Auf der Suche nach dem Mut

Äthiopien: Petra Poinstingl wurde vor ihrer Reise nach Afrika stark verunsichert, ließ sich aber nicht beirren – und kehrte als selbstbewusste Frau zurück.

allewelt September/Oktober 2019

„Glaube einfach keinem etwas, die wollen nur Geld von dir.“ Oder: „Für die Menschen dort sind wir nur wandelnde Geldscheine.“ Das und ähnliches bekommt Petra Poinstingl zu hören, wenn jemand mitbekommt, dass sie nach Afrika reisen wird. Doch trotz des Gefühls der Verunsicherung zieht die 24-Jährige ihren Plan durch, alleine nach Äthiopien zu fahren, um dort ein mehrwöchiges Volontariat in verschiedenen Einrichtungen der Missionarinnen der Nächstenliebe zu machen. Schließlich ist es ihr langgehegter Traum, den Kontinent einmal zu bereisen. Und sie belehrt ihre Kritiker eines Besseren: Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch reist die junge Frau im Sommer 2018 ab. Zurück nach Hause ins niederösterreichische Hörmanns kommt sie zwölf Wochen später mutig und selbstbewusst. In Äthiopien lernt sie, Grundvertrauen zu haben. Zu ihrem Leitsatz wird dabei: „Jesus, ich vertraue auf Dich.“

Petra Poinstingl

„Mein Leitsatz ist: Jesus, ich vertraue auf Dich.“

Petra Poinstingl, Behindertenbetreuerin

Wenn der Mut wächst

Den Großteil ihres Volontariats verbringt die gelernte Behindertenbetreuerin in der Stadt Jimma, um in einem Spital bei der Wundversorgung zu unterstützen. Täglich hilft sie dort vielen Menschen mit Schnitten, Ausschlägen oder Verbrennungen. Auch hier ist Petra mit dem Thema Mut konfrontiert – nämlich mit dem ihrer Patientinnen und Patienten. „Es ist schon klar, die Menschen können nicht anders, weil es keine Betäubungsmittel gibt. Aber es hat selten jemand geschrien oder Schmerz gezeigt. Ich glaube, für die Menschen in Europa wäre das undenkbar.“

Und auch bei sich selbst kann sie Tag für Tag beobachten, wie der Mut wächst. „Am Anfang war es natürlich schwierig“, erinnert sich die Niederösterreicherin. So traut sie sich anfangs nicht einmal aus der Anlage der Missionarinnen der Nächstenliebe heraus, wo sie wohnt. „Auf der Straße waren viele Menschen unterwegs, die mich angesprochen haben und Geld wollten. Ich habe mich einfach unwohl gefühlt. Ich habe gedacht: Ich bin eine Frau, ich bin alleine. Mir könnte etwas passieren.“ Ganz das Gegenteil ist am Ende ihres Aufenthalts der Fall: „Ich habe mich sicher gefühlt und gewusst: Mir kann nichts passieren. Ich bin sogar alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren.“

Beeindruckt ist Petra auch von den Missionarinnen, die sie beherbergen. Diese widmen ihr Leben hingebungsvoll Gott, sind besonders fürsorglich und gehen mit „Meinungsfreiheit“ auf Menschen zu. „Sie versuchen jedem zu helfen, egal ob es ein guter Mensch ist oder nicht. Und sie sind auch nicht nachtragend. Wenn etwas war, dann gehen sie am nächsten Tag auf dich zu als wäre nie etwas gewesen. Das können nicht viele Menschen.“

WAS ICH NIE VERGESSEN WERDE:

Am berührendsten war für mich ein Theaterstück in Asco, vorgeführt von Kindern mit Behinderung. Eines Nachmittags baten die Schwestern uns, mit den Kindern in den großen Saal zu kommen und mitzuhelfen – ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Jeder Volontär hat ein wenig beim Aufbauen und Umziehen geholfen – dann wurde es spannend. Als die Musik startete, wurde ich in den Bann des Theaters gezogen. Die Handlung vom Leben und Sterben Jesu wurde rein tänzerisch vorgeführt. Die Tänzer haben so wundervoll und so stark getanzt, es war unglaublich schön anzusehen. Ich war teilweise so gerührt, dass mir die Tränen kamen. Ich wollte gar nicht, dass das Stück endet. Ich hätte mir niemals gedacht, dass Kinder mit Behinderung so tanzen können. Für mich als Behindertenbetreuerin war das ein unvergesslicher Moment.

Eine schöne Zeit

Petra machte das Volontariat im Rahmen des Programms „Abenteuer Weltmission“ von Missio Österreich. Dabei können junge Menschen ab 18 Jahren mindestens vier Wochen helfen und sich aktiv an solidarischen Projekten in aller Welt beteiligen. Die Anreise und medizinische Versorgung wie Impfungen sind selbst zu bezahlen. Verpflegung und Unterkunft werden zur Verfügung gestellt. In Petras Fall stellten die Missionarinnen der Nächstenliebe das Quartier. Im Gegenzug half die junge Frau zwölf Wochen im Spital und später in einer anderen Einrichtung bei der Betreuung von Kinder mit Behinderung.

Die junge Niederösterreicherin bereut ihren Einsatz jedenfalls nicht. Trotz aller Herausforderungen des Alltags, der auch im Überwinden ihrer Ängste bestand, sagt sie im Nachhinein: „Ich habe die Zeit sehr genossen.“ Heute geht sie mutiger durch das Leben, ist unvoreingenommener anderen Menschen gegenüber und setzt mehr denn je auf Gott: „Wenn mir etwas Angst macht, dann weiß ich nun, dass es gut wird.”

Petra Poinstingl

Petra Poinstingl

Die 24-jährige Niederösterreicherin wohnt in Hörmanns, in der Nähe von Zwettl. Sie arbeitet als Behindertenbetreuerin. 2018 verwirklichte sie ihren Traum, ein afrikanisches Land zu besuchen. Zwölf Wochen lang half sie in verschiedenen Einrichtungen der Missionarinnen der Nächstenliebe in Äthiopien mit.