Anfang Juni in verschiedenen Einrichtungen der Mutter-Teresa-Schwestern (Missionaries of Charity) ein Volontariat absolviert, half unter anderem bei der Betreuung von Kindern mit Behinderung.

Freude bereiten

Diese Zeit war für Lucia so prägend, dass sie derzeit – zurück in Österreich – jeden Urlaubstag und jede Überstunde sammelt, damit sie bald wieder ehrenamtlich nach Äthiopien zurückkehren und den Menschen helfen kann: „Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an meine Zeit und an die Menschen dort denke. Ich überlege schon die ganze Zeit, was ich machen soll, wenn ich nochmals rüberfliege.“ Wann das sein wird, weiß sie noch nicht.

Während ihres Aufenthalts in Afrika war Lucia in mehreren Einrichtungen der Mutter-Teresa-Schwestern tätig. In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba beispielsweise kümmerte sie sich um Kinder mit Behinderungen bzw. um jene, die an HIV erkrankt waren. Ihr Arbeitstag startete in der Regel um 8.00 Uhr. Zu ihren Aufgaben gehörte es, bei der Betreuung zu helfen, mit ihnen zu spielen und mit ihnen Rechnen oder Englisch zu lernen.

Besonders in Erinnerung ist Lucia dabei Jacob geblieben. Der junge Mann ist knapp 20 Jahre alt und hat eine körperliche und geistige Behinderung. „Jakob ist mit seinem Rollstuhl normalerweise innerhalb der Räumlichkeiten recht mobil, außerdem ist er ein Sonnenschein und lacht den ganzen Tag“, erinnert sich die Tirolerin: „Doch auf einmal war er nicht mehr bei den anderen Heimbewohnern, sondern musste im Bett liegen, da sein Rollstuhl kaputt gegangen war. Daraufhin habe ich alles in die Wege geleitet und einen neuen Rollstuhl in der Stadt gekauft. Als ich ihm sein neues Gefährt gab und ihm half, sich hineinzusetzen, strahlte er über das ganze Gesicht. Die restliche Zeit, in der ich dort war, begrüßte er mich immer mit einem breiten Lächeln und ‚stürmte‘, soweit es ihm möglich war, auf mich zu.“

„Dieser Einsatz hat mein Leben sehr verändert. Ich lebe nun bewusster und mir ist klar, in welchem Land ich leben darf. Das ist eine wundervolle Erkenntnis.“

Lucia Trostberger

Liebe schenken

Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Welt. Viele Menschen haben nur das Nötigste zum Überleben. Besonders im Norden und Nordwesten des Landes gibt es Dürren, Wassermangel und Ernteausfälle, die immer wieder für große Not sorgen. Trotz all der Armut gibt es Wesentliches, das man von den Menschen dort lernen kann: „Mich hat vieles geprägt und wird mich auch noch auf meinem weiteren Lebensweg begleiten“, erzählt Lucia. Vor allem hat sie nämlich für sich erkannt, dass man zwar ohne Geld nicht leben kann, Geld allein aber auch nicht glücklich macht.

„Hier in Österreich leben viele Menschen mit ausreichend viel Geld und doch sind viele einsam. Die meisten Menschen in Äthiopien haben kein – oder nur wenig – Geld und doch sind sie in gewisser Weise glücklich, weil sie einen enormen Familienzusammenhalt haben und sich gegenseitig ermutigen und Liebe schenken.“

Immer wieder gab es Momente, die sie nachdenklich machten: „Ich habe mich oft gefragt, warum ich in Österreich auf die Welt kommen durfte und diese Menschen nicht, doch diese Fragen bereiten einem nur Kopfzerbrechen. Denn darauf wird man nie eine Antwort erhalten. Ich glaube, ich bin dazu auserwählt worden, den Leuten dort zu helfen.“

WAS ICH NIE VERGESSEN WERDE:

Schon alleine die Landung am Flughafen – ich wusste, dass ich in einer anderen Welt angekommen bin: Die Erde hatte eine andere Farbe, die Straßen waren mit Müll überhäuft und beim Weg zu den Schwestern sind mir die vielen Marktstände am Straßenrand aufgefallen. Es hat mich beeindruckt, wie hart vor allem die Frauen gearbeitet haben, teilweise haben sie mehr Lasten als die Männer getragen. Auf einem Berg traf ich Frauen, die unzählige Stöcke auf ihren Rücken transportierten – ich habe es ausprobiert: Ich konnte die Last nicht heben, selbst mit beiden Händen nicht. Ich habe diesen Frauen meinen Respekt gezollt und gesagt, dass ich das nicht könnte, doch eine Frau meinte nur, ihr bliebe nichts anderes übrig. Sie müsse das Holz nach Hause tragen und verkaufen. Sonst könnte sie ihre Kinder nicht versorgen.

Bewusster leben

Lucia absolvierte das Volontariat im Rahmen des Programms „Abenteuer Weltmission“ von Missio Österreich. Dabei können sich junge Menschen ab 18 Jahren mindestens vier Wochen aktiv an solidarischen Projekten in aller Welt beteiligen. Die Anreise und medizinische Versorgung wie Impfungen sind selbst zu bezahlen. Verpflegung und Unterkunft werden zur Verfügung gestellt.

Die junge Tirolerin hat es keine Sekunde bereut, nach Äthiopien gereist zu sein. Sie hat viel gelernt und ist innerlich gewachsen, sagt sie überzeugt: „Wenn man nach dem Aufenthalt noch die Gleiche wäre wie zuvor, dann hätte man kein Herz.“ Für Lucia war das Volontariat „die beste Entscheidung“ und sie kann anderen nur dazu raten. „Dieser Einsatz hat mein Leben sehr verändert. Ich lebe nun bewusster und mir ist klar, in welchem Land ich leben darf. Das ist eine wundervolle Erkenntnis.“

Lucia Trostberger

Die 23 Jahre alte Gesundheits- und Krankenpflegerin wohnt seit ihrer Geburt in Telfs in Tirol. Der jungen Frau ist es ein Herzensanliegen, für andere Menschen da zu sein. Aus diesem Grund ist sie im März 2019 nach Afrika gefahren. Zwölf Wochen lang half sie in Einrichtungen der Mutter-Teresa-Schwestern (Missionaries of Charity) in Äthiopien mit.